Lesepredigt zum Dritten Sonntag nach Trinitatis 2020 (28. Juni 2020)

Von Pfarrer Andreas Strauch

Hesekiel (= Ezechiel) 18, 1-4.21-24.30-32:
1 Und des Herrn Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der Herr. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Liebe Gemeinde,
Sprichwörter geben Erfahrungen weiter.
Das zitierte Sprichwort von den sauren Trauben, die die Väter essen – und die Kinder bekommen davon stumpfe Zähne – war seinerzeit bekannt und in Umlauf.
In ihm spiegelt sich eine Erfahrung wider, die zeitübergreifend ist.
Wie oft müssen Menschen die Suppe auslöffeln, die andere ihnen eingebrockt haben – so sagen wir in einer Redewendung.
Manchmal ist es uns gar nicht bewusst:
Wir sind – auch – Produkt von Verhältnissen.
Wir sind geprägt.

Das Elternhaus, in dem wir aufgewachsen sind, spielte eine wichtige, schwer zu überschätzende Rolle für unser Leben; das Elternhaus, in dem Kinder aufwachsen, spielt eine wichtige, schwer zu überschätzende Rolle für deren Leben:
für die Bildung,
für die Gesundheit (durch die Ernährung),
für das Selbstbewusstsein (durch Ermutigung, Wertschätzung, Vertrauen, Freiheit, Liebe),
für soziale Kontakte:
Mit welchen Menschen kommen wir zusammen?
Was wird gefördert, was nicht?
Welche Umgangsformen lernen Kinder und Jugendliche, welche Werte? Was haben wir Erwachsene seinerzeit davon gelernt und uns bewahrt?
Wurde/ wird offen geredet im Elternhaus – oder geschwiegen? Konnte etwa die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit mit den Eltern, die diese miterlebt haben, geführt werden – wenn ja: wie konnte sie geführt werden?
Wie wird mit Konflikten, Fehlern, Schuld umgegangen? –
Vieles bekommen wir von zu Hause mit, haben wir dort gelernt, hat Einfluss auf unser Verhalten, Empfinden und Denken.

Aber auch die politischen Verhältnisse prägen Menschen:
In welchem politischen System wächst man auf?
In einer Demokratie, in einer Diktatur? Kennt man von daher Angst oder Widerstand oder Mut oder Feigheit oder Bedrückung oder Freiheit – wie mischt sich das?

Schließlich sind wir auch in unserem Glaubensleben geprägt, auch da fragt sich:
Was haben wir mitbekommen?
Was ist uns wichtig geworden?
Erfahren wir den Glauben eher als einengend oder als befreiend?
Wer hat uns geprägt? Oft sind es Großmütter gewesen. Oder Mitarbeiter der Jugendarbeit. Manchmal auch ein Pfarrer oder eine Pfarrerin.

Also: Wir sind Produkte von Menschen und Verhältnissen – auch.
Und für vieles müssen wir geradestehen, was andere vor uns, mit uns und für uns gemacht oder nicht gemacht haben.

So können wir uns nicht einfach der Versöhnungsarbeit verweigern, nur weil wir Nachgeborene sind. Die Gräuel der NS-Zeit und auch des ersten Weltkrieges legen uns später Lebenden Verpflichtungen auf.

Und wir heute Lebenden müssen auch an unsere Nachgeborenen denken!
Mit unserem Lebenswandel, unserem Umgang mit Ressourcen, unseren Bemühungen zum Artenschutz fallen die Entscheidungen für die Zukunft. Jetzt werden die Weichen gestellt!
Nachfolgende Generationen bekommen hoffentlich keine stumpfen Zähne – wenn wir heute keine sauren Trauben essen!
Nachfolgende Generationen finden die Ergebnisse und Konsequenzen unserer Entscheidungen vor.

Wiederum: Auch kirchlich haben wir erlebt: Zwei bis drei Generationen haben ausgereicht, um einen weitgehenden Traditionsabbruch  entstehen zu lassen, der sich nur ganz langsam wieder auffüllen lässt.

Und doch – ist das alles nicht alles, es ist nur die halbe Wahrheit, weniger sogar.

Die Israeliten dachten auch so, wie es das damals gängige Sprichwort ausdrückt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ (s.o. Hes./Ez. 18, 2 b)
Sie waren im Exil.
Das waren ihre stumpfen Zähne.
Verursacht von den sauren Trauben der Väter: die ständige Abkehr von Gott.
Hesekiel (in der Luther-Bibel genannt: Ezechiel), der Prophet, der erst im Exil zum Propheten berufen wurde, teilt ihnen den anderen Teil der Wahrheit mit, den größeren: Gottes Wahrheit.
Er setzt das Sprichwort außer Kraft – in gewisser Weise jedenfalls.
Nicht weil es gar nicht stimmt.
Sondern weil man da nicht stehen bleiben soll.
Damals nicht wie heute nicht.
Es gibt nicht nur die Verantwortung der Vorfahren, es gibt auch eine eigene Verantwortung!
Um die geht es.

Jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich.
Jeder Mensch ist dabei unmittelbar zu Gott.
Man kann sich da nicht auf andere berufen oder an andere dranhängen.
Es geht darum, was wir aus unserem Leben machen, wie wir uns zu Gott stellen – heute, unabhängig von den Lasten unserer Vergangenheit, wenn auch unter ihren Bedingungen.

Ja, die Vergangenheit prägt unser Leben – immer, jeden Tag wird unsere Vergangenheit länger und kommen Erfahrungen, eben auch prägende Erfahrungen hinzu.
Aber lähmen, festlegen kann und soll die Vergangenheit uns nicht.
Nicht solange wir leben.
Sonst wären wir wirklich tot.
Wir haben immer noch selber Handlungsspielraum.

Das ist ein Gedanke, der gerade auch evangelischen Christen guttut.

Natürlich betonen wir immer wieder, wie wir von Gott, dem dreieinigen Gott, gefüllt sind, wie wir Gott im Grunde nur machen lassen müssen.
Dass es – vor allem Handeln – das wichtigste ist, sich für Gott offen zu halten: nicht den eigenen Werken das Entscheidende zuzutrauen, sondern Gottes Werken, Gottes Handeln.
Es stimmt und kann gar nicht oft genug gesagt werden.
Paulus und Luther haben es immer wieder erfahren und gesagt.
Das ist evangelische Freiheit.
Freiheit vom Zwang, es selbst richten zu müssen oder zu wollen.
Das ist Evangelium pur!

Und daraus ergibt sich, wie von selbst: Derart von Gott gefüllt, sind wir nun auch in der Lage, selbst etwas zu tun.
Aus dem Empfangen folgt Kraft, Können!
„Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“ (s.o. Hes./Ez. 18, 31 a)
Tatsächlich!
Dazu werden die Hörenden des prophetischen Wortes aufgefordert, befähigt, ermutigt, ermächtigt!
Auch wir?

Ja, die Vergangenheit muss und soll uns nicht lähmen und festnageln.
„Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben …“ (s.o. Hes./Ez. 18, 22)
Immer wieder ist Neuanfang möglich – freilich unter den Bedingungen und Prägungen der Vergangenheit.
Sie können stark sein, aber solange wir noch Kraft zum Atmen haben, solange wir noch leben, können wir jeden Tag neu entscheiden,
wie wir unser Leben gestalten,
wie wir unsere Kraft und unsere Zeit einsetzen und wem wir sie zugutekommen lassen,
wie wir mit unseren Fehlern umgehen – und denen anderer,
wie wir uns zu Gott stellen,
wie wir seine Gebote – Angebote zur Freiheit und zu einem guten, von Liebe geprägten Leben – nutzen; sie gipfeln im Gebot der Gottes-, der Nächsten-, der Selbstliebe, keines ohne das andere, alles miteinander.
Es wird uns auch etwas zugetraut und zugemutet.

Jeden Tag können und müssen wir das neu entscheiden.
Nicht einmal.
Man kann sich einmal entscheiden.
Aber jeden Tag will das umgesetzt und gelebt werden.
Daher ist auch Bekehrung nichts Einmaliges, sondern immer neue Hinwendung zu Gott.
Und Umkehr ist nicht ein ständiges Vor und Zurück, sondern eine immer neue Orientierung am Lebenswillen und Lebensangebot Gottes für uns – mit dem Blick der Liebe auch für unsere Vorfahren, die uns geprägt haben, und mit dem Blick der Liebe auch für unsere Kinder, Enkel, Urenkel und die Generationen, die wir nicht mehr persönlich erleben und kennen lernen werden.
Auch sie wollen leben.
Machen wir Heutigen es ihnen nicht zu schwer und engen sie nicht ein in ihren Möglichkeiten.
Gott will unser Leben – ganz gewiss.
Das Leben der Menschheit, der Tiere und der Pflanzen, das Leben seiner ganzen Schöpfung, seiner Welt in den Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Ergreifen wir Gottes Lebenswillen dankbar und beherzt.
Wenden wir uns erneut zu Gott hin, der Quelle unseres Lebens, der wir uns täglich verdanken. – Amen.

Lesepredigt zum Zweiten Sonntag nach Trinitatis 2020 (21. Juni 2020)

Von Pfarrer Andreas Strauch

Epistel zum Zweiten Sonntag nach Trinitatis: Epheser 2, 17-22:
17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Liebe Gemeinde, die ‚Fernen‘ und die ‚Nahen‘ – wer sind sie, wer waren sie?
Damals waren gemeint: Christenmenschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlicher Vergangenheit und unterschiedlichen Traditionen. Dies hatte den Unterschied gemacht: nah oder fern!
Zwei Hauptgruppen gab es: die Judenchristen und -christinnen sowie die Heidenchristen und -christinnen. Für beide Gruppen von Christenmenschen war es noch recht neu, nun Christenmenschen zu sein, in christlichen Gemeinden zu leben – dieses Gefühl und Bewusstsein des Neuen hatten beide Gruppen und verband beide Gruppen.
Aber: Die einen waren eben doch eher und stärker „fern“. Das waren die Heidenchristen. Ihr religiöser Weg, den sie zurückgelegt hatten, war länger. Sie hatten vorher zu dem Gott Israels keine Beziehung gehabt. Es war nicht ihr Gott gewesen, den sie angebetet und verehrt hatten. Sie hatten andere Götter – ja: Mehrzahl! – z.B. Fruchtbarkeitsgötter oder Sterne, Gottheiten der Antike. Ihnen galten ihre Verehrung und ihre Gebete. Christenmenschen mit dieser religiösen Vergangenheit waren „Heiden“, „Völker“ gewesen, was keineswegs abwertend gemeint war. Der Gott Israels wurde mit ihrem neuen Bekenntnis und ihrer Hinwendung zum Christentum auch ihr Gott, ihr Vater-Gott, Vater Jesu Christi.
Im Vergleich zu den Heidenchristen war der Weg dagegen, den die Judenchristen zurückgelegt hatten, als sie Christenmenschen wurden, kürzer – sie waren eher „nahe“. Der Gott nämlich, den sie immer schon angebetet und verehrt hatten, den Gott Israels, den Gott Abrahams, Jakobs, Josefs, diesen Gott beteten sie weiterhin an, ihm galt weiterhin ihre Verehrung, war er doch der Vater Jesu Christi, zu dem sie sich nun als Christen bekannten.

Interessant nun und keineswegs zufällig oder austauschbar: Der Apostel spricht eine der beiden Gruppen direkt an. Seine Worte richten sich direkt an diejenigen, „die ihr fern wart“ (s.o. in Epheser 2, 17), also an die Heidenchristinnen und Heidenchristen. Die bedürfen der persönlichen Ansprache, des unmittelbaren Zuspruchs. Sie sind hinzugekommen – von weiter her, von weit her. Sie brauchen Ermutigung. Fremdeln sie noch ein wenig?

Die Botschaft des Apostels an sie: „Ihr gehört dazu“!

Die Heidenchristen und Heidenchristinnen sollen vernehmen und verinnerlichen: Sie sind nicht mehr „Gäste“. In diesem Wort klingt und schwingt schon im Griechischen mit, was dann mit einem anderen Wort auch ausdrücklich ausgesprochen wird: „Fremdlinge“. Beides sind sie aber nicht, nicht mehr.
Ein Gast ist fremd. Deswegen ist man ja gut zum Gast. Weil er sich nicht auskennt, womöglich alleine nicht so gut zurechtkommt. Als Gast wird man – so soll es sein, so ist es guter Brauch, ja ungeschriebenes Gesetz – Gastrecht! – als Gast also wird man gut behandelt. Zuvorkommend und aufmerksam. An nichts soll es fehlen. Wie zuhause soll sich der Gast fühlen. Der Gast ist aber eben nicht zuhause. Er ist fremd. Entsprechend ist der Gast höflich, vorsichtig, behutsam – vielleicht sogar ein bissen (über)angepasst. Vielleicht auch etwas unsicher. Es ist nicht eigenes Terrain, auf dem der Gast sich bewegt.

Das hat ein Ende! Das ist die klare und unmissverständliche Botschaft des Apostels an die Heidenchristinnen und Heidenchristen: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (s.o. Epheser 2, 19). Daheim in Stadt und Haus. Daheim in der Kirche und in der Gemeinde Jesu Christi. Da gibt es keine Unterschiede zu den Judenchristinnen und Judenchristen. Die Unterschiede des Herkommens und der Vergangenheit spielen da keine Rolle. Sie haben keinen Belang. Sie sind zwar im Gedächtnis aufgrund der unterschiedlichen Lebens- und Glaubenserfahrungen, natürlich! Aber beide Gruppen haben nun doch denselben Gott, einen Gott. Und Christus „hat im Evangelium Frieden verkündigt“ (s.o. in Epheser 2, 17). Euch und ihnen. Euch, den Heidenchristinnen und Heidenchristen, und ihnen, den Judenchristen und Judenchristinnen. Beiden. Das verbindet und zählt mehr als die alten Unterschiede. „Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.“ (s.o. Epheser 2, 18) Der dreieinige Gott verbindet seine Gemeindeglieder untereinander und mit sich und hält seine Gemeinde und seine Kirche zusammen.

Die ‚Fernen‘ und die ‚Nahen‘ – wer sind sie heute? Ich meine, wir können von den Worten des Apostels lernen, das Denken und manchmal auch Urteilen in solchen Kategorien aufzugeben. Die Unterscheidung fern – nah ist, was Christenmenschen betrifft, hinfällig geworden, sie ist überholt, sie ist nicht sachgerecht:
Wenn man von ‚Kerngemeinde‘ spricht, denjenigen, die sich engagieren, die im Gottesdienst sind, die am Leben anderer interessiert sind, die mitdenken, die zupacken und mithelfen, offensichtlich oder im Verborgenen, wenn man also von der ‚Kerngemeinde‘ spricht und diese nicht eng begrenzt, dann meint man damit Menschen, für die jede Gemeinde dankbar sein kann, darf und soll. Auch in diesen Personengruppen gibt es schon erhebliche Unterschiede, was Vergangenheit und Herkommen betrifft. Manche sind religiös-kirchlich aufgewachsen, waren z.B. im Kindergottesdienst, kennen Gebete vorm Einschlafen oder am Tisch, manche bekommen näheren und nachhaltigen Kontakt zur Kirchengemeinde in der Konfi-Zeit oder in der Jugendarbeit, manche später als Erwachsene, als Konfi-Eltern beispielsweise oder wenn wie an einer Aufgabe, z.B. im Kirchenvorstand oder einem seiner Ausschüsse, Interesse und Erfüllung in ihr finden. Oder wenn sie einen neuen Zugang zum Gottesdienst bekommen, weil sie dort für sich Lebens- und Glaubenshilfe, Orientierung und Stärkung erfahren – durch die Gemeinschaft der versammelten Gemeinde, durch Musik und Lieder, durch die Andacht, durch die Texte der Bibel, der Gebete, der Predigt. Oder sie haben Zugang und Heimat in einem Chor der Gemeinde gefunden.
Wer aber seinen Glauben anders lebt, zurückhaltender, weniger sichtbar und öffentlich, weil ihm oder ihr das vom Naturell her eher liegt oder auch weil man gar keine anderen Möglichkeiten hat als alter Mensch oder als im Beruf oder in der Familie stark beschäftigter Mensch – ist deswegen noch lange nicht fern.

Diese Unterscheidung hat der Apostel schon hinter sich gelassen: „die ihr fern wart“, „die nahe waren“ (beide Male Vergangenheit! – s.o. Epheser 2, 17). Diese überwundene Unterscheidung taugt nicht, um Wertungen oder Rangfolgen vorzunehmen. Wie nahe oder ferne jemand zu oder von Gott steht, ist unseren Blicken, unserer Einsicht entzogen – und daher auch unseren Bewertungen und Urteilen.

Durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden, weil sich Christus mit uns verbunden hat – ein für alle Male – und im Abendmahl stärkt Jesus Christus unser Bewusstsein für die Verbindung mit ihm und die Verbindung untereinander. Er erinnert uns daran, dass er Frieden verkündigt, ja der Friede ist. In der Taufe werden Menschen Christenmenschen, denn Christus bekennt sich zu ihnen. Im Abendmahl erfahren, schmecken und sehen wir den Frieden Christi immer neu als Grund, als Wahrheit, als Ziel unseres Lebens. So verstehe ich das Abendmahl auch nicht exklusiv, sondern inklusiv, nicht ausschließend, sondern einschließend, zusammenführend, zusammenhaltend. Die Dazugehörigkeit, die Zusammengehörigkeit aller Christenmenschen kann im Abendmahl exemplarisch dargestellt und erlebt und gesehen werden. Diese Kraft trägt es in sich. Es ist die Kraft Christi.

Das Leben der Gemeinde fasst der Apostel in das Bild vom Bau, das er detailliert zeichnet (s.o. Epheser 2, 20.21): Der Grund sind die Apostel und Propheten, der Eckstein ist Jesus Christus. Der Bau ist ineinandergefügt und wächst so „zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.“ (s.o. Epheser 2, 21) Und er spricht seiner Gemeinde, in der der Unterschied von Fernen und Nahen ja schon überwunden und aufgehoben ist, zu: „Durch ihn (= den Herrn) werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ (s.o. Epheser 2, 22)

Wir sagen manchmal: Das hat mich aufgebaut. Das meint auch: aufgerichtet. Die Richtung geht nach oben. Es geht aufwärts. Man steht wieder aufrecht, gerade. Man ist wieder selbstbewusst.
Wir sind nicht fertig. Auch an einem Menschen kann ‚gebaut‘ werden. Auch an einer Gemeinde. Wird man, ist man aufgebaut, aufgerichtet, wachsen wir nach oben – im Bild: zum Himmel. Wir wachsen zu Gott.

So weisen auch Kirchenbauten nach oben. Durch den Turm, durch die Gewölbe. Gerade an unserer Haigerer Stadtkirche kann man das schön sehen: wie sich ein Bau entwickelt, wie zum Alten Neues hinzukommt. Wie der Blick zum Himmel freigegeben wird. Wie den Menschen geholfen wird, um Gottes Wort (vermittelt durch die „Apostel und Propheten“ (s.o. Epheser 2, 20) – in der Lesepredigt vom letzten Sonntag war die Rede von „Mose und den Propheten“ (s. Lukas 16, 29+31) – von ihnen abgelauscht und weitergesagt) zu vernehmen.
Vieles in der Baugeschichte ist auch Frömmigkeitsgeschichte. Manches ist aktuell geblieben. Z.B., dass eine Kirche Schutz bietet: Geborgenheit, Behausung – eben: für „Gottes Hausgenossen“ (s.o. Epheser 2, 19). Dann: der Turm als Wehrturm, der auch für die Gewährung des Schutzes ‚von oben‘ steht. Weiter: Die Gewölbe: gedrungen – in der Zeit der Romanik, noch im Mittelalter, auch sie: schutzbietend. Später – in der Zeit der Gotik – wurde der Chorraum angebaut. Die Fenster dort sind eher spitz, schmal. Dadurch wirken sie hoch, zum Himmel weisend. Wie überhaupt die Gemälde im Chorraum den Blick in den Himmel freigeben sollen: den Blick ins himmlische Jerusalem, den Blick zu Christus, dem Weltenrichter. Die Bilder hatten (und haben?) auch eine warnende und mahnende Funktion. Dann entfernte man die Bilder, indem man sie übertünchte. Die Kirche war evangelisch geworden – zuerst lutherisch, dann reformiert, später uniert. Jetzt, gerade da, ging es um die völlige Konzentration auf das gesprochene Wort. Die Bilderpredigt wurde abgelöst durch die auf Deutsch gehaltene Predigtrede. Die Kanzel wurde angebracht – mit dem Schalldeckel über ihr, die den Klang der Stimme zu den Ohren und Herzen lenken sollte. Aber auch der Inhalt der Predigten hat sich gewandelt, auch die Theologie. Der Gedanke des Gerichts, das Strafe und Verdammung nach sich ziehen konnte, wovor eben die überstrichenen Bilder drastisch warnten, wurde überführt in ein Verständnis der Gnade Gottes, an der alles liegt und auf die im Glauben an Christus gesetzt werden darf. Der Glaube zählt, nicht das unerreichbare tadellose Leben. Anfang des letzten Jahrhunderts – vor 115 Jahren – wurden die wieder entdeckten Bilder freigelegt. Wir sehen wieder die Passionsgeschichte, Jesu Leidenskampf, seine Hingabe für uns. Wie sehen, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind. Wir sehen die Apostel, die Gottes Wort verkündigt und weitergetragen haben und dafür gelitten haben. Wir sehen und wir hören. Wir hören Gottes Wort: Gottes Liebe, Gottes Frieden. Sehen und Hören ergänzen sich, schließen sich nicht mehr aus.

Liebe Gemeinde, der Abschnitt aus dem Epheserbrief spricht Christenmenschen an und ist an Christenmenschen gerichtet. Aber er weitet doch den Blick und öffnet Ohren. Die Unterscheidung von ‚Fernen‘ und ‚Nahen‘ in der Gemeinde hat keine sachliche Grundlage mehr. Aber wenn wir die Augen und Ohren offenhalten und wenn wir hinaussehen aus unseren Kirchen und Häusern in die Straßen unserer Dörfer und Städte und dabei hinhören, und wenn wir mit Hilfe von Fernsehen und anderer Nachrichtenmedien in die Welt – ins nahe und ins ferne Ausland – schauen und hinhören, was wir von dort erfahren: Wie verhalten wir uns gegenüber Menschen, die wir als ‚fern‘, als ‚fremd‘ empfinden – in unseren Einstellungen und unseren Taten, in unseren Worten über sie und unseren Worten zu ihnen?
Gegenüber wem kommt uns der Satz aus dem Epheserbrief (2,19), hier etwas verkürzt, über die Lippen: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger … und … Hausgenossen“?
Oder wie klingt folgender Satz in der heutigen Zeit in Deutschland gesprochen, einem der reichsten Länder der Welt, das bisher auch vergleichsweise glimpflich durch die schwere Krise der letzten Monate gekommen ist, ein Satz aus dem alttestamentlichen Lesungstext für den heutigen Sonntag: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jesaja 55, 1)
Und wie schließlich klingt der Wochenspruch für den heutigen Sonntag, ein nur vom Evangelisten Matthäus überliefertes Wort Jesu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)
Die Sprengkraft und die Wucht solcher Worte, das Kühne und Wagemutige, das darin liegt, Fremdlinge zu Mitbürgern und Gäste zu Hausgenossen zu erklären, wird wohl zu allen Zeiten neu und in manchen Zeiten ganz besonders deutlich, sicherlich auch gerade wieder in unseren Zeiten, in unserer Gegenwart.

Aber – so mag man einwenden – geht es in unserem Abschnitt aus dem Epheserbrief denn nicht doch um mehr: nicht nur um Mitbürger und Hausgenossen, sondern eben ausdrücklich – und jetzt hebe ich die Verkürzung wieder auf – um „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“? Ja! So steht es ja ausdrücklich da. Nur: Wer auf Gottes weiter Welt und wer von Gottes Geschöpfen sollte davon ausgeschlossen bleiben? Werden Christenmenschen denn Zäune setzen und Grenzen schließen, äußerlich in ihren Worten und ihren Taten – oder innerlich in ihren Gedanken, in ihren Herzen? Ist Christentum exklusiv oder inklusiv, abgrenzend und ausgrenzend oder einladend und aufnehmend? Fangen wir wieder und wieder an und erinnern uns wieder und wieder neu (s.o. Epheser 2, 17): „Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“ Amen.

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Trinitatis 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Evangelium zum Esten Sonntag nach Trinitatis: Lukas 16, 19-31:
Vom reichen Mann und armen Lazarus
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren
21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.
26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Liebe Gemeinde, eine harte Geschichte ist das. Harte, schroffe, wie es scheint, unüberwindliche Gegensätze sehen wir.
Hier der Reiche, da der Arme.
In unmittelbarer Nähe.
Zwei Parallelwelten, die nichts miteinander zu tun haben.
Oder doch?

Natürlich haben Reich und Arm etwas miteinander zu tun.
Das kritisiert die Geschichte ja: die Blindheit von Menschen, denen es gut oder sehr gut geht, gegenüber Menschen, denen es schlecht oder sehr schlecht geht.
Die Geschichte lehrt: Hinsehen und Hinhören.

Der reiche Mann hat interessanterweise keinen Namen – jedenfalls erfahren wir ihn nicht. Er scheint typisch zu stehen für Menschen, denen es überdurchschnittlich, über die Maßen gut geht. Purpur und kostbare Leinen sind teure Stoffe – für Könige.

Für ‚normale‘ Menschen ist ein Fest eine Unterbrechung des Alltags: herausgehoben aus diesem. Da kleidet man sich schön und isst gut und reichlich. Anders, mehr und besser als sonst. Aber das Fest ist kein Fest, wenn es sich vom Alltag nicht unterscheidet. Das Leben ist kein Fest. Das Leben ist keine Dauerparty.

Der Reiche scheint es aber so halten zu können. Er „lebte alle Tage herrlich und in Freuden.“ (s.o.: Lukas 16, 19) Das klingt nicht nach stiller Bescheidenheit. Keine Niederungen trüben sein Leben.
Es wird übrigens nicht gesagt, dass er Leute ausbeutet, betrügt, bestiehlt.
Andererseits wird auch nicht gesagt oder gefragt, wo der übermäßige Reichtum eigentlich herkommt.

Das wird manchmal nicht so genau gefragt und betrachtet.
Wenige Prozent der Menschheit haben einen hohen Prozentsatz des Gesamtvermögens in ihrer Hand. Das ist schon bei uns in Deutschland so. In etlichen Ländern, z.B. in Lateinamerika, ist die Diskrepanz noch viel extremer. Den viel kleineren Rest teilen sich die vielen, die meisten anderen Menschen.

Damals, als diese Geschichte erzählt wurde, hat eine Oberschicht ihren Reichtum stetig vermehren können: Man gab den Armen Kredite, die sie nicht abbezahlen konnten, und nahm ihnen dann ihr Land ab. Soziale Sicherungssysteme gab es nicht.

Doch, eine Niederung hätte die Freuden des Reichen trüben können: der Arme vor seiner Tür.
Armut ist konkret. Armut hat einen Namen. Hier heißt der arme Mann: Lazarus, übersetzt: ‚Gott hilft‘.

Sonst hilft ihm keiner. Völlig unten, heruntergekommen war er: mit Geschwüren bedeckt, unansehnlich also – wer schaut da gerne hin? Aber Wegschauen geht ja auch nicht. Oder doch? Lazarus scheint gelähmt zu sein und vor des Reichen Tür zu wohnen: liegend, wehrlos den streunenden Hunden ausgeliefert, die obendrein als unrein galten. Die Essensreste, von denen er sich nähren wollte, waren – das geht aus dem griechischen Urtext hervor – Brotreste, mit denen sich die Gastteilnehmer (die Partygäste) in des Reichen Haus die Hände reinigten, um sie dann auf den Boden zu werfen. Nicht mal die erlangte der arme Lazarus.

Ich stelle mir die Situation vor, wenn der Reiche sein Haus verließ, und frage mich, wie oder ob überhaupt er den Armen wahrgenommen hat. Und wie war es, wenn er zurückkehrte? Hat der Reiche – beim Gehen, beim Kommen – den Armen gegrüßt? Hat er ihm jedenfalls zugenickt, ihn eines Blickes gewürdigt? Man kann sich’s nicht recht vorstellen. Ein Gruß, ein Nicken, ein Blickkontakt hätte ja Emotionen in dem Reichen, ja sogar in beiden, auch in dem Armen, auslösen müssen. Und hätten die nicht doch auf Dauer auch Folgen haben müssen, jedenfalls können? Hätte nicht dem Grüßen, Zunicken, Anschauen mit der Zeit mehr folgen müssen, jedenfalls können: Worte, Gaben, Hilfen?

Die Lage ist insgesamt so beschrieben, dass es sich nicht um ein einmaliges Ereignis, sondern um eine Art Dauerzustand gehandelt hat. Der Reiche hat ja offensichtlich keinen Änderungsbedarf – kein Interesse an irgendeinem Ausgleich, selbst wenn der ihm noch lange nicht wehtun müsste. Und der arme Lazarus hat nicht die Kraft und nicht die Mittel dazu. So ist der Zustand zementiert.

Arme Menschen, arme Länder, arme Regionen brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, damit sie unabhängig werden und bleiben und für sich selbst sorgen und einstehen können. Die Brotkrümel können das nicht bewirken, aber immerhin: ein bisschen satt für den Moment wäre der arme Lazarus geworden. Ein Anfang wäre das gewesen, ein bescheidener, aber immerhin!

Spätestens in der Fortsetzung merken wir, dass diese Begebenheit, so real sie klingt und hundert-, tausend-, vielmillionenfach vorkommt, jetzt nicht real weitererzählt wird.
Wer ist eigentlich der Erzähler?

Jesus konfrontiert die Pharisäer mit den Folgen des Wegsehens und Weghörens. Kurz zuvor spricht Lukas so von den Pharisäern und ihren Umgang mit Jesus: „die Pharisäer, die am Geld hingen, und sie spotteten über ihn.“ (Lukas, 16, 14)

Jesus führt die Pharisäer – und die Lesenden und Hörenden heute, also auch uns – nun in eine Szene, die wunderhaft-märchenhaft ausgemalt ist und deren Dialog wahrhaftig zu denken gibt. Weiterhin gilt: Die Geschichte ist hart, sie soll aufrütteln. Sie lehrt Hinsehen und Hinhören, wo Menschen in der der Gefahr stehen, wegzuschauen und wegzuhören.

Beide, der Reiche und der arme Lazarus, sterben – aber wie unterschiedlich wird von ihnen erzählt: Der Arme wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Interessanterweise wird sein Name hier nicht mehr erwähnt. Steht nun auch er, steht, was ihm jetzt offenbar widerfährt – Seligkeit, Geborgenheit bei Gott – typisch für arme Menschen? Wie dem auch sei: Er ist – das klingt an – bei Gott im Paradies. Dort wird er gewiss nicht mehr darben müssen. Vom Reichen wird erzählt, dass er „begraben“ wird – der Arme scheint direkt bei Gott zu sein – der Reiche leidet Höllenqualen, von Hitze („Flamme“) und Durst („Pein“) ist die Rede (s.o. Lukas 16, 24).

Ein merkwürdiges Bild! Seine Hölle ermöglicht dem Reichen das Sehen. Den Armen, den er seinerzeit augenscheinlich ignoriert und übersehen hatte – jetzt, wo dieser bei Gott ist, nimmt er ihn wahr. Jetzt erst!

Aber der Arme ist dem Reichen nur Mittel zum Zweck. Das Gefälle bleibt. Mit Abraham spricht er, der Reiche. Der Arme – immerhin dessen Namen Lazarus nennt der Reiche! – soll ihm dienen: Lazarus‘ Fingerspitze mit Wasser zur Kühlung an seine, des Reichen, Zunge! – Zu beider Lebzeiten waren die Essensreste im Haus des Reichen geblieben!

Abraham reagiert kühl, unmissverständlich, hart: „Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.“ (s.o. Lukas 16, 25.26)

Die Kluft, die den Reichen und den Armen stets getrennt hat, bleibt bestehen.
Der Reiche hatte sie zu Lebzeiten nicht überwunden – nur er hätte es gekonnt, der arme Lazarus nicht! – jetzt ist sie unüberbrückbar geworden.
Der Reiche hatte dem Armen nicht helfen wollen.
Der Arme kann, soll, darf dem Reichen jetzt auch nicht helfen!?
Ist das Ausgleichende Gerechtigkeit?
Ist das Vertröstung für Arme auf dieser Erde, in diesem Leben, auf eine bessere Zukunft, die sie aber nicht mehr auf der Erde erleben werden?
Oft ist dem Christentum, der Religion überhaupt, dies vorgeworfen worden: sie vertröste nur und helfe nicht den Menschen aus Armut, Elend und Not!?

Und für den Reichen – gibt es keinen Ausweg!

Das Mahnende und Unerbittliche an der Geschichte ist:
Sie erinnert uns daran: Unsere Taten und unsere Unterlassungen haben Folgen! Nicht alles lässt sich zurücknehmen und nachholen.
Jedes Leben kann nur einmal gelebt werden. Jeder Tag kann nur einmal gelebt werden.
Dies kann eine sehr bittere Erfahrung sein!

Ich persönlich möchte Gott nicht darauf festlegen. Ich traue Gott mehr Möglichkeiten zu als menschlicher Gerechtigkeitssinn im Blick haben mag. Aber dem Ernst und der Klarheit dieser Geschichte kann und will ich mich nicht entziehen!

Wir können unser Heil bestimmt nicht selbst erwirken oder herbeiführen. Aber es gibt schon hilfreiche, weiterführende, wegweisende, lebensförderliche Unterscheidungen!
Schon das eigene Gewissen gibt uns die grobe Richtung an, was gut zu tun und gut zu lassen ist.
Auch unser Herz! Der Einsatz der Fähigkeit zum Mitgefühl, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen.
Und – ganz ausdrücklich! – das prophetische Wort: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6, 8)

Erschreckend auch, dass der Reiche all dies überhaupt nicht einzurechnen scheint. Dass sein Lebenswandel, seine Einstellungen zu den Mitmenschen, hier konkret: zu dem armen Lazarus vor der Tür seines Hauses, Konsequenzen haben, scheint ihn völlig zu überraschen.

Deswegen will er seine Brüder warnen lassen. Die scheinen ähnlich zu leben wie er gelebt hat, und ihnen scheint er bessere Einsicht auch nicht zuzutrauen. Er sieht ihre Zukunft dort, wo er jetzt ist.
Nichts verstanden – nichts gefühlt!

Und wieder soll Lazarus sein Diener sein. Immer noch meint der Reiche, über den Armen herrschen zu können. Abraham möge den Armen aussenden, um die Brüder des Reichen zu warnen. – Der Reiche hatte die Warnung „Lazarus“ täglich vor seiner Tür!

Abraham verweist auf Mose und die Propheten, also auf die Heilige Schrift.
Wie mag das den Pharisäern, den Schriftgelehrten, in den Ohren klingen, denen Jesus diese Geschichte erzählt?
Er packt sie beim Schopfe: Ihr kennt euch doch aus in der Schrift. Was braucht ihr also noch für Warnungen?

In der Geschichte selbst gibt sich der Reiche immer noch nicht zufrieden. Ein Toter soll den Lebenden erscheinen. Diesem Zeichen traut der Reiche mehr zu als dem, was jeder Mensch aus der Heiligen Schrift wissen kann.

Alles vergebens! So, mit dieser Antwort Abrahams an den Reichen, endet die Geschichte: „Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (s.o. Lukas 16, 31)

Der Evangelist Lukas hat diese Geschichte überliefert. Nur er, kein anderer Evangelist. Längst war Jesus auferstanden. Aber Lukas meinte wohl, diese mahnende und warnende Geschichte überliefern zu müssen – nach wie vor hat sie ihr Recht.

Jesus verweist laut Lukas auf „Mose und die Propheten“, auf die Heilige Schrift.
So möchte ich uns – im Zusammenhang mit dieser Geschichte – ein weiteres prophetisches Wort in Erinnerung oder neu ins Bewusstsein bringen: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7)

Das ist es! Daran werden wir neu erinnert: Vor allem an das, worauf es hinausläuft: „entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Daraus folgt doch die Selbstverständlichkeit, die eben nicht immer selbstverständlich genommen wird: Der andere, dem’s schlechter geht, ist ein Mensch wie du, wie ich. Alle sind wir Geschöpfe Gottes. Mit gleicher Würde, mit gleichen Rechten. Alle müssen wir essen und trinken und uns kleiden, ein Dach über dem Kopf haben. Alle brauchen wir Besuch und Ansprache von anderen, wenn wir hilflos oder alleine sind, beispielsweise am Krankenbett oder im Gefängnis – aber nicht nur dort!

Wenn in Jesus Gott einer von uns geworden ist, ein Mensch aus Fleisch und Blut, dann hat der Satz „entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ weitreichende Konsequenzen. Dann führt er nämlich schnurstracks zu dem bekannten Jesuswort: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40b) Da sind wir bei Jesus selbst und dem, wie er uns mit ihm und für ihn zu leben lehrt, mit den Menschen und für die Menschen. Das kommt bei ihm auf dasselbe hinaus. Das reicht für ein erfülltes und erfüllendes, ein gutes und ein gesegnetes Leben.

Jesus – in Gestalt des Lazarus – hat es nach dieser Geschichte nicht erfahren dürfen, menschlich, als Mensch von Menschen gut und würdig behandelt zu werden.

Oft fragen wir uns, was wir tun können – bei so viel Elend und Ungerechtigkeit in der Welt.
Wenn jeder Mensch die Not vor der eigenen Tür sieht und hört, wenn jeder Mensch vor Ort nach seinen Möglichkeiten sich ‚dem eigenen Fleisch und Blut nicht entzieht‘ und ihm seinen Blick schenkt, sein Ohr öffnet, seine Hand reicht (wie gerne täten wir auch dies in diesen Zeiten!) und sein Herz öffnet – wenn dies alles mehr wird als es schon da ist und geschieht – die Welt sähe anders und besser aus. Da haben wir jeden Tag genug zu tun und werden selbst davon profitieren, wenn wir die Hilfe und den Gerechtigkeitssinn anderer benötigen.

Wo ist das Evangelium, die Frohbotschaft dieser Geschichte?
Ich muss da schon suchen, aber man kann fündig werden!
Es können sich wohl nicht alle in gleicher Weise freuen, der reiche Mann, der arme Lazarus, die Brüder des Reichen. Es kommt also auch darauf an, wem wir uns verbunden fühlen. Immerhin lesen wir am Anfang des Lukasevangeliums – und auch wieder nur bei Lukas! – in Marias Lobgesang (Lukas 1, 52-55):
„52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
55 wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“

„… wie er geredet hat …“ – Liebe Gemeinde, das ist die frohe Botschaft, das Evangelium. Wir haben’s doch: „Mose und die Propheten“ (s.o. Lukas 16, 31) – und: Jesus in den Evangelien – und: Paulus und die vielen anderen biblischen Zeugen. ‚Die sollen wir hören.‘ (s.o. Lukas 16, 29) Wir haben das Wort Gottes mit seinen Weisungen und Verheißungen, mit seinem Zuspruch und seinem Anspruch. Wir haben Ohren zu hören und Hände, um zu handeln. Wir leben – und andere sollen es auch. Der Evangelist Johannes überliefert als Wort Jesu: „ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (in Johannes 14, 19) Darauf zielt das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Gottes Wort ist uns gegeben, dass wir gut und heilsam leben sollen und können in der Gemeinschaft nicht nur der Christenheit, sondern in der Gemeinschaft der Menschheit überhaupt. „… entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Das Wort Gottes ist von belebender Kraft. Ein Segen für alle, die es lesen, hören, beherzigen und nutzen für ein gutes, ein besseres, ein gottgefälliges und menschendienliches Leben. Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Trinitatis 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

4. Mose 6, 22-27:
Der priesterliche Segen
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der Herr segne dich und behüte dich;
25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Gemeinde,

der Segen weist ins Leben. Deshalb ergeht der Segen am Schluss eines Gottesdienstes. Wie ein Abschiedsgruß mit guten Wünschen und einem liebevollen Nachblick ist er. Zum Mitnehmen und Behalten, soweit wir das können, um Mut und Kraft aus ihm zu schöpfen. An der Schwelle von Gottesdienst und Alltag, von Gottesdienstfeier und Lebensgottesdienst kann der Segen zu einem gelingenden Übergang verhelfen, der beides miteinander verbunden hält.

Es gibt Menschen, denen ist der Segen das Wichtigste am Gottesdienst. Sie spüren in besonderer Weise, was uns allen guttut und was wir brauchen: den Schutz, das Geleit, die Begleitung Gottes für die nächste Wegstrecke.

Dessen müssen wir uns immer neu vergewissern lassen. Zwar ist uns das alles ja von Gott längst zugesagt. Von Gott, der uns ins Leben rief und der unser Leben will. In der Taufe ist der Segen Gottes und seine Verbindung zu uns ausdrücklich besiegelt. Und doch – wir müssen es immer wieder neu hören, neu zugesprochen bekommen. Vielleicht auch, weil wir spüren, dass wir selbst uns immer wieder entfernen von Gott und aus seinem Schutzbereich.

Nicht Gott entfernt sich von uns, wie wir es manchmal denken. Jedenfalls wendet Gott sich nicht ab von uns. Sondern eher schon wir von Gott. Etwa wenn wir gar nicht mehr mit Gott rechnen, wenn wir verzagt und ängstlich sind und uns hundert und tausend Gedanken machen, was uns alles passieren könnte. Wenn uns unsere Sorgen zu zerfressen beginnen. Wenn wir meinen, alles hänge an uns und nur an uns. Dann scheint uns Gott weit weg, und wir finden den Weg zurück zu Gott nur schwer. Gott lässt sich nicht einfach herbeiholen, jedenfalls nicht nach unseren Vorstellungen und Wünschen.

Da ist es gut, wenn sich Gott selbst mit seinem Segen wieder in Erinnerung bringt. Wenn wir uns erinnern lassen: Gottes Segen liegt über uns. Seine Nähe ist uns zugesprochen.

„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ (s.o.: 4. Mose 6, 27) Das ist ein starker Satz. Im Segen verbinden sich Gott und Mensch. Nicht nur, dass Gott Menschen beauftragt, selbst zu segnen, so wie Aaron und seine Söhne diesen Auftrag zu segnen erhalten (s.o.: 4. Mose 6, 23.24). Sondern im Segen selbst, auch wenn er von anderen Menschen weitergegeben wird, verbindet sich Gott direkt mit dem oder der Gesegneten.

Gott legt seinen Namen, den Namen Gottes, auf den gesegneten Menschen ab. Der, die Gesegnete ist ein Gotteskind. Gottes Angesicht leuchtet über dem gesegneten Menschen. Der, die Gesegnete erstrahlt in Gottes Licht.

Können Sie sich erinnern, wie es ist, wenn ein Mensch strahlt? Es geht dann ein Glanz, etwas wirklich Helles und Schönes und Gutes und Freundliches von ihm aus und überträgt sich auf den Menschen, den der strahlende Blick trifft. Kinder insbesondere haben oft einen strahlenden Blick, aber nicht nur sie. Auch bei ganz alten Menschen kann man das manchmal in sehr anrührender Weise erleben, im Grund aber bei Menschen jeden Lebensalters. Dieser Blick lässt einen nicht unberührt, und unter Gottes leuchtendem Angesicht blieben wir nicht einfach, wie wir sind. Ausgestattet mit Gottes Segen, angestrahlt von Gott, können wir unserer Wege ziehen und unseren Lebensweg als Ganzen Schritt für Schritt beschreiten.

Von Gott behütet – kann uns dann nichts mehr zustoßen? Da haben unsere Lebenserfahrungen uns doch ganz anderes gezeigt und gelehrt, oder nicht? Nur: Wir merken vor allem, wenn uns etwas quer geht, wenn etwas stört, nicht so kommt, wie wir es wollten, geplant oder vorbereitet haben. Merken wir aber auch, wie oft an nur einem einzigen Tag wir wirklich bewahrt bleiben? Wir lesen und hören von Unglück, Unfällen, Schicksalsschlägen, Krankheiten, Katastrophen in der Nähe und in der Ferne, und uns selbst ist so oft wieder ein Tag geschenkt worden, an dem es uns an nichts Wesentlichem gefehlt hat und wir gut leben konnten, alles Notwendige und vieles mehr hatten und noch manches gute und liebe Wort gehört haben, das uns aufgebaut und weitergeführt hat. Wir fragen: Wo ist Gott? Und gleichzeitig nehmen wir völlig selbstverständlich Gottes täglichen Wohltaten in Empfang.

Aber: Es gibt doch Krankheit und Schmerzen, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Existenzbedrohungen, Misserfolg, Trennung, Tod und Trauer. Auch bei uns. Viele Menschen spüren gerade in solchen schwierigen Lebenslagen, dass sie immer noch – jetzt vielleicht sogar in ganz besonderer Weise – getragen werden und Kraft bekommen. Sie fühlen sich jetzt in dem Schweren bewahrt und gestärkt, vielleicht auch, weil jetzt nicht mehr alles einfach so selbstverständlich ist. Sie haben jetzt ihren Blick geschärft für all das Gute, das sie immer noch bekommen, in allen Schwierigkeiten.

Gott ist jetzt nicht weg, sondern gerade da: helfend, tröstend, stärkend, neue Wege zeigend. Oft in Gestalt von Menschen, von denen man das vorher gar nicht unbedingt erwartet hätte. Sie wirken segensreich. Sie werden zum Segen. In ihnen zeigt sich Gottes Segen überdeutlich.

Unter dem Segen Gottes hatte das Volk Israel seine lange Wüstenwanderung mit vielen Entbehrungen und Durststrecken bestanden. Alles in allem war es währenddessen immer wieder bewahrt und versorgt und gelangte schließlich ins Gelobte Land. Gottes Segen wirkte im Schweren und im Guten.

Gerade weil kein Menschenleben nur glatt und geradlinig verläuft, brauchen wir die Gewissheit des Gottessegens. Damit wir uns im Schweren und Abgründigen nicht verlieren. Auch im ‚finsteren Tal‘ (Ps. 23) dürfen wir Gott bei uns wissen. Auch wenn der Weg aus dem ‚finsteren Tal‘ uns nicht mehr an das Licht unserer Sonne führt. Gottes Segen weist über unser irdisches Leben hinaus. Gottes leuchtendes Angesicht bleibt mit seinem Segen über uns.

Und: Frieden will der Segen übermitteln und zueignen. Das haben wir immer wieder neu nötig. Die Zueignung des Gottesfriedens bedeutet auch Aufgabe und Verpflichtung für uns. Frieden will erarbeitet und erhalten werden. Wörter wie ‚Friedensbemühungen‘, ‚Friedensverhandlungen‘, ja sogar – merkwürdige Maßstäbe! – ‚Friedenstruppen‘ zeigen ja, wie viel mühseliger Arbeit es bedarf und welche umstrittenen und riskanten Mittel mitunter gewählt werden, um auf Frieden mit Aussicht auf eine gewisse Dauer hinzuwirken.

Als Gesegnete, als solche, die wir von Gott in Gottes Frieden eingewiesen werden, können und sollen auch wir selbst zum Frieden in unserer Umgebung beitragen. Unsere Umgebung: das ist z.B. die Familie mit ihren verschiedenen Generationen (Ehepartner, Kinder und Eltern, Enkel und Großeltern, die Familie des Partners, der Partnerin), dann: der Arbeitsplatz, der Kindergarten, die Schule, die Nachbarschaft, die Gemeinde, das Dorf, die Stadt. Mit den Friedensanstrengungen und Friedensangeboten in unserer Umgebung gehen wir auch schon die ersten und entscheidenden Schritte für den Frieden in unserer Gesellschaft und auf der Welt.

Der Segen spricht freundlich zu uns: Gott wendet uns sein Angesicht zu. Wir sind in Gottes Blick. Das ist ein bewahrender und gnädiger Blick: wohlwollend, sorgend, schützend, freundlich. „Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen“ heißt es in einem Segenslied, und im weiteren Verlauf: „Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden.“ (EG 170)

In Jesus Christus hat Gott den Menschen noch einmal in ganz anderer, ganz intensiver Weise sein Angesicht zugewendet. Gott war in Jesus erschienen: zum Anschauen – und zum Anfassen. Gott ließ sich sehen und begreifen: als Mensch, der die Menschen mit sich und miteinander versöhnte und die Friedensstifter seligpries, weil diese etwas von seinem Reich verwirklichen.

Vor zweieinhalb Wochen war das Fest Christi Himmelfahrt. Jesus segnete seine Jünger vor, ja noch bei seiner Himmelfahrt. So lesen wir es zum Schluss des Lukas-Evangeliums (Lukas 24, 50.51). Das ist es, was Jesus seinen Jüngern zum Abschied gibt: seinen Segen – noch bevor sie mit dem Heiligen Geist beschenkt werden.

Der Segen bleibt und gilt allen, die Jesus nachfolgten oder nachfolgen – durch die Zeiten. Unter seinem Segen geschützt und geborgen und freundlich angeschaut, dürfen wir leben: und ausgestattet mit dem Heiligen Geist bleiben wir mit ihm, mit seinem Vater, der auch unser Vater ist, und untereinander verbunden in seinem Frieden, der weiter reicht als alle menschliche Bemühungen und höher ist als alle menschliche Vernunft. Amen.

Lesepredigt zu Pfingsten 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Apostelgeschichte 2, 1-21:
Das Pfingstwunder
1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?
8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen,
11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.
Die Pfingstpredigt des Petrus
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Liebe Gemeinde,

Pfingsten – das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes;
Pfingsten – das Fest des Geburtstages der Kirche;
Pfingsten – das Fest, das so schwer zu begreifen, zu verstehen, zu erklären ist;
Pfingsten – das Fest (fast) ohne Bräuche;
Pfingsten – das dritte große Fest im Kirchenjahr neben Weihnachten und Karfreitag/ Ostern;
Pfingsten – das wichtigste Fest am Ende;
Pfingsten – das Fest der Verlegenheit, der Ratlosigkeit;
Pfingsten – das Fest der Begeisterung;
Pfingsten – das Fest der Natur;
Pfingsten – das „liebliche Fest“ (Goethe);
Pfingsten – das Fest der Einheit;
Pfingsten – das Fest der Vielfalt;
Pfingsten – das Fest der versöhnten Verschiedenheit;
Pfingsten – das Fest … …;
Pfingsten – das Fest … … !?

Was ist Pfingsten für Sie, für euch?

Der Heilige Geist lässt sich nicht begreifen, nicht anfassen, nicht festlegen. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht, man kann ihn aber spüren. Oder spüren, wenn und wie er wirkt. Der Heilige Geist weht, wann und wo er will. Er kann überraschen, beleben, verändern, Neues bringen, beruhigen, trösten. Er kann gewohnte Denk- und Glaubensmuster erweitern, aufbrechen, in Frage stellen, aber auch wieder neu bestätigen.

Und wie sieht es mit Pfingsten als Geburtstagsfest der Kirche aus? Man kann schon fragen: Hat die Christenheit sich dem Wirken des Geistes in den Weg gestellt, so sehr und so hartnäckig, dass der Geist seine verbindende und einigende Kraft nicht oder nur ansatzweise und gehindert entfalten konnte und kann? Wo es doch so viele Konfessionen und Richtungen innerhalb des Christentums gibt: Orthodox, Römisch-katholisch, Anglikanisch, Evangelisch – mit allen Strömungen: z.B.: griechisch-orthodox, russisch-orthodox; oder: der völlig unterschiedlich gelebte Katholizismus etwa in Mitteleuropa oder in Südeuropa, erst recht in Lateinamerika; im Protestantismus wiederum gibt es die lutherische, die reformierte, die unierte Prägung, es gibt die diversen Freikirchen und freien Gemeinden und Versammlungen, die in sich auch wieder sehr unterschiedlich sind.

Ist diese Vielfalt ein Ärgernis, weil eine Einheit mitunter nur schwerlich zu erkennen ist? Oder ist diese Vielfalt gerade im Gegenteil ein Zeichen für das vielfältige, immer wieder neue und kreative Wirken des Heiligen Geistes?

Ist die Einheit der Kirche am Ende gerade diese Gesamtheit der unterschiedlichen Richtungen und Ausprägungen des Christentums? Ergeben gerade erst die vielen Teile ein Ganzes? Kann es nicht sein: Jedes Teil, jede Richtung, jede Konfession, jede Gemeinde verkörpert einen besonderen Gesichtspunkt des Glaubens, der einen Kirche?

Und wie steht’s mit den Bräuchen zum Pfingstfest? Bräuche und Rituale gehören schließlich zur Feier eines Festes hinzu. Bei Weihnachten und Ostern gibt es das vielfältig, und in jeder Familie und jeder Gemeinde gibt es ganz bestimmte eigene Gewohnheiten, oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Und natürlich gibt es allgemein verbreitete Festbräuche: Weihnachtsbaum, Ostereier – beide sind nicht einmal christlichen Ursprungs, aber auf die christlichen Feste bezogen und in sie integriert. Sichtbare, sinnlich erfahrbare Bräuche sind wichtig, nicht nur für Kinder, denn so wird das Gefühl angesprochen und angeregt. Ein Fest will eben ganzheitlich begangen werden, nicht lediglich vom Kopf her ‚verstanden‘, sondern auch und erst recht will das Fest erlebt, gelebt werden. Für Pfingsten ist das sicherlich schwieriger. Zwar gibt es familiäre Traditionen: Pfingstspaziergänge, heute eher: Pfingsturlaube. Es gibt auch lokale und regionale Bräuche (Pfingstbaum, Pfingstfeuer). Aber all dies ist lang nicht so verbreitet, nicht so populär und nicht so spezifisch und einprägsam wie bei Weihnachten und Ostern. Dabei sollte doch gerade Pfingsten wirklich auch die Emotionen bewegen, eben: begeisternd, beflügelnd wirken. Da gibt es unbestreitbar Defizite. Und so wird auch der Zugang zur Bedeutung und zur Festerzählung (s.o.: Apostelgeschichte 2) des dritten großen Festes neben Weihnachten und Karfreitag/ Ostern erschwert.

Im Mittelalter war das anders. Da ließ man schon mal eine Taube durch die Kirche fliegen. Die Taube verkörpert ja in der Bibel den Heiligen Geist, so bei Jesu Taufe.
Oder: In Sizilien ließ man rote Rosen von oben in die Kirche fallen. Sie symbolisierten die Zungen, die Flammen des Feuers, von denen in der Pfingsterzählung die Rede ist (s.o.: Apostelgeschichte 2,3). Dieser einfache Brauch hat einen direkten Bezug auf die biblische Geschichte, die Festerzählung zu Pfingsten.

Menschen verschiedenster Herkunft und Sprachen, in den Versen 9-11 (s.o.) detailfreudig aufgezählt, waren zusammen, wie jedes Jahr, in Jerusalem, so ist es in der biblischen Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2) dargestellt. Sie feierten – 50 Tage nach dem Passahfest – nun das Wochenfest, eben das Pfingstfest, ein jüdisches Fest zum Beginn der Ernte, ein Dank- und ein Freudenfest. Aber diesmal war es besonders: Das Fest überwältigte die Feiernden, es ergriff sie, es verwandelte sie von Grund auf. Denn es geschah etwas absolut Außergewöhnliches und Unvorhersehbares. Und noch erstaunlicher als das, was sie hörten und sahen, Brausen und gewaltigen Wind, Zungen wie Feuerflammen auf ihren Köpfen, noch erstaunlicher als das war die Wirkung. Alles wurde anders: Das Trennende war aufgehoben. Die Menschen verschiedenster Herkunft und Sprachen verstanden nun einander. Aber nicht weil sie auf einmal alle die gleiche Sprache gesprochen hätten. Sie konnten vielmehr nun auch „in andern Sprachen“ (Vers 4) sprechen – sie predigten! – und sie verstanden sich gegenseitig in ihren eigenen Sprachen: „ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ (Vers 6b) – Sozusagen eine vielfache Simultanübersetzung! Jeder Mensch konnte sich verständlich machen, jeder Mensch konnte alle und alles verstehen, als wär’s gerade für ihn, gerade für sie gesprochen: Pfingsten – das Fest der Verständigung!

Und die Menschen hatten lediglich ein Thema: sicherlich auch durch das Erntefest geprägt, aber erst recht wohl als Wirkung des Wunders an diesem besonderen Pfingstfest: ein Thema also: das Thema, das durch aller Munde in allen Sprachen in alle Ohren ging, direkt verständlich: dieses eine Thema war: „die großen Taten Gottes“ (Apostelgeschichte 2, 11).

Da mögen sie geredet – und sich zugehört – haben von der Erschaffung der Welt, von der Befreiung aus Ägypten, vom dem Gesetz und den Geboten, die Gott seinem Volk gegeben hatte, von Führung und Bewahrung in dessen wechselvoller Geschichte durch den treuen Gott, der sich immer wieder zu seinem Volk und dem Bund mit ihm bekannt hatte.

Und sie mögen gesprochen und gehört haben von den „großen Taten Gottes“ in ihrem eigenen Leben, dem kleinen gewöhnlichen Leben, das durch die großen Taten Gottes so groß und wertvoll war: das Geschenk der Gesundheit, das Geschenk der Familie, das Geschenk des Auskommens, das Geschenk der Zufriedenheit, das Geschenk des Segens Gottes, der auf ihrem Leben lag.

Ob sie auch über Jesus von Nazareth gesprochen haben, die ‚große Tat Gottes‘ schlechthin?

„Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: …“ (Apostelgeschichte 2, 14a). Jetzt folgt seine Predigt. Petrus sieht in dem Pfingstwunder die Erfüllung einer Verheißung. Der Prophet Joel hatte die Ausgießung des Gottesgeistes durch Gott selbst angesagt.

Aber dem Leser, der Leserin von Lukas‘ Apostelgeschichte ist sicherlich auch das Jesuswort vor seiner Himmelfahrt in Erinnerung, das Lukas im ersten Kapitel, Vers 8, überliefert: „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ So spricht Petrus im weiteren Verlauf seiner Predigt von Jesus, seinem Kreuzestod, seiner Auferweckung durch Gott. Petrus deutet das Pfingstwunder noch einmal neu. Er bindet Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten zusammen: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.“ (Apostelgeschichte 2, 32.33) – Jetzt ist Pfingsten auch ein christliches Fest!

Der Geist Gottes kann Christenmenschen beflügeln und ihren Willen stärken und vorantreiben, einander zu verstehen. Auch unser Thema, worüber wir uns als Christen und Christinnen austauschen und verständigen, sollte sein: „die großen Taten Gottes“.

Petrus weist seine Hörer und Hörerinnen damals und uns heute ein: Kreuz und Auferstehung – das ist ‚die große Tat Gottes‘. Petrus und die anderen wurden nach der Predigt gefragt: „was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2, 37) Petrus ruft auf zur Buße und Taufe und verheißt ihnen so den ‚Empfang der Gabe des Heiligen Geistes‘ (V. 38).

Als Geistbegabte können Christenmenschen, können wir eine Fähigkeit entdecken, entwickeln, trainieren: die Fähigkeit, einander zu verstehen, andere also in deren Sprache so zu verstehen, als sei es direkt für uns übersetzt. Dabei muss es sich nicht einmal um Fremdsprachen handeln.

Auch in Fragen des Glaubens reden wir oft aneinander vorbei, missverstehen uns, misstrauen einander manchmal sogar. Schon innerhalb einer Gemeinde kommt das vor, erst recht zwischen den verschiedenen Gemeinden, Konfessionen und Kirchen.

Dabei, wenn Christen es ernst meinen, reden sie doch alle von den „großen Taten Gottes“. Sie loben Gott und danken Gott. Sie bitten um ‚Vergebung von Schuld und Erlösung von dem Bösen‘ (Vaterunser). Sie bitten voller Vertrauen, glaubend – für sich selbst und für andere – um Vergebung der Sünden (Glaubensbekenntnis). So wollen sie zu Gott, neu zu Gott finden.

Die Sprachen klingen unterschiedlich: die Liturgien, die Gottesdienste überhaupt, die Art zu beten und Worte im Gebet zu finden, das Miteinander in den Kirchen und Gemeinden – das alles ist verschieden und vielfältig. Oft kann man in all dem spüren: den Geist der Verständigung.

Wenn man einmal in einer anderen Gemeinde zu Gast ist oder am Urlaubsort den Gottesdienst besucht in der der Kirche, die eben gerade dort steht, dann kann man einiges verstehen und wiedererkennen: das Vaterunser, vertraute Elemente des Gottesdienstes. Man kann auch den guten und schönen, den herzlichen und liebevollen Umgang der Menschen in der dortigen Gemeinde wahrnehmen und erfährt ihn vielleicht auch selbst. Man kann Verständigung erleben. Die Sprache der anderen kann verständlich werden, selbst-verständlich! Und auch wir können uns verständlich machen und die Erfahrung machen, selbst verstanden zu werden.

Rote Rosen in Sizilien! Vom Himmel (symbolisch), von der Kirchendecke (tatsächlich) fallen sie herab zu Pfingsten in Sizilien, dort jedenfalls, wo dieser alte und schöne Brauch noch geübt wird. Rote Rosen! Rote Rosen schenken Liebende einander. So mag das Symbol noch tiefer gehen. Es steht für den Heiligen Geist, der ein Geist der Liebe ist. Die Liebe übersetzt uns Worte, den Glauben der anderen und schenkt gegenseitiges Verstehen. Sie stärkt uns in unserem eigenen Glauben und lässt uns den der anderen akzeptieren.

Sprachen lassen sich nicht eins zu eins über setzten. In jeder Sprache liegt eine etwas andere, eine eigene Art des Denkens und Fühlens. Insofern ergänzen sich die verschiedenen Sprachen. Zum Verständnis ist nicht nur das wörtliche Verstehen nötig. Es kommt auch und vor allem darauf an, sich gegenseitig ineinander einzufühlen, hineinzuversetzen. Liebende, miteinander Vertraute wissen das und spüren das und tun das. Ihre Kommunikation blickt tiefer als der reine Wortlaut. Der Geist der Liebe kann Christenmenschen helfen und stärken, einander zu verstehen und verstehen zu wollen.

Der Geist der Liebe kann sogar entgrenzen und helfen, als Christenmenschen den anderen Religionen respektvoll, geschwisterlich zu begegnen – mit all ihrem uns Fremden und auch dem Gemeinsamen: Dem Gedanken der Humanität und des Friedens sind alle Weltreligionen verpflichtet. Aber keine geht darin schon auf. Der Geist der Liebe ist auch der Geist der Wahrheit. Ein kritischer Geist. Liebe heißt nicht Anpassung, nicht Einebnung, nicht Nivellierung von Unterschieden und Gegensätzen, nicht Aufgabe des Eigenen, des Selbst: sondern im Selbstbewusstsein des Eigenen, gegründet im Gottvertrauen, das Wagnis der Verständigung mit Mut und Herz einzugehen. Das gelingt uns schwer aus eigener Kraft. Dazu brauchen wir den Geist Gottes. Dazu brauchen wir Pfingsten. Sanft und beharrlich kann das gehen, wie ich dem Wochenspruch zu Pfingsten entnehme: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4, 6b)

Gottes Geist, der Heilige Geist, Pfingsten öffne uns den Blick und schenke uns das Gespür für das Verbindende und Gemeinsame der Menschen auf dieser Erde, das doch immer stärker bleibt als alle Unterschiede.

Gottes Geist, der Heilige Geist, Pfingsten schenke weltweit Verständigung und die Bereitschaft dazu, wenn es neu auszuhandeln gilt, wie die Menschheit weiterhin bzw. neu und anders miteinander gedeihlich, gerecht und im Frieden mit der Schöpfung und ihrem Schöpfer leben kann und will.

Wir leben von den „großen Taten Gottes“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: Frohe und gesegnete Pfingsten! Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Exaudi 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Epheser 3, 14-21 (Episteltext zum Sonntag Exaudi):
Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,
18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde, der Sonntag Exaudi ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: der Sonntag, der, wenn wir das Kirchenjahr bewusst in seiner zeitlichen Abfolge mitfeiern und mitdenken, quasi eine Leerstelle bietet:
Jesus: zum Himmel aufgefahren.
Der verheißene Geist, der uns spüren lassen will, dass Jesus bei Gott und bei uns ist – jederzeit und überall – und uns miteinander verbindet und eint und so mit Gott und mit Jesus in Verbindung hält, dieser Geist, der das bewirkt: noch nicht da, erst an Pfingsten!

Nun ist der Sinn des Kirchenjahres ja gerade, die Fülle Gottes, das Geheimnis seiner Liebe – und was das alles mit uns macht und wie es unser Leben prägt und trägt, nach und nach, Schritt für Schritt zu entfalten und nachzuvollziehen. Alles auf einmal wäre zu viel für unser Aufnahmevermögen.

Aber selbst jeder einzelne Schritt nimmt uns nicht das Geheimnis des Glaubens und der Liebe Gottes: Weihnachten/ Epiphanias – Karfreitag/ Ostern/ Himmelfahrt – Pfingsten: Alles, jedes einzelne Fest, jeder einzelne Gedenk-, Feiertag übersteigt letztlich unser volles Verstehen. Es bleibt immer ein Rest, der über alles Begreifen geht.

Gottes Friede ist ‚höher als alle Vernunft‘ (Philipper 4, 7) – so beschließen wir jede Predigt und lassen ihn als Kanzelsegen auf uns kommen, halten uns jedenfalls offen.

Der Sonntag Exaudi – diese vermeintliche Leerstelle im schrittweisen Durchschreiten des Kirchenjahres, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – macht uns in besonderer Weise aufmerksam für unseren angemessenen Zugang zu Gott, dem göttlichen Geheimnis, ebenso wie zu unserem Leben, das von Gottes Liebe, dem Geheimnis des Glaubens getragen, durchdrungen, erfüllt ist.

Dieser uns angemessene Zugang ist das Gebet.

Der oben stehende Text aus dem Epheserbrief ist in der Luther-Bibel überschrieben mit: ‚Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘.

Wir nähern uns dieser ‚Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘ am besten, wenn wir sie nicht nur als Gebet eines fernen Apostels für eine ferne Gemeinde verstehen, sondern auch und gerade als Gebet für unsere Gemeinde, in der wir leben. Für alle Menschen unserer Gemeinde und für jeden einzelnen Menschen in unserer Gemeinde.

Der Apostel nähert sich mit diesem Gebet dem an, was von Gott her längst geschehen ist und da ist – und sich immer wieder und immer neu ereignen wird. Im Gebet wird es besonders bewusst und vergegenwärtigt. Spüren wir also diesem Gebet für die Gemeinde nach. Öffnen wir uns für dieses Gebet als ein Gebet, das uns gilt, nicht nur uns, aber auch uns. Folgen wir dem Gebet des Apostels, das auch unsere Wahrheit und Wirklichkeit vor Gott ausspricht und aufnimmt und vor Augen stellt.

Das Gebet beginnt mit einer Geste, die selten geworden ist: dem Kniefall. Wir kennen sie von Trauungen und Konfirmationen. Als ich konfirmiert wurde, haben wir auch das Abendmahl im Knien empfangen.

Das Knien vor Gott symbolisiert die Bereitschaft, etwas zu empfangen: die Abendmahlsgaben, den Segen Gottes: als Jugendlicher, nachdem man einige Zeit ganz bewusst sich mit dem Dreieinigen Gott in einer Gemeinde und darin besonders in einer Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Mit-Konfis auseinandergesetzt hat und vor allem Gottes Liebe und Fürsorge in Gottesdiensten mit und in der Gemeinde gefeiert hat. Den Segen Gottes: später, wenn man mit einem Menschen das Leben teilen will und sich so gemeinsam Gott anvertraut.
Knien vor Gott ist die Haltung der Empfangsbereitschaft.
Wer kniet vor Gott, macht sich kleiner, um Großes zu empfangen.
Wer kniet vor Gott, begibt sich in eine Haltung, wo man im Moment kaum handlungsfähig scheint, und tut dies, um sich stärken zu lassen für ein aktives Leben.

Wer betet, spricht zwar, möchte aber zugleich und vor allem: empfangen. Neue Kraft.
Aus dem Sprechen zu Gott wird ein Hören auf Gott.
Die Worte, die wir im Gebet sagen, wandeln sich allmählich in Worte, die Gott uns sagt.

Das alles meint der Kniefall vor Gott. Er zeigt die Richtung unserer Haltung, die Bereitschaft, den Willen zu völliger Offenheit für Gott, tiefem Vertrauen zu Gott, kindlicher, das heißt vorbehaltloser Vertrautheit mit Gott. Die Bereitschaft und den Willen, sich von Gott stärken, beschenken, erfüllen zu lassen. Dies alles wieder aufs Neue.

Der Apostel beugt sich vor Gott, dem Vater, um anzunehmen, sich aktuell anzueignen, was Gott längst getan, gegeben hat und wieder und wieder gibt. Bei jedem Gebetsakt ist das so.

Der Apostel bittet um ‚Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit‘. Sie soll bewirken, dass der innere Mensch, der Mensch von innen heraus gestärkt werde durch Gottes Geist (nach Epheser 3, 16), und er betet darum, „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ (Epheser 3, 17a) Der Apostel stellt in dem Gebet fest und spricht der Gemeinde zu, was er, der Apostel, und sie, die Gemeinde, von Gott zugesprochen bekommt. Beten und empfangen gehen hin und her. Das also gilt der Gemeinde: „ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet“. (Epheser 3, 17b) Christus also, so betet der Apostel, möge bei uns einziehen, nicht nur in unser Haus, nicht nur in das Haus der Gemeinde, nicht nur in das Gemeindehaus schlechthin, die Kirche, sondern in unsere Herzen. Da möge er Wohnung finden, da mögen wir Christus beherbergen.

Jesu Eltern, Maria und Josef, hatten ja schon einmal „keinen Raum in der Herberge“ gefunden (Lukas 2, 7b). Von alleine öffnen sich Türen und Herzen nicht immer.

Christus im Herzen. Das beschreibt den Glauben: der Glaube sozusagen als Herzensweitung. Damit Platz für Christus bleibt. Glaube macht die Herzen weit und frei und offen, um aus dem Kreisen um sich selbst auszubrechen, um aus dem Blickwinkel der eigenen Sorgen und Wünsche, Probleme und Sehnsüchte herauszutreten, um andere genauer wahrzunehmen: ihre Sorgen und Wünsche, ihre Probleme und Sehnsüchte, um ihr Eigenes, ihr Anderes, nicht Austauschbares zu entdecken, genauso wie das Gemeinsame, Verbindende.

So stehen wir gemeinsam vor Gott, lassen uns von Gott füllen, dem Gott, der Mensch wurde und nun das Göttliche und das Menschliche in sich vereint: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30) Nicht mehr nur auf der Erde besucht uns Jesus und bringt uns Gott nahe, sondern in unserem Herzen will Christus wohnen, damit uns Gott nahe bleibt, damit wir Gott in uns tragen, jederzeit und überall. Wo wir auch sind. Wann auch immer.

Gott bleibt nicht bei sich selbst. Mit Christus im Herzen bleiben auch wir nicht bei uns selbst, sondern wenden uns anderen zu, so gut wir das können und so gut das für andere ist. So wie wir selbst von der guten Zuwendung anderer leben.

Das sind die Konsequenzen des Gebetes des Apostels für die Gemeinde. Der Apostel beschreibt, was ist, damit es neu wird. Er bittet, dass geschieht, was von Gott her längst ist.

Und so beschreibt er uns als in der Liebe eingewurzelt und gegründet. Wiederum, damit sich das auch zeigt und bewahrheitet. Dafür ist aber die Erinnerung, die Bewusstmachung, die Vergegenwärtigung im Gebet wichtig.

Der Apostel malt ein eindrückliches Bild. Wurzeln stehen für Kraft und Stärke. Mit diesem Bild beschreibt er unseren Halt und unseren Stand in der Liebe. Liebe ist eine starke Macht.
Wurzeln bieten Halt und Standfestigkeit, sie trotzen Stürmen, die von außen kommen.
Wurzeln breiten sich aus.
Wurzeln nähren. Die Liebe!
Eingewurzelt in der Liebe – ein eindrückliches Bild für die Kraft, die uns Gott geschenkt hat und immer neu schenkt.

Die Liebe ist es, der wir uns täglich verdanken: Wir sind da, wir können leben. Vielleicht gesund, vielleicht krank, vielleicht vital, vielleicht hinfällig, vielleicht froh, vielleicht unglücklich – so klar lässt sich das ohnehin nicht immer trennen und auseinanderhalten. Bestimmt aber: getragen und bewahrt, angenommen und geliebt. Von Menschen. Durch ihre Herzlichkeit, ihre guten Worte, ihr stilles Verstehen, ihre umstandslose Hilfe. Ich meine, wir sehen darin die Liebe Gottes, ihre Zeichen und Spuren.

Wir sehen und spüren die Liebe Gottes auch in der Natur, die – so sehr sie geschunden und ausgebeutet ist, so arg sie leidet und erhitzt und verdorrt – doch immer noch und immer wieder so unendlich viel Schönes bereithält und hervorbringt. Sie erfreut uns, obwohl wir sie oft und, auf‘s Ganze gesehen, nicht gut behandeln. Sie erfreut uns gerade in dieser Jahreszeit, wo ständig Neues blüht und grünt – geradezu ein Sinnbild für die verschwenderische Fülle Gottes.

Die Liebe Gottes ist das glatte Gegenteil von allem Berechnen, Einteilen, Abwägen, Ausmessen und Zumessen. Liebe ist großzügig, verschwenderisch, rechnet nicht und zählt nicht.

Wir erfahren die Liebe aber auch – das ist am Ende bald das Wichtigste – in der Fähigkeit, die wir bei uns selbst bemerken, dass wir Liebe schenken können und es auch tun: für andere Meschen da zu sein, ihnen offen zu begegnen: mit unserem Innersten, unserem Herzen, von Christus, der in ihm wohnt, geweitet.

So kann man von sich selbst absehen, sich loslassen, sich anderen zuwenden und hingeben, sich auf sie einzulassen, ihnen zuhören, mit ihnen denken und sprechen. Mit dem Herzen, dem von Christus bewohnten und geweiteten Herzen, bei anderen zu sein – so findet und gewinnt man Leben. Das ist Gottes Geheimnis der Liebe und der Hingabe. Von Jesus ist das Wort überliefert: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ (Matthäus 10, 39)

Nun wird Liebe oft genug versagt. Unser Miteinander in der Gesellschaft ist auch von Gleichgültigkeit gegenüber anderen oder Berechnung oder Egoismus oder Übervorteilung oder Überheblichkeit oder Abwertung oder Ausgrenzung geprägt. Auch in Gemeinden kommt das vor. Darunter leiden Menschen. Und an dem, worunter sie leiden, was ihnen fehlt, merken sie, wie lebensnotwendig der respektvolle, den Wert anderer hochschätzende Umgang ist. Wir leben von Liebe, die den Mitmenschen als von Gott geachtet und geliebt sieht und behandelt. Wir brauchen sie.

Das Gebet um unsere Einwurzelung und Gründung in der Liebe, auch darum, dass Christus in unseren Herzen wohnen und wohnen bleiben möge, überholt sich keineswegs! Gebet ist auf Wiederholung, auf Übung angelegt.

Das Gebet des Apostels für die Gemeinde und die Gemeinden richtet sich an Gott, der über alles Begreifen und Verstehen hinaus ist. Gott entzieht sich unseren Mitteln, etwas zu erfassen: Sprache, Vorstellungskraft, Gefühle, Logik, Mathematik, Naturwissenschaft. Auch dem Bemühen der Philosophie, ja selbst: der Theologie ist Gott wieder und wieder entzogen.

Gott wendet sich uns aber zu und kommt uns näher als wir’s zu fassen vermögen. Das Gebet, ‚dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne‘, ist ja selbst der Versuch, Gottes unbegreifliche Nähe sprachlich, bildlich, sprachbildlich zu fassen.

Gott lässt sich nicht vermessen, und doch soll das Bild von Christi Einwohnung in unseren Herzen und unserer Einwurzelung und Gründung in der Liebe uns eine Erkenntnis erlauben und ermöglichen: „damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (Epheser 3, 18+19)

Breite, Länge, Höhe, Tiefe – man spürt die Weite, die Unfassbarkeit, die Uneinholbarkeit Gottes. In keinem Koordinatensystem lässt sich Gott verorten und festschreiben. Die Erkenntnis, die der Glaube schenkt, richtet sich auf etwas, das alle Erkenntnis übertrifft: „damit ihr … die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft“ (s.o.). Unsere Gotteserkenntnis fängt, was sie erkennen will, nie ein. Die Liebe ist immer mehr als alles Begreifen, Verstehen, Erkennen. Gott auch. Christus auch. Christi Liebe auch.

So lange bleibt die Gotteserkenntnis offen, „bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (s.o.)

So lange bleiben Gebete unüberholt, notwendig, sinnvoll, hilfreich – für uns selbst und für andere. Wir können diesen Abstand nicht überwinden. Aber ‚Christus möge durch den Glauben in uns wohnen, wir sind in der Liebe eingewurzelt und gegründet.‘ Das ist mehr als genug für jeden Tag und für ein ganzes Leben.

Gott hebt den Abstand auf, Gott ergreift uns, unsere Herzen, unser Denken, unser Tun und Lassen. Gott versteht uns. Besser versteht Gott uns als wir uns selbst verstehen. Jesus hat’s seine Jüngerinnen und Jünger gelehrt, als er ihnen sein Gebet an unseren gemeinsamen Vater an die Hand gab und in den Mund legte: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Liebe Gemeinde, es ist eine leidvolle Erfahrung für viele Menschen: Viele Gebete bleiben unerhört – meinen sie, empfinden sie. Bleiben die Gebete auch ungehört? Auch das ist eine Frage des Sonntages Exaudi, der seinen lateinischen Namen aus Psalm 27, 7 bezieht (lat. exaudire = hören, erhören): „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Ich sage hier einmal paradox und überspitzt: Es werden auch Gebete erhört, die gar nicht stattgefunden haben. Oder klarer: Gott hat aus unseren Gebeten, den selbst formulierten wie auch dem Gebet mit Jesu Worten, dem Vaterunser, das gehört und das erhört, was uns gut und lebensdienlich ist. Das ist die Gotteskraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3, 20).

Suchen Sie einmal in Ihrem Leben: Was haben Sie Gutes bekommen, ohne darum gebeten oder gebetet zu haben? Welche Menschen haben Sie kennengelernt, die Ihnen gutgetan haben, mit denen Sie nie gerechnet, auf die Sie nie gehofft, nie gewartet, um die Sie nie gebetet haben? Welche Aufgaben sind Ihnen zugewachsen, die Sie sich nicht gesucht haben, für die Sie sich vielleicht auch gar nicht geeignet hielten, die Sie aber erfüllen konnten und die Sie erfüllt haben und segensreich wirken ließen?

Und forschen Sie noch weiter: Nicht allein: Was ist Ihnen Gutes widerfahren, ohne dass Sie’s gesucht oder erbeten hätten? Sondern auch: Was ist Ihnen – Gott sei Dank! – erspart geblieben, weil es anders kam, als Sie’s gewollt und erbeten haben?

Dies alles sind ja nur vage Andeutungen und Ausblicke über unseren begrenzten Horizont hinaus: hinein in das Wirken und Walten des unendlichen und unbegreiflichen Gottes. Gott ist uns ferner als es menschlichem Scharfsinn erscheinen will. Und näher als es das menschliche Herz zu fühlen vermag!

Dass Gott uns versteht, ist wichtiger als dass wir Gott verstehen.

Dass Gott uns liebt und zur Liebe befähigt, dürfen wir glauben. Gott dürfen wir vertrauen. Unsere Lieben Gott anvertrauen im Gebet, wie auch unsere Gemeinde, unsere Gesellschaft, unser Leben, unsere Welt – mit allem, was auf ihr lebt und leben will und leben wird. Vom Gebet begleitet, getragen, ermutigt unseren Glauben und unsere Liebe, beides von Gott gewirkt, zu leben – das ist viel und das ist schön. Es wird uns Kraft geben. Kraft von Gott. Gottes Fülle wird das Ihre tun und geben. Amen.

Lesepredigt zu Christi Himmelfahrt 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

1. Könige 8, 22-24.26-28:
22 Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel
23 und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;
24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
… … …
26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.
27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?
28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Lukas 24, 50-53:
Jesu Himmelfahrt
50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Liebe Gemeinde, seit jeher fasziniert der Himmel die Menschen. Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. Der Blick in den Himmel lässt staunen: makelloses Blau, Wolkenformationen, Schönwetterwolken, feine Schleierwolken, dunkle Wolken, Abendrot – manchmal durch Wolken reflektiert, so dass das Rot bis nach Osten zurückstrahlt! Manchmal ist der Himmel auch grau – oder weiß. Der Himmel erscheint wie ein Bogen, der sich von Horizont zu Horizont spannt, eine Haube über uns. Der Blick in den Himmel: grenzenlose Weite. Der Sternenhimmel nachts: unendliche Fülle, erhaben. Wir erleben uns als Teil der Schöpfung. Klein oder groß!

Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. So dass dieser über sich hinausgeht. Den Menschen hat es in den Himmel gezogen. Da merkt er seine Grenzen – und seine Sehnsucht.

Gott im Himmel? Ein Theologe hat einmal bemerkt: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern: wo Gott ist, da ist der Himmel.“

Menschen suchen Gott, fragen nach Gott. Nicht immer finden sie Gott. Menschen erfahren nicht nur den nahen, sondern auch den fernen, nicht nur den offenbaren, sondern auch den verborgenen, nicht nur den zugewandten, sondern auch den sich abwendenden, sich entziehenden Gott. Glückliche und schmerzliche Erfahrungen sind das. Schmerzlich ist es, wenn wir nur noch dunkles Schicksal spüren, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Verlust, Trauer, Leere, Aussichtslosigkeit. Gut ist es, wenn die Sehnsucht nicht stirbt. Im Schmerz nicht und auch im Glück nicht! Dann und wann, hier und da findet die Sehnsucht spürbar Erfüllung – jedenfalls im Ansatz: Momente der Stimmigkeit, des Glücks, des Einklangs, der Gemeinschaft, der Vergebung, des Trostes, des Verständnisses, der Freude. Wir spüren die Weite in unserem Leben. Raum und Zeit zum Leben. Himmel über uns. Boden, der trägt. Gott bei uns.

So oder so: Gerade der glaubende Mensch weiß: Wir können über Gott nicht verfügen. Vertrauen ist nicht Verfügen, nicht Beherrschen. Wir können Gott nicht herbeinötigen und nicht für unsere Wünsche, Vorstellungen, Ziele in Gebrauch nehmen. Vielmehr: Gott kommt auf uns zu, dann und wann, hier und da – wenn wir nicht mit Gott rechnen oder auch: wenn wir zu Gott flehen. Wir wissen es nicht, es kann aber sein, dass Gott uns ergreift, durchfährt, erschüttert oder beruhigt. Je nachdem. Christenmenschen halten sich offen für Gott, damit Gott – zu unserem Guten wirkend – uns offen vorfindet.

So macht es auch schon Salomo: Er weiht den neu gebauten Tempel Jerusalems ein. Er betet zu Gott „und breitete seine Hände aus gen Himmel“ (s.o. 1. Könige 8, 22b). Sichtbar hält sich Salomo offen für Gott. Und beschränkt Gott eben nicht auf den Tempel! Das Tempelgebäude will Gott nicht einfangen, einengen, festhalten, gewiss auch nicht festlegen: „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Könige 8, 27) – Nebenbei: Dieser Vers wird gerne bei Kircheneinweihungen zitiert!

Menschen brauchen Orte, die ihnen bei ihrer Offenheit zu Gott helfen. Wo sie ablegen können: ihre Sorgen, ihre hinderlichen Gedanken, ihre Alltagsgeschäfte. Man wird all das nicht einfach verlieren, man sollte all das auch nicht verdrängen. Aber man kann frei und offen werden für Anderes, Neues, Gutes, Wegweisendes, Entlastendes: offen für Gottes Einzug in uns.

Der Tempel war ein solcher Ort. Kirchengebäude sind es auch. Sie halten sich offen hin zum Himmel, zeigen dies in der Architektur: Turm, Gewölbe, Streben nach Höhe oft auch in der Fensterform. (Decken-)Gemälde lassen den Blick in den Himmel wandern, nach oben, zu Gott, über uns hinaus – hinein in die umfassende Wirklichkeit, deren Teil wir sind und die uns viel zu geben hat. Von der wir leben.

Kirchengebäude helfen uns also, zu Gott zu finden bzw. uns für Gott bereit zu halten. Aber es geht überall! In besonders schönen Orten der Natur – unter Gottes freiem Himmel – sicherlich besonders gut.

Als Jesus in den Himmel auffuhr, wie es die Bibel kurz und knapp erzählt (s.o.: Lukas 24, 50-53), als er sich also von seinen Jüngern verabschiedete – mit seinem Segen! – da weinten sie nicht und trauerten sie nicht, sondern: sie „beteten ihn an“ (Lukas 24, 52). So konnten sie Jesus nahe bleiben, die Verbindung halten, sich von ihm füllen lassen. Und sie wurden tatsächlich erfüllt: „mit großer Freude“ (Lukas 24, 52). Das blieb vielleicht kein durchgängiges, gewiss aber ein tragendes Gefühl. Und der Tempel war der Ort, wo sie sich zusammenfanden und in dieser Freude ‚Gott priesen‘ (Lukas 24, 53). Damit endet übrigens das Lukas-Evangelium. Das zweite Buch des Evangelisten Lukas, die Apostelgeschichte, enthält gleich im ersten Kapitel eine zweite Erzählung über Christi Himmelfahrt, ein wenig ausführlicher. Wohlgemerkt: Es ist derselbe Autor, der beide Fassungen seiner Erzählung über Christi Himmelfahrt sicherlich bewusst und gezielt so platziert: an das Ende des einen und an den Anfang des nächsten Buches, quasi als Scharnier.

Salomo, die Jünger, Christenmenschen aller Couleur: In der offenen Haltung zu Gott werden wir Erfahrungen machen mit Gott. Nichts können wir erzwingen. Aber wir müssen auch nicht ausschließlich warten. Das Gebet ist unsere Möglichkeit, unser Weg, selbst aktiv zu werden, die Offenheit zu Gott mit Leben zu erfüllen. Besondere Orte und Zeiten erleichtern uns das Gebet – keine Frage! Aber wirklich notwendig sind besondere Orte und Zeiten nicht. Jederzeit und überall können wir uns offenhalten für Gott. Gebete sind orts- und zeitunabhängig!

Schließlich: Beten heißt nicht nur Reden. Besonders wortreich muss es schon gar nicht sein. Hören, Wahrnehmen, Hinschauen, Aufnehmen ist mindestens so wichtig. Wie oft zeigt sich Gott in Worten und Gesten des Alltags: im Gespräch mit Menschen, in ihrem Verstehen und Ermutigen oder in ihrem Mahnen und Warnen, in ihrem liebevollen, oft unauffälligen Tun. In all dem kann, ohne dass es uns bewusst ist oder wird, Jesus mitten unter uns sein.

Das ist Christi Himmelfahrt: Jesus Christus ist nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. Überall und jederzeit können wir ihm begegnen. In Situationen der Freude und in Situationen des Leidens, im Glück, in der Einsamkeit … . Kein Ort, kein Tag, den Jesus meiden würde. Nicht immer entdecken wir ihn, aber es wollen, Augen und Ohren, Kopf und Herz offenhalten für ihn, das können wir – oder können es üben, trainieren. Ich bin gewiss: Jesus Christus ist uns viel näher als wir ahnen. Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Rogate (= „Betet!“) 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Johannes 16, 23b-33:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.
24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.
25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;
27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild.
30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr?
32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Liebe Gemeinde, der Mensch lebt davon, dass er sich mitteilt. Auch wenn man manches mit sich selbst ausmacht und ausmachen muss – es ist doch wichtig, sich auch mit anderen zu besprechen, von den eigenen Sorgen, dem eigenen Glück, den Ängsten und Hoffnungen anderen zu erzählen, andere daran teilhaben zu lassen.

Gerade wenn man manches mit sich selbst ausmacht, führt das Bedürfnis sich mitzuteilen, sich zu äußern, gut zum Gebet. Da kann mit dem Innersten, das man preisgibt, nichts Böses passieren. Niemand kann es weitererzählen an Menschen, die’s nix angeht, die’s nicht hören sollen. Man ist auch nicht Unverständnis, Desinteresse, Gleichgültigkeit oder – im Gegenteil – unangemessener Neugier ausgesetzt.

Ich meine, liebe Gemeinde, das Gebet tut gut, dient der eigenen Entlastung, Sortierung, Klärung, auch dann, wenn man gut und gerne mit anderen Menschen sprechen kann.

Es gibt ja Menschen, denen man gut und gerne vertrauen kann und mit denen man jedenfalls so manches (es muss ja nicht alles sein!) besprechen kann. Wer ist das bei Ihnen, bei euch? Gleichaltrige Freunde, Freundinnen? Freundinnen und Freunde, die deutlich älter oder deutlich jünger sind? Die Eltern? Die Kinder? Tanten, Onkel, Neffen, Nichten? Zu manchen von ihnen besteht ja ein gutes, freundschaftliches, vertrauensvolles, inniges Verhältnis! Auch mit vielen Ärzten, Lehrerinnen, Pfarrern, auch mit Rechtsanwältinnen kann man gut reden. Sie alle haben Schweigepflicht und bemühen sich – aus ihrer Sicht – um Verständnis, Teilnahme, Rat und Hilfe, wenn nötig, wenn möglich, wenn gewünscht!

So wie sich Menschen Vertrauenspersonen offen anvertrauen, so können und dürfen wir gewiss auch uns Gott anvertrauen, ohne Scheu und Scham, ohne die Sorge, abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden.

Nur eine Schwierigkeit lässt sich nicht übersehen: Gott ist nicht zu sehen. Und wir können zwar zu Gott reden, mit Gott offen sprechen, aber hört Gott uns? Gibt es eine Antwort? Wie nehmen wir die wahr?

Wenn wir allerdings etwas aufschreiben, das jemand anderes lesen soll – ich rede jetzt nicht von Kurznachrichten, eher von Briefen oder E-Mails – gibt’s auch keine direkte, prompte Antwort. Aber schon das Schreiben tut gut. Und wenn die Antwort kommt, können wir sie lesen – oder man trifft sich vorher und spricht dann doch direkt miteinander.

Die Kommunikation mit Gott im Gebet ist schon eine andere. Die Offenheit, die Vertrautheit kann unbegrenzt und uneingeschränkt sein – wie bei einem vertrauten Menschen – oder sogar noch offener – da muss nichts verborgen bleiben. Aber was damit geschieht, was wir Gott anvertraut haben, was Gott damit macht, das liegt im Verborgenen. – Das macht das Beten nicht überflüssig und nicht sinnlos! —

Liebe Gemeinde, die christlichen Feste im Kirchenjahr lassen sich unter dem Gesichtspunkt verstehen, dass Gott sich den Menschen begreifbar und sichtbar macht und dass Gott bei den Menschen ist und bleibt und weiterhin für sie da ist.

So heißt es in Johannes 16, 28: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Darin findet sich, was wir zu Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt feiern.

Dass Jesus die Menschen sozusagen besucht hat, lässt diese nicht unverändert. So wie ein lieber Besuch immer etwas Gutes mit einem macht und auch etwas Gutes zurücklässt, wenn er sich wieder verabschiedet und geht.

So lässt der Evangelist Johannes an anderer Stelle, im gleichen Kapitel 16, aber sogar schon vorher, vorweg, Jesus sagen (Johannes 16, 6b.7): „… ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“

Jesus hat die Menschen besucht. Gott hat menschlich mit den Menschen geredet. Von Mensch zu Mensch. Hat mit ihnen gegessen und getrunken. Vor 2000 Jahren, als Jesus auf der Erde mit den Menschen seiner Zeit sein Leben teilte. Die Menschen begriffen: Dieser Mensch, so menschlich er ist, ist ein besonderer Mensch. Sicher: Jeder Mensch ist besonders. Aber das Besondere dieses Menschen war: Durch die Art und Weise, wie er lebte, was er tat und sagte, und wie er es tat und sagte, haben die Menschen gespürt: Da ist Gott. Der ist Gott. Gott auf der Erde. Gott bei uns. Gottes Sohn. Wer Kontakt zu Jesus hatte, hatte Kontakt zu Gott. Wer mit Jesus sprach, sprach mit Gott. Zu wem Jesus sprach, zu dem sprach Gott. Mehr und mehr merkte man, dass es in diese Richtung ging. Im Menschen Jesus wurde mehr und mehr Gott selbst erkennbar und erkannt.

Umso stärker stellte sich die Frage, ob der Kontakt mit Gott denn bleibt, wenn Jesus nicht mehr da ist. Kein Mensch lebt ewig auf Erden. Auch Jesus nicht.

Aber ein Mensch, wenn er nicht mehr da ist, hinterlässt etwas. Vor allem: Er hat das Leben derjenigen, die mit ihm gelebt haben, geprägt. Und kann weiterhin wirken.

Jesus hat den Menschen Gott nahegebracht. Und das wirkte und wirkt. Jesus hat versprochen, ‚den Tröster‘ zu den Menschen zu ‚senden‘, den Heiligen Geist. Die Verbindung zu Gott und mit Gott bleibt, über seinen Weggang hinaus. Weggang ist nicht nur sein Tod. Tod, Auferstehung, Himmelfahrt – das ist ein Geschehen beim Evangelisten Johannes: der Weggang Jesu von den Menschen, der ihnen den unmittelbaren Zugang zu Gott eröffnet. Über seinen Weggang hinaus: d.h. auch für die Menschen später, nicht nur für die Menschen, die ihn damals in den wenigen Jahren im kleinen Landstrich Palästina kennenlernen durften. Auch für uns ist der Zugang zu Gott direkt möglich. Deswegen brauchen wir nicht zu Jesus zu beten. Wir können das, aber Jesus schickt unsere Gebete zu Gott.

Es ist angemessen, in Jesu Namen zu beten. Das hören wir in unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (s.o.) mehrfach. Im Gedenken an den Menschen Jesus, in der Vergegenwärtigung des Menschen Jesus, der uns Gott nahegebracht hat. Aber: Jesus ist nicht als Vermittler notwendig. Der Zugang zu Gott ist frei.

Jesus sagt den merkwürdigen Satz (Johannes 16, 26b): „Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde“. Das Beten in Jesu Namen zu Gott, dem Vater, reicht für die direkte Kommunikation mit Gott: „denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ (Johannes 16, 27) Gottes Liebe trifft uns direkt!

Jesus tröstet seine Jünger und Jüngerinnen, diejenigen also, die sich von Jesus Gott haben nahebringen lassen. Er tröstet sie und stellt ihnen in Aussicht: Gottes Liebe wirkt und gilt euch unmittelbar. Denkt ihr an mich, haltet ihr mich im Gedächtnis lebendig, betet ihr in meinem Namen, habt ihr ohne Weiteres Zugang zu Gott. – Jesus und wer ihm nachfolgt, schlagen die gleiche Richtung ein: „ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ (Johannes 16, 28b) Unser Gebet lenkt unsere Gedanken zu Gott, unserem gemeinsamen Vater.

Die Frage nach der Kommunikation mit Gott findet sich natürlich auch in den anderen Evangelien, und Matthäus und Lukas überliefern als eine Antwort darauf das wohl bekannteste Gebet: das Vaterunser.

Bei Matthäus steht es an hervorgehobener Stelle: im Zentrum der Bergpredigt. Jesus gibt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern das kurze, konzentrierte Gebet – und wendet sich gegen ein damals wie heute nicht selten praktiziertes Verständnis vom Gebet, dass man in die Formel ‚viel hilft viel‘ fassen könnte: wenn man also in immer neuen Anläufen sozusagen auf Gott einredet, Gott bestürmt. Gegen dieses angestrengte Bemühen sagt Jesus den schönen und entlastenden Satz: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Bei Lukas steht das Vaterunser – noch knapper überliefert – außerhalb der Feldrede, seinem kürzeren Pendant zur Bergpredigt bei Matthäus – nach der Geschichte von Maria und Marta und vor der Geschichte vom bittenden Freund. In dieser werden die Worte Jesu überliefert: „wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lukas 11, 10)

In unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangeliums (s.o.) klingt das ganz ähnlich (Johannes 16, 23b.24b.): „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. … Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“

Aber wird das nicht überboten und bald schon überflüssig durch den zitierten Satz in der Bergpredigt direkt vor dem Vaterunser: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)? Direkt darauf folgt das Vaterunser.

Jesus zeigt, wie die Kommunikation mit Gott geht. Er lehrt es. Es zu lernen ist nicht schwer. Übung braucht man höchstens, um es nicht zu verlernen, vor allem aber weil es eine gute, eine wohltuende Übung ist, das Vaterunser zu beten. Es dient der Sammlung der Gedanken, es konzentriert, es gibt Worte, die uns manchmal fehlen, es ersetzt Worte, die wir nicht finden.

Und es hilft uns aus der Vereinzelung, wenn wir das Vater“unser“ (Mehrzahl!) beten. Jesus richtet unsere Gedanken auf seinen Vater, den auch wir so nennen dürfen. Mit denselben Worten können wir ihn ansprechen – so unterschiedlich unsere Anliegen, Wünsche und Bitten im Einzelnen sind, so unterschiedlich auch die Situationen sind: ein Vaterunser passt immer, und es wird zu jeder Zeit und überall gebetet. Es verbindet uns mit anderen Christenmenschen in der Nähe und in der Ferne. Sie bleiben uns nicht fern. Vaterunser-Beter- und Vaterunser-Beterinnen, ob im Gottesdienst, ob vor einer Autofahrt oder vor einer Klassenarbeit, vor einer Operation oder nach einer Sitzung, ob am Krankenbett, ob am offenen Grab beim Abschied von einem lieben Menschen – sie sind nicht alleine. Jesus leiht, Jesus gibt uns Worte, mit denen wir in Kontakt mit Gott kommen – zunächst alleine oder gleich gemeinsam, einzeln und als Teil der Gemeinde, ja sogar als Teil der weltweiten Christenheit.

„Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Gewiss! Er weiß es sogar besser, sieht weiter, sieht mehr als wir. Der Zweck und das Ziel des Betens ist deshalb auch bestimmt nicht, dass einfach alles so kommen soll, wie wir’s uns denken oder sogar in eigenen Gebeten aussprechen.

Selbst die Bitten des Vaterunsers sind ja längst nicht alle und für jeden Menschen erfüllt. – Aber warum beten wir denn überhaupt?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33) Angst ist mehr als Furcht. Angst ist mehr als Furcht, weil sie weniger konkret, weniger greifbar ist. Angst ist unbestimmt. Sie kommt, bleibt, verschwindet, nicht immer mit äußerem Anlass, nicht immer rational fassbar oder begründbar. Sie bedrängt uns. Sie ist nicht leicht in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen. – „Angst“ ist aber nicht die genaue Übersetzung des griechischen Wortes im Text. Wörtlich heißt es: Bedrückung, Bedrängnis, Trübsal. Was uns einengt, zu schaffen macht, Druck bereitet und eben auch: was uns traurig macht. Aber das Unfassbare, das Ungreifbare, was uns zusetzt, das ist mit Luthers Übersetzung „Angst“ schon sehr treffend ausgedrückt!

Druck, Traurigkeit, Angst: das gibt es in jedem Menschenleben. Das gibt es gerade in diesen Wochen und Monaten zuhauf! Manchmal kann man gut damit umgehen: Es dominiert nicht, und schöne Befindlichkeiten wie Zuversicht, Leichtigkeit, Glück, Fröhlichkeit, guter Mut sind mindestens so stark oder stärker. Manchmal aber sind Druck, Traurigkeit, Angst – und was uns sonst bedrückt und bedrängt und belastet, bleischwer und aus den Gedanken nicht mehr wegzukriegen. Kaum ein Menschenleben, in dem das nicht vorkommt. Und wer ist in diesen Zeiten ganz davon verschont?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst (Bedrängnis, Trübsal, Druck, Traurigkeit); aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Der Zweck, das Ziel des Betens ist demnach: Frieden in Jesus Christus.

Im Gedenken an ihn, mit Jesus Christus in Gedanken, in seinem Namen, mit seinem Gebet sich an Gott wenden, das kann uns ruhig werden lassen, helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Der Gedankenkreis wird konzentriert, auf den Punkt gebracht. Auf den Punkt, der außerhalb von uns liegt: auf Gott. Auf den Punkt, den wir auch in uns finden: auf Gott, den uns Jesus nahegebracht hat, Gott, mit dem wir im Heiligen Geist verbunden sind.

Beten schafft unsererseits eine Annäherung an Gott, denn wir erfahren nicht nur Selbstbestätigung, sondern auch Orientierung: Korrektur und Annahme. Beides liebevoll. Damit kann es uns mit der Zeit wohl auch gelingen anzunehmen, zu akzeptieren, womit wir leben müssen. Und wir können Einsicht gewinnen in das, was wir ändern und bessern können, vielleicht sogar müssen.

Im Beten mit Gott können wir unser Leben bejahen und verändern, weil wir es offenlegen vor dem, der es uns gegeben und anvertraut hat, auch und besonders um anderen Menschen wohlzutun und Gott zu ehren.

Deswegen ist Gebet nicht nur Bitte für uns selbst. Nicht mal in der Hauptsache ist es das!

Gebet ist zuerst Dank an Gott, das Gebet preist Gott! Auch Fürbittengebete fangen mit Dank gegen Gott an, loben Gott und wenden sich dann energisch und mit Blick aufs Detail dem Leid, der Not, dem Unglück, aber auch der Freude, dem Erfolg, dem Glück der anderen zu, um dann gerne ins Vaterunser zu münden: unsere Worte fließen in die Worte Jesu, uns von ihm gegeben! Dies alles in dem Wissen und dem Vertrauen, dass andere auch für uns beten. Eben: Fürbittengebete!

So ist es ein bleibender Dienst der Christenheit (wenn nicht sogar aller religiösen Menschen!), füreinander zu beten, also die Verbindung mit Gott stets gemeinsam lebendig zu halten, aber immer auch für die Menschheit als Ganze, für unsere, für Gottes Welt, in die Gott uns gestellt hat, damit wir, wie unsere Kinder, Enkel und Urenkel und deren Nachkommen überall gut auf ihr leben können.

Dafür kann man beten und sich stärken lassen, um gerne und verantwortungsvoll in Gottes, in unserer gemeinsamen Welt zu leben. Amen.

Liedandacht zum Sonntag Kantate 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

„Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?/
Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘./
Ist doch nichts als lauter Lieben,/ das sein treues Herze regt,/
das ohn Ende hebt und trägt,/ die in seinem Dienst sich üben./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“
(EG 325: Strophe 1)

Das ist der Auftakt. Dank an Gott für Gottes Liebe. Das besingt Paul Gerhardt strophenlang. Zwölf Strophen hat das Lied eigentlich, zehn davon sind in unserem Evangelischen Gesangbuch (EG 325) abgedruckt.

Zur Zeit können wir nicht gemeinsam singen. Man kann es aber auch alleine, für sich, so wie es Paul Gerhardt hier auch tut: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Man kann für sein eigenes Leben prüfen: „Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ Und man kann in seinem eigenen Leben danach suchen: „Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘.“ Und alleine ist man dabei ja doch nicht. Auch andere werden’s tun. Und unsere Gedanken werden auf Gott gerichtet. Da treffen wir uns, auch wenn wir uns nicht sehen.

Paul Gerhardt hat den dreißigjährigen Krieg miterlebt, ziemlich genau in seinem zweiten, dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Eine jahrzehntelange, lebensprägende Katastrophe! Und doch: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ 1653, fünf Jahre nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges, besiegelt durch den Westfälischen Frieden 1648, knapp dreihundert Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dichtet er dieses Lied. Die Melodie ist etwas älter und stammt nicht von Paul Gerhardt. Nicht naiv, sondern durchdrungen von Lebens- und Leidenserfahrungen aller Schattierungen kann man das Lied singen und meditieren. ‚In allen Dingen‘ will Paul Gerhardt sehen, ‚wie gut Gott es meint‘. Tatsächlich in allen? In den hellen und dunklen Zeiten eines jeden Lebens, in Glück und Trauer, in Erfolg und Niederlage, in Demütigung und Befreiung – ja selbst in Krieg und Frieden? Offensichtlich will Paul Gerhardt, selbst lebenserfahren und leidesgesättigt, singend und lobend dazu anleiten. Folgen wir ihm auf seinem strophenlangen Weg, schauen wir, jeder/ jede für sich, wie lange und wie weit wir mitgehen können oder wollen. Man kann ja auch zwischendurch stehen bleiben, innehalten und später weitergehen!

Paul Gerhardt gibt den Singenden quasi einen Merkspruch mit, den er Strophe für Strophe, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, anwendet und erinnert: kein billiges Sprüchlein, sondern eine Einsicht, die Hoffnung schenken und vor trügerischer Sicherheit bewahren kann: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Nichts ist sicher, nichts von Dauer – außer Gottes Liebe. Was uns ängstigt, was uns freut, was wir verlieren, was wir gewinnen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Dieser Spruch lebt vom häufigen, wiederholten Singen und Meditieren. Wie eine Litanei will er sich eingraben in das Herz und das Gedächtnis der Sängerinnen und Sänger und jedes Menschen, der das Lied liest, nachempfindet und bedenkt. Was Paul Gerhardt erlebt und besingt in den nun noch folgenden neun Strophen, Glaubenserfahrungen, Lebenserfahrungen – es läuft alles und immer wieder darauf hinaus. „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Die Zeit kann man nutzen oder durchstehen, ausfüllen oder aushalten – je nachdem! – sie mündet in Gottes Ewigkeit. Sie ist geprägt von Gottes Liebe – „Lieb“: gesungen auf den höchsten Ton der Melodie dieses Liedes!

Vielleicht fällt Ihnen in diesem Zusammenhang auch der bekannte Abschnitt aus dem Prediger Salomo ein, das dritte Kapitel beginnt mit den Worten „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, gefolgt von 28 gegensätzlichen Polen, jeweils gegenübergestellt in 14 Paaren. Da geht es gleich zu Beginn um die existentiellen Ränder des Lebens („Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“), weiter um elementare Gefühlsäußerungen („weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit“), öfters auch um ganz Alltägliches („suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit“), schließlich wieder um die großen Beziehungsäußerungen und -gegebenheiten im Leben („schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit“). Von Gott sagt der Prediger: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3, 11)

Paul Gerhardt geht noch wesentlich weiter als der Prediger Salomo, auch wenn es bei diesem schon angelegt ist. Paul Gerhardt sieht über der zeitlich begrenzten Dauer und Qualität aller Dinge, Begebenheiten, Gegebenheiten des Lebens die ewige Liebe Gottes und fasst dies ausdrücklich in seinen Merkspruch: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Man kann diese einprägsame Formulierung als eine leicht zu behaltende, Kurzfassung des bekannten Ausspruchs des Apostels Paulus aus dem Römerbrief (Römer 8, 38.39) lesen: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Ja, Paul Gerhardt meint, wenn er von Gott singt und schließlich zu Gott singt, den dreieinigen Gott: die Liebe Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Setzen wir uns dem Leben vertrauensvoll aus: unserem zeitlichen Leben, getragen von der ewigen Liebe des dreieinigen Gottes! Folgen wir Paul Gerhardts Erfahrungen und Einsichten, gehen wir dabei an den einzelnen Strophen entlang. – Die Strophen zwei bis vier besingen den dreieinigen Gott:

2. „Wie ein Adler sein Gefieder/ über seine Jungen streckt,/
also hat auch hin und wieder/ mich des Höchsten Arm bedeckt,/
alsobald im Mutterleibe,/ da er mir mein Wesen gab/
und das Leben, das ich hab/ und noch diese Stunde treibe./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

3. „Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer,/ nein, er gibt ihn für mich hin,/
dass er mich vom ewgen Feuer/ durch sein teures Blut gewinn./
O du unergründ’ter Brunnen,/ wie will doch mein schwacher Geist,/
ob er sich gleich hoch befleißt,/ deine Tief ergründen können?/
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

4. „Seinen Geist, den edlen Führer,/ gibt er mir in seinem Wort,/
dass er werde mein Regierer/ durch die Welt zur Himmelspfort;/
dass er mir mein Herz erfülle/ mit dem hellen Glaubenslicht,/
das des Todes Macht zerbricht/ und die Hölle selbst macht stille./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Die Strophen zwei bis vier besingen nacheinander Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist. Sie sind ein kurzes Glaubensbekenntnis. Das Wesen des christlichen Glaubens wird kurz, bilderreich, eindringlich und persönlich bekannt – wie im Glaubensbekenntnis mit seinen drei Artikeln.
Besungen wird Gott, der Schöpfer, der uns ins Leben ruft und uns schützt und bewahrt.
Besungen wird Gott, der Sohn, der uns solidarisch zur Seite tritt, die Menschen in ihrer Schuld nicht verwirft. Gott der Sohn, der die Tiefe Gottes den Menschen nahebringt, die Unergründlichkeit seines Wesens, die unfassbare Liebe. Keine Tiefe des menschlichen Lebens ist zu tief, als dass Gott nicht dorthin kommen könnte: seien es Einsamkeit, Schmerzen, Krankheit, Angst, Gewissensqualen, der Scherbenhaufen der Lebensbilanz.
Besungen wird schließlich Gott, der Geist: Gott in dem Menschen, Gott, der uns erfüllen und prägen will und in unserem Leben in allen Tiefen stärkt. Hier nennt Paul Gerhardt sogar die Todesmacht und die Hölle. Das ist durchaus nicht nur jenseitig zu verstehen: Todesmacht und Hölle auf Erden waren im dreißigjährigen Krieg real, präsent, sichtbar, greifbar. Sie waren und sind es seitdem immer wieder, z.B. im Zweiten Weltkrieg, der vor 75 Jahren sein Ende fand, und heute im Bürgerkrieg in Syrien. Vielerorts!

Nach jedem der drei Teile des gesungenen Glaubensbekenntnisses über Gottes Schöpferliebe, seiner Solidarität mit den Menschen, seiner Einwohnung bei und in den Menschen, folgt wieder der Merkvers, der alles ins rechte Glaubenslicht setzt und von Gott tragen und aufheben lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – So lauten die Strophen fünf bis sieben:

5. „Meiner Seele Wohlergehen/ hat er ja recht wohlbedacht;/
will dem Leibe Not entstehen, /nimmt er’s gleichfalls wohl in acht./
Wenn mein Können, mein Vermögen/ nichts vermag, nichts helfen kann,/
kommt mein Gott und hebt mir an/ sein Vermögen beizulegen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

6. „Himmel, Erd und ihre Heere/ hat er mir zum Dienst bestellt;/
wo ich nur mein Aug hinkehre,/ find ich, was mich nährt und hält:/
Tier und Kräuter und Getreide;/ in den Gründen, in der Höh,/
in den Büschen, in der See,/ überall ist meine Weide./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

7. „Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen/ und ermuntert mein Gemüt,/
dass ich alle liebe Morgen/ schaue neue Lieb und Güt./
Wäre mein Gott nicht gewesen,/ hätte mich sein Angesicht/
nicht geleitet, wär ich nicht/ aus so mancher Angst genesen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Diese Strophen fünf bis sieben sind das das freundliche und gut zuredende Herzstück des Liedes. Der Grundton ist hell, der Hintergrund das vorher gesungene Glaubensbekenntnis. Aus ihm folgt ganz offensichtlich und unüberhörbar: Alles ist gut oder wird gut.

Strophe fünf führt schon dahin. Die Stimmung ist aufgehellt: der „Seele Wohlergehen“ ist Gottes Anliegen, die Gefährdung des menschlichen Körpers – durch Krankheit etwa oder Unfall oder Verwundung – wird Gott anvertraut. Die Erfahrung, dass Gott auch in Einschränkungen ungeahnte, unvermutete Kräfte schenken, dazugeben kann, wird besungen. Die Erfahrung, dass es aufwärts gehen kann, man kann sogar sagen: die Erfahrung der Auferstehung im Leben, die Erfahrung der Gnade.

Strophe sechs ist nur licht und schön. Alles ist gut. Die Lebensgrundlagen und Lebensmöglichkeiten des Menschen werden wunderschön beschrieben und anschaulich vor Augen geführt. Man sieht blühende Landschaften vor sich. Überall, „wo ich nur mein Aug hinkehre“. Das Paradies auf Erden? Gottes Schöpferwille ungestört, Gottes Schöpfung unzerstört? Dass der Mensch wesensbedingt zur Grenzüberschreitung und Ausbeutung neigt, ist hier nicht im Blick. Genauso wenig andererseits die prophetische Vision des messianischen Friedensreiches mit Kühen und Bären, die friedlich nebeneinander weiden, mit Löwen, die Stroh fressen – wie die Rinder (Jesaja 11, 6-9). Aber es ist doch ein Augenblick der Vollkommenheit in dieser Strophe festgehalten – der sich gleichwohl nicht festhalten lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Der erste Teil des Merkspruchs korrigiert jede Naivität, sein zweiter Teil lässt Menschen immer wieder neu anfangen – trotz Sorge und Angst – Tag für Tag.

Anrührend ist das in der siebten Strophe besungen: Der Schlaf, der uns manches vergessen lässt und manches verarbeiten und zurechtrücken hilft – das ist Gottes Sorge für uns. Die neue Zuversicht, die andere Sicht der belastenden Dinge am nächsten Morgen – das ist ein Blick in Gottes freundliches Angesicht! Deswegen ist es so gut, vor schweren und weitreichenden Entscheidungen eine Nacht zu schlafen, die Dinge also zu überschlafen. Und deswegen stimmt es auch immer wieder, wenn man anderen oder sich selbst Mut macht und sagt: „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“ Freilich, wir wissen und erfahren: Immer neu bekommen wir Kräfte, aber immer wieder gehen sie uns auch aus, um uns dann wieder neu zuzuwachsen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – Die Strophen acht bis zehn bemühen sich um eine umfassende Deutung des Lebens von und vor und mit Gott:

8. „Seine Strafen, seine Schläge,/ ob sie mir gleich bitter seind,/
dennoch, wenn ich’s recht erwäge,/ sind es Zeichen, dass mein Freund,/
der mich liebet, mein gedenke/ und mich von der schnöden Welt,/
die uns hart gefangen hält,/ durch das Kreuze zu ihm lenke./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

9. „Das weiß ich fürwahr und lasse/ mir’s nicht aus dem Sinne gehn:/
Christenkreuz hat seine Maße/ und muss endlich stillestehn./
Wenn der Winter ausgeschneiet,/ tritt der schöne Sommer ein;/
also wird auch nach der Pein,/ wer’s erwarten kann, erfreuet./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

10. „Weil denn weder Ziel noch Ende/ sich in Gottes Liebe find’t,/
ei so heb ich meine Hände/ zu dir, Vater, als dein Kind,/
bitte, wollst mir Gnade geben,/ dich aus aller meiner Macht/
zu umfangen Tag und Nacht/ hier in meinem ganzen Leben,/
bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Wovon die achte Strophe so unvermittelt singt, von ‚Strafen‘, ‚Schlägen‘, entstammt einem Gottesbild, das uns sicherlich fremd ist. Leidenserfahrungen als Erziehungsmaßnahme Gottes zu verstehen, halte ich für problematisch, mindestens dann jedenfalls, wenn es generell, pauschal geschieht, sich auf das Leid anderer bezieht und andere Menschen auf diese Deutung festgelegt werden. Damit bemächtigt man sich der anderen Menschen, stellt sich als vermeintlich wissender und urteilsfähiger und -berechtigter Mensch über den anderen oder die andere und verschlimmert deren Leid. Aber auch sich selbst sollte man mit dieser Sicht nicht quälen und niedermachen. Gottes Wille ist uns – wie die Zumutungen unseres Lebens – nie voll einsehbar. Die Auffassung, Leiden, Krankheit, Infektionen als Strafe Gottes zu sehen, ist allerdings immer noch vorhanden. Sie gab und gibt es z.B. in Bezug auf HIV und jetzt auf Corona. Umgekehrt kann und mag es manchmal entlasten, erleichtern, sich angesichts der Anonymität und Sinnlosigkeit der Bedrohung direkt an Gott zu wenden und Gott die Bedrohung ausdrücklich zu klagen, ja Gottes Solidarität, Hilfe, Beistand einzuklagen. Viele Psalmen sind dazu eine gute Sprach- und Gebetshilfe. Immerhin nennt die gleiche Strophe acht Gott ausdrücklich „mein Freund“. ‚Meinem Freund‘, „der mich liebet“, kann und darf ich doch ungefiltert und ungeschminkt alles anvertrauen, was mir auf der Seele liegt! Und mit ihm, bei ihm, vor ihm auch überlegen und bedenken, was ich aus Leiden, Bedrohung, Krise mitnehmen muss, kann, darf, wie ich mit anderen und als Teil der Gesellschaft, der Menschheit, der Kirche, der Gemeinde in der derzeitigen Krise und, wann immer, nach der Krise leben möchte.

Auch wenn Glaube und Jesusnachfolge gewiss Leidensbereitschaft einschließen, ist die Leidensfähigkeit doch nicht unbegrenzt. Es gibt Grenzen des Ertragbaren. In der neunten Strophe wirft Paul Gerhardt einen Blick über unsere Lebensgrenze hinaus. Nicht nur alles „Ding währt seine Zeit“, auch das menschliche Leben. Der Mensch ist zeitlich, Gott ist ewig. Der Mensch findet sein Ziel bei Gott. Die menschliche Zeit fließt und mündet in Gottes Ewigkeit. Da ist dann sogar der erste Teil des Merkspruchs nicht mehr aktuell. Zum Schluss der neunten Strophe heißt es das letzte Mal in diesem Lied „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Bleibt die zehnte und letzte Strophe mit ihrem anbetenden Blick zu Gott. Gott wird hier nun erstmalig direkt angeredet. Nach neun Strophen Betrachtung und dankbarem Bekenntnis folgt nun das innige Gebet. Der Dichter ist Beter. Sein Blick richtet sich auf Gottes Ewigkeit. Alle Grenzen und Beschränkungen werden aufgehoben, alles Werden und Vergehen wird zum Ziel finden: die Ewigkeit Gottes. Menschliche Liebe wird sich in Gottes Liebe vollendet finden. Der zweite Teil des Merkspruchs verliert seine Gültigkeit nie und nimmer: „Gottes Lieb in Ewigkeit.“ In sie einzugehen und vorher das begrenzte und geschenkte Leben dankbar wahrzunehmen, Tag für Tag, ist Ausdruck und Ziel christlicher Hoffnung, denn wir haben die schöne Aussicht: „bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Heute, am 3. Mai 2020, ist der dritte Sonntag nach Ostern – mit dem Namen „Jubilate“ (= „Jubelt“). Er liegt mitten in der österlichen Freudenzeit. Osterfreude kommt natürlich besonders in den Osterliedern zum Ausdruck, zum Klingen. Viele von ihnen sind im beschwingten Dreiertakt komponiert. Viele haben eine aufsteigende Melodieführung, die uns sozusagen mitnimmt in die himmlischen Sphären. Einige aber klingen auch eher herb, für unser heutiges Empfinden jedenfalls – trotz Dreiertakt und trotz aufsteigender Melodieführung. Dies kann dem Umstand geschuldet sein, dass die Osterfreude noch nicht ungebrochen, ungetrübt sein kann. Sie will hervorbrechen aus Tod, Traurigkeit und Trauer, aus Erstarrung, Stillstand, Lähmung und Sorge. Aber sie muss eben auch hervorbrechen, sich manchmal mühsam ihren Weg bahnen. In diesem Jahr 2020 ganz besonders. Keines der Osterlieder haben wir gemeinsam, von der Orgel inspiriert, singen können in unseren Kirchen. Wir konnten dort ja gar nicht Ostern feiern. Dennoch und erst recht: „Jubilate“, jubelt, lobt, preist Gott, lasst der Osterfreude Raum, so gut es eben geht, am besten noch ein bisschen besser.

Nehmen wir dazu eines der beiden Wochenlieder für die Woche ab dem Sonntag „Jubilate“: Ich möchte Ihren Blick, Ihr Ohr, Ihr Herz, am liebsten auch Ihre Stimme, auf das Lied 110 im Evangelischen Gesangbuch (EG) richten. Es zählt nicht zu den bekannten Osterliedern. Mit vielen Osterliedern hat es gemeinsam den Dreiertakt, die schnell aufsteigende Melodie, wenngleich die Höhe nicht gehalten wird und die Melodie die Singenden wieder von der erreichten Höhe in die Niederungen des Lebens führt. Auch in diesem eher herben Osterlied bricht sich der Jubel Bahn. Es ist nicht schwer zu singen und vor allem auch nicht schwer zu verstehen. Ich mag es sehr, finde es wunderschön: kurz und schlicht, leicht und eingängig. Und es hat eine Besonderheit gegenüber allen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches, ein Alleinstellungsmerkmal, etwas Unverwechselbares!

Es entstand im Jahre 1623 und stammt von dem bedeutenden katholischen Lieddichter Friedrich Spee. Er ist einer der wenigen katholischen Dichter, dessen Texte sich in bekannten Liedern in unserem Evangelischen Gesangbuch finden, so stammt das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (EG 7) größtenteils aus seiner Feder und komplett das Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ (EG 32), schließlich auch die erste Strophe der Passionsliedes „O Traurigkeit, o Herzeleid!“ (EG 80). Friedrich Spee stellte sich mutig gegen Hexenverfolgungen und Hexenprozesse, die es in jener Zeit durchaus noch gab. Das war sein Kampf für das Leben gegen den Tod. – Nun also zu seinem Osterlied, das seinen anderen Liedern in unserem Gesangbuch – wie auch vielen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches – gegenüber an Bekanntheit zurücksteht. Die besondere Wertschätzung als Wochenlied des Sonntages „Jubilate“ erfährt es übrigens erst seit Neustem.

„Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ (=Auferstehung) fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“ (Str. 1 und 6) Alle sechs Strophen bestehen aus diesem Wechsel von Text- und Halleluja-Zeilen. Man kann sich eine Prozession zum Auferstehungswunder vorstellen: Der Vorsänger oder die Vorsängerin singt die Textzeile, das Volk, die Gemeinde, eine große oder eine kleine Ansammlung von Menschen antwortet mit den doppelten Halleluja-Rufen.

Die Rahmenstrophen besingen den unendlichen Klangraum des Osterjubels: die ganze Welt. Auferstehungshoffnung, Osterfreude erfüllen die Schöpfung. Nicht alle können zu jeder Zeit mitsingen und mitjubeln. Dieses Jahr ist es sicherlich für viel mehr Menschen als sonst schwierig. Osterfreude kann auch stellvertretend zum Klingen gebracht werden: von denen, die es gerade (noch oder wieder) können, für diejenigen, die es (zurzeit) nicht können. Die Welt freut sich nämlich nicht über die Auferstehung, sondern – feiner Unterschied! – in ihr. Was mit Ostern geschehen ist, ist präsent und wirkt, umfasst und durchdringt das Leben – auch angesichts von Sterben, Tod und Trauer und alldem, was uns einzwängt und niederhält. Dies singend zuversichtlich zu bekennen, ist Gebet („in deiner Urständ“).

Christi Auferstehung lenkt unseren Blick, besser: unser Ohr, nach oben. „Das himmlisch Heer im Himmel singt“; „die Christenheit auf Erden klingt.“ (Str. 2) Ihren Höhepunkt erreicht die Melodie im „Himmel“, bevor sie wieder an Höhe verliert und „auf Erden“ ankommt. Auferstehungsglaube und Osterjubel führen uns über uns selbst hinaus. Die Musik nimmt uns mit in Sphären, die uns ohne sie unzugänglich blieben. Die Welt voll Gesang, voll Musik: Der himmlische Gesang klingt und hallt wider im Gesang, in der Musik der Menschen, der christlichen Gemeinde.

Auf der Erde angekommen, zeigt das Lied hier nun Bilder für die Auferstehung – anrührend schlicht. Das Wiedererwachen der Natur ist Gleichnis für die Auferstehung. Als einziges Osterlied unseres Gesangbuches wagt das Lied 110 diese Anschauung. Ohne jede Erklärung. Inmitten des Osterjubels besingt es einfach den Frühling – und die Frühlingsmusik der Kreatur. „Jetzt grünet, was nur grünen kann“; „die Bäum zu blühen fangen an.“ – „Es singen jetzt die Vögel all“; „jetzt singt und klingt die Nachtigall.“ (Str. 3 und 4) Vor einigen Jahr konnte man an verschneiten Ostertagen die Vögel über den schneebedeckten Wiesen singen hören. Aus dem Schnee ragten grüne Halme. Osterbilder, Ostermusik vor der Haustür! In diesen Tagen des Jahres 2020 singen die Vögel – oder kommt es mir nur so vor? – besonders laut. Ich freue mich daran und frage mich so manches Mal, staunend, nicht ohne die Antwort ja doch zu wissen: Die Vögel singen so laut, so schön, so anhaltend – wissen die denn gar nicht, was die Menschen auf der ganzen Welt derzeit so quält und niederdrückt? Aber die Vögel singen – wieder und weiter, vielleicht extra besonders schön in diesem Jahr!? Auch in diesem Jahr 2020 war Ostern, ist Ostern, bleibt Ostern wirksam und gibt es die österliche Freudenzeit.

Hier eine kleine Nebenbemerkung: Im Vorgängergesangbuch zu unserem jetzigen fand sich dieses Lied in der Rubrik „Jahreszeiten“, es wurde dort offensichtlich als reines Frühlingslied verstanden. Zwar wurden immer wieder Ostern und das Aufblühen der Natur miteinander in Verbindung gebracht. Aber die allermeisten unserer Osterlieder haben eine Scheu davor. Schien ihnen diese Form der Osteranschauung doch zu schlicht, dass sie sich nicht trauten, sie in Worte zu fassen? Und ist es umgekehrt nicht eine Überhöhung der Naturschönheit, wenn man sie mit dem Auferstehungsgeschehen in Verbindung bringt? Und tatsächlich: Unser Lied spricht ja auch nur unauffällig, quasi nebenbei, aber eben doch unüberhörbar und an herausgehobener Stelle, von der Auferstehung: Nur in den Rahmenstrophen – diese aber umschließen das ganze Lied: setzen schon am Anfang den entscheidenden Akzent und bestätigen diesen abschließend noch einmal – am Anfang und am Ende des Liedes also kommt das Wort nun doch ausdrücklich vor (in seiner altertümlichen Fassung: „Urständ“). Nur: Ist Ostern ein weltumfassendes Geschehen, betrifft Ostern die ganze Schöpfung: Himmel und Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen, dann ist es ja gut und schön, passend und angemessen, legitim und sachgerecht, dies auch konkret – wie in diesem Lied eben – zu besingen: Osterfreude und Frühlingsfreude passen zusammen und fallen in diesem Lied zusammen. Der Frühling steht für erwachendes Leben, er lässt den Winter, der für Erstarrung, ja Lebensbedrohung steht, hinter sich. Wenn es Schnee gab, wird ihn irgendwann unweigerlich die Sonne zum Schmelzen und Verschwinden bringen. Die Naturphänomene werden ganz selbstverständlich und selbsterklärend, ohne jeden begrifflichen Aufwand, auf Ostern hin gedeutet.

So besingt das Osterlied das österliche Licht. „Der Sonnenschein jetzt kommt herein“; „und gibt der Welt ein‘ neuen Schein.“ (Str. 5) Das klingt ja kaum anders als wie im bekannten Weihnachtslied „Gelobet seist du Jesu Christ“ (EG 23), dessen Text größtenteils vom Reformator Martin Luther stammt. Die vierte Strophe dort beginnt ganz ähnlich: „Das ewig Licht geht da herein,/ gibt der Welt ein‘ neuen Schein“. Der Sonnenschein des Frühlings weist in unserem Osterlied – in unausgesprochener ökumenischer Einigkeit – symbolisch hin auf Jesus Christus, das „ewig Licht“ (Weihnachtslied), der von sich sagt (Johannes 8, 12): „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Ein Satz, der unser Leben hell macht und zugleich über unser irdisches Leben hinausweist und aus Gottes Ewigkeit leuchtet.

Christen mögen auch in der Frühlingssonne Gottes Lebenswillen erkennen. Sie bescheint die erwachende Natur. Die grünende Pflanze streckt sich nach ihrem Licht. Ostern geschah „am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ (Markus 16, 2) Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Leben in der Auferstehungshoffnung, erfüllt von Osterfreude, richtet sich jubelnd, singend und betend auf Gott: „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“