Lesepredigt zum Sonntag Exaudi 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Epheser 3, 14-21 (Episteltext zum Sonntag Exaudi):
Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,
18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde, der Sonntag Exaudi ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: der Sonntag, der, wenn wir das Kirchenjahr bewusst in seiner zeitlichen Abfolge mitfeiern und mitdenken, quasi eine Leerstelle bietet:
Jesus: zum Himmel aufgefahren.
Der verheißene Geist, der uns spüren lassen will, dass Jesus bei Gott und bei uns ist – jederzeit und überall – und uns miteinander verbindet und eint und so mit Gott und mit Jesus in Verbindung hält, dieser Geist, der das bewirkt: noch nicht da, erst an Pfingsten!

Nun ist der Sinn des Kirchenjahres ja gerade, die Fülle Gottes, das Geheimnis seiner Liebe – und was das alles mit uns macht und wie es unser Leben prägt und trägt, nach und nach, Schritt für Schritt zu entfalten und nachzuvollziehen. Alles auf einmal wäre zu viel für unser Aufnahmevermögen.

Aber selbst jeder einzelne Schritt nimmt uns nicht das Geheimnis des Glaubens und der Liebe Gottes: Weihnachten/ Epiphanias – Karfreitag/ Ostern/ Himmelfahrt – Pfingsten: Alles, jedes einzelne Fest, jeder einzelne Gedenk-, Feiertag übersteigt letztlich unser volles Verstehen. Es bleibt immer ein Rest, der über alles Begreifen geht.

Gottes Friede ist ‚höher als alle Vernunft‘ (Philipper 4, 7) – so beschließen wir jede Predigt und lassen ihn als Kanzelsegen auf uns kommen, halten uns jedenfalls offen.

Der Sonntag Exaudi – diese vermeintliche Leerstelle im schrittweisen Durchschreiten des Kirchenjahres, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – macht uns in besonderer Weise aufmerksam für unseren angemessenen Zugang zu Gott, dem göttlichen Geheimnis, ebenso wie zu unserem Leben, das von Gottes Liebe, dem Geheimnis des Glaubens getragen, durchdrungen, erfüllt ist.

Dieser uns angemessene Zugang ist das Gebet.

Der oben stehende Text aus dem Epheserbrief ist in der Luther-Bibel überschrieben mit: ‚Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘.

Wir nähern uns dieser ‚Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘ am besten, wenn wir sie nicht nur als Gebet eines fernen Apostels für eine ferne Gemeinde verstehen, sondern auch und gerade als Gebet für unsere Gemeinde, in der wir leben. Für alle Menschen unserer Gemeinde und für jeden einzelnen Menschen in unserer Gemeinde.

Der Apostel nähert sich mit diesem Gebet dem an, was von Gott her längst geschehen ist und da ist – und sich immer wieder und immer neu ereignen wird. Im Gebet wird es besonders bewusst und vergegenwärtigt. Spüren wir also diesem Gebet für die Gemeinde nach. Öffnen wir uns für dieses Gebet als ein Gebet, das uns gilt, nicht nur uns, aber auch uns. Folgen wir dem Gebet des Apostels, das auch unsere Wahrheit und Wirklichkeit vor Gott ausspricht und aufnimmt und vor Augen stellt.

Das Gebet beginnt mit einer Geste, die selten geworden ist: dem Kniefall. Wir kennen sie von Trauungen und Konfirmationen. Als ich konfirmiert wurde, haben wir auch das Abendmahl im Knien empfangen.

Das Knien vor Gott symbolisiert die Bereitschaft, etwas zu empfangen: die Abendmahlsgaben, den Segen Gottes: als Jugendlicher, nachdem man einige Zeit ganz bewusst sich mit dem Dreieinigen Gott in einer Gemeinde und darin besonders in einer Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Mit-Konfis auseinandergesetzt hat und vor allem Gottes Liebe und Fürsorge in Gottesdiensten mit und in der Gemeinde gefeiert hat. Den Segen Gottes: später, wenn man mit einem Menschen das Leben teilen will und sich so gemeinsam Gott anvertraut.
Knien vor Gott ist die Haltung der Empfangsbereitschaft.
Wer kniet vor Gott, macht sich kleiner, um Großes zu empfangen.
Wer kniet vor Gott, begibt sich in eine Haltung, wo man im Moment kaum handlungsfähig scheint, und tut dies, um sich stärken zu lassen für ein aktives Leben.

Wer betet, spricht zwar, möchte aber zugleich und vor allem: empfangen. Neue Kraft.
Aus dem Sprechen zu Gott wird ein Hören auf Gott.
Die Worte, die wir im Gebet sagen, wandeln sich allmählich in Worte, die Gott uns sagt.

Das alles meint der Kniefall vor Gott. Er zeigt die Richtung unserer Haltung, die Bereitschaft, den Willen zu völliger Offenheit für Gott, tiefem Vertrauen zu Gott, kindlicher, das heißt vorbehaltloser Vertrautheit mit Gott. Die Bereitschaft und den Willen, sich von Gott stärken, beschenken, erfüllen zu lassen. Dies alles wieder aufs Neue.

Der Apostel beugt sich vor Gott, dem Vater, um anzunehmen, sich aktuell anzueignen, was Gott längst getan, gegeben hat und wieder und wieder gibt. Bei jedem Gebetsakt ist das so.

Der Apostel bittet um ‚Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit‘. Sie soll bewirken, dass der innere Mensch, der Mensch von innen heraus gestärkt werde durch Gottes Geist (nach Epheser 3, 16), und er betet darum, „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ (Epheser 3, 17a) Der Apostel stellt in dem Gebet fest und spricht der Gemeinde zu, was er, der Apostel, und sie, die Gemeinde, von Gott zugesprochen bekommt. Beten und empfangen gehen hin und her. Das also gilt der Gemeinde: „ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet“. (Epheser 3, 17b) Christus also, so betet der Apostel, möge bei uns einziehen, nicht nur in unser Haus, nicht nur in das Haus der Gemeinde, nicht nur in das Gemeindehaus schlechthin, die Kirche, sondern in unsere Herzen. Da möge er Wohnung finden, da mögen wir Christus beherbergen.

Jesu Eltern, Maria und Josef, hatten ja schon einmal „keinen Raum in der Herberge“ gefunden (Lukas 2, 7b). Von alleine öffnen sich Türen und Herzen nicht immer.

Christus im Herzen. Das beschreibt den Glauben: der Glaube sozusagen als Herzensweitung. Damit Platz für Christus bleibt. Glaube macht die Herzen weit und frei und offen, um aus dem Kreisen um sich selbst auszubrechen, um aus dem Blickwinkel der eigenen Sorgen und Wünsche, Probleme und Sehnsüchte herauszutreten, um andere genauer wahrzunehmen: ihre Sorgen und Wünsche, ihre Probleme und Sehnsüchte, um ihr Eigenes, ihr Anderes, nicht Austauschbares zu entdecken, genauso wie das Gemeinsame, Verbindende.

So stehen wir gemeinsam vor Gott, lassen uns von Gott füllen, dem Gott, der Mensch wurde und nun das Göttliche und das Menschliche in sich vereint: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30) Nicht mehr nur auf der Erde besucht uns Jesus und bringt uns Gott nahe, sondern in unserem Herzen will Christus wohnen, damit uns Gott nahe bleibt, damit wir Gott in uns tragen, jederzeit und überall. Wo wir auch sind. Wann auch immer.

Gott bleibt nicht bei sich selbst. Mit Christus im Herzen bleiben auch wir nicht bei uns selbst, sondern wenden uns anderen zu, so gut wir das können und so gut das für andere ist. So wie wir selbst von der guten Zuwendung anderer leben.

Das sind die Konsequenzen des Gebetes des Apostels für die Gemeinde. Der Apostel beschreibt, was ist, damit es neu wird. Er bittet, dass geschieht, was von Gott her längst ist.

Und so beschreibt er uns als in der Liebe eingewurzelt und gegründet. Wiederum, damit sich das auch zeigt und bewahrheitet. Dafür ist aber die Erinnerung, die Bewusstmachung, die Vergegenwärtigung im Gebet wichtig.

Der Apostel malt ein eindrückliches Bild. Wurzeln stehen für Kraft und Stärke. Mit diesem Bild beschreibt er unseren Halt und unseren Stand in der Liebe. Liebe ist eine starke Macht.
Wurzeln bieten Halt und Standfestigkeit, sie trotzen Stürmen, die von außen kommen.
Wurzeln breiten sich aus.
Wurzeln nähren. Die Liebe!
Eingewurzelt in der Liebe – ein eindrückliches Bild für die Kraft, die uns Gott geschenkt hat und immer neu schenkt.

Die Liebe ist es, der wir uns täglich verdanken: Wir sind da, wir können leben. Vielleicht gesund, vielleicht krank, vielleicht vital, vielleicht hinfällig, vielleicht froh, vielleicht unglücklich – so klar lässt sich das ohnehin nicht immer trennen und auseinanderhalten. Bestimmt aber: getragen und bewahrt, angenommen und geliebt. Von Menschen. Durch ihre Herzlichkeit, ihre guten Worte, ihr stilles Verstehen, ihre umstandslose Hilfe. Ich meine, wir sehen darin die Liebe Gottes, ihre Zeichen und Spuren.

Wir sehen und spüren die Liebe Gottes auch in der Natur, die – so sehr sie geschunden und ausgebeutet ist, so arg sie leidet und erhitzt und verdorrt – doch immer noch und immer wieder so unendlich viel Schönes bereithält und hervorbringt. Sie erfreut uns, obwohl wir sie oft und, auf‘s Ganze gesehen, nicht gut behandeln. Sie erfreut uns gerade in dieser Jahreszeit, wo ständig Neues blüht und grünt – geradezu ein Sinnbild für die verschwenderische Fülle Gottes.

Die Liebe Gottes ist das glatte Gegenteil von allem Berechnen, Einteilen, Abwägen, Ausmessen und Zumessen. Liebe ist großzügig, verschwenderisch, rechnet nicht und zählt nicht.

Wir erfahren die Liebe aber auch – das ist am Ende bald das Wichtigste – in der Fähigkeit, die wir bei uns selbst bemerken, dass wir Liebe schenken können und es auch tun: für andere Meschen da zu sein, ihnen offen zu begegnen: mit unserem Innersten, unserem Herzen, von Christus, der in ihm wohnt, geweitet.

So kann man von sich selbst absehen, sich loslassen, sich anderen zuwenden und hingeben, sich auf sie einzulassen, ihnen zuhören, mit ihnen denken und sprechen. Mit dem Herzen, dem von Christus bewohnten und geweiteten Herzen, bei anderen zu sein – so findet und gewinnt man Leben. Das ist Gottes Geheimnis der Liebe und der Hingabe. Von Jesus ist das Wort überliefert: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ (Matthäus 10, 39)

Nun wird Liebe oft genug versagt. Unser Miteinander in der Gesellschaft ist auch von Gleichgültigkeit gegenüber anderen oder Berechnung oder Egoismus oder Übervorteilung oder Überheblichkeit oder Abwertung oder Ausgrenzung geprägt. Auch in Gemeinden kommt das vor. Darunter leiden Menschen. Und an dem, worunter sie leiden, was ihnen fehlt, merken sie, wie lebensnotwendig der respektvolle, den Wert anderer hochschätzende Umgang ist. Wir leben von Liebe, die den Mitmenschen als von Gott geachtet und geliebt sieht und behandelt. Wir brauchen sie.

Das Gebet um unsere Einwurzelung und Gründung in der Liebe, auch darum, dass Christus in unseren Herzen wohnen und wohnen bleiben möge, überholt sich keineswegs! Gebet ist auf Wiederholung, auf Übung angelegt.

Das Gebet des Apostels für die Gemeinde und die Gemeinden richtet sich an Gott, der über alles Begreifen und Verstehen hinaus ist. Gott entzieht sich unseren Mitteln, etwas zu erfassen: Sprache, Vorstellungskraft, Gefühle, Logik, Mathematik, Naturwissenschaft. Auch dem Bemühen der Philosophie, ja selbst: der Theologie ist Gott wieder und wieder entzogen.

Gott wendet sich uns aber zu und kommt uns näher als wir’s zu fassen vermögen. Das Gebet, ‚dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne‘, ist ja selbst der Versuch, Gottes unbegreifliche Nähe sprachlich, bildlich, sprachbildlich zu fassen.

Gott lässt sich nicht vermessen, und doch soll das Bild von Christi Einwohnung in unseren Herzen und unserer Einwurzelung und Gründung in der Liebe uns eine Erkenntnis erlauben und ermöglichen: „damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (Epheser 3, 18+19)

Breite, Länge, Höhe, Tiefe – man spürt die Weite, die Unfassbarkeit, die Uneinholbarkeit Gottes. In keinem Koordinatensystem lässt sich Gott verorten und festschreiben. Die Erkenntnis, die der Glaube schenkt, richtet sich auf etwas, das alle Erkenntnis übertrifft: „damit ihr … die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft“ (s.o.). Unsere Gotteserkenntnis fängt, was sie erkennen will, nie ein. Die Liebe ist immer mehr als alles Begreifen, Verstehen, Erkennen. Gott auch. Christus auch. Christi Liebe auch.

So lange bleibt die Gotteserkenntnis offen, „bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (s.o.)

So lange bleiben Gebete unüberholt, notwendig, sinnvoll, hilfreich – für uns selbst und für andere. Wir können diesen Abstand nicht überwinden. Aber ‚Christus möge durch den Glauben in uns wohnen, wir sind in der Liebe eingewurzelt und gegründet.‘ Das ist mehr als genug für jeden Tag und für ein ganzes Leben.

Gott hebt den Abstand auf, Gott ergreift uns, unsere Herzen, unser Denken, unser Tun und Lassen. Gott versteht uns. Besser versteht Gott uns als wir uns selbst verstehen. Jesus hat’s seine Jüngerinnen und Jünger gelehrt, als er ihnen sein Gebet an unseren gemeinsamen Vater an die Hand gab und in den Mund legte: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Liebe Gemeinde, es ist eine leidvolle Erfahrung für viele Menschen: Viele Gebete bleiben unerhört – meinen sie, empfinden sie. Bleiben die Gebete auch ungehört? Auch das ist eine Frage des Sonntages Exaudi, der seinen lateinischen Namen aus Psalm 27, 7 bezieht (lat. exaudire = hören, erhören): „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Ich sage hier einmal paradox und überspitzt: Es werden auch Gebete erhört, die gar nicht stattgefunden haben. Oder klarer: Gott hat aus unseren Gebeten, den selbst formulierten wie auch dem Gebet mit Jesu Worten, dem Vaterunser, das gehört und das erhört, was uns gut und lebensdienlich ist. Das ist die Gotteskraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3, 20).

Suchen Sie einmal in Ihrem Leben: Was haben Sie Gutes bekommen, ohne darum gebeten oder gebetet zu haben? Welche Menschen haben Sie kennengelernt, die Ihnen gutgetan haben, mit denen Sie nie gerechnet, auf die Sie nie gehofft, nie gewartet, um die Sie nie gebetet haben? Welche Aufgaben sind Ihnen zugewachsen, die Sie sich nicht gesucht haben, für die Sie sich vielleicht auch gar nicht geeignet hielten, die Sie aber erfüllen konnten und die Sie erfüllt haben und segensreich wirken ließen?

Und forschen Sie noch weiter: Nicht allein: Was ist Ihnen Gutes widerfahren, ohne dass Sie’s gesucht oder erbeten hätten? Sondern auch: Was ist Ihnen – Gott sei Dank! – erspart geblieben, weil es anders kam, als Sie’s gewollt und erbeten haben?

Dies alles sind ja nur vage Andeutungen und Ausblicke über unseren begrenzten Horizont hinaus: hinein in das Wirken und Walten des unendlichen und unbegreiflichen Gottes. Gott ist uns ferner als es menschlichem Scharfsinn erscheinen will. Und näher als es das menschliche Herz zu fühlen vermag!

Dass Gott uns versteht, ist wichtiger als dass wir Gott verstehen.

Dass Gott uns liebt und zur Liebe befähigt, dürfen wir glauben. Gott dürfen wir vertrauen. Unsere Lieben Gott anvertrauen im Gebet, wie auch unsere Gemeinde, unsere Gesellschaft, unser Leben, unsere Welt – mit allem, was auf ihr lebt und leben will und leben wird. Vom Gebet begleitet, getragen, ermutigt unseren Glauben und unsere Liebe, beides von Gott gewirkt, zu leben – das ist viel und das ist schön. Es wird uns Kraft geben. Kraft von Gott. Gottes Fülle wird das Ihre tun und geben. Amen.

Lesepredigt zu Christi Himmelfahrt 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

1. Könige 8, 22-24.26-28:
22 Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel
23 und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;
24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
… … …
26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.
27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?
28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Lukas 24, 50-53:
Jesu Himmelfahrt
50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Liebe Gemeinde, seit jeher fasziniert der Himmel die Menschen. Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. Der Blick in den Himmel lässt staunen: makelloses Blau, Wolkenformationen, Schönwetterwolken, feine Schleierwolken, dunkle Wolken, Abendrot – manchmal durch Wolken reflektiert, so dass das Rot bis nach Osten zurückstrahlt! Manchmal ist der Himmel auch grau – oder weiß. Der Himmel erscheint wie ein Bogen, der sich von Horizont zu Horizont spannt, eine Haube über uns. Der Blick in den Himmel: grenzenlose Weite. Der Sternenhimmel nachts: unendliche Fülle, erhaben. Wir erleben uns als Teil der Schöpfung. Klein oder groß!

Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. So dass dieser über sich hinausgeht. Den Menschen hat es in den Himmel gezogen. Da merkt er seine Grenzen – und seine Sehnsucht.

Gott im Himmel? Ein Theologe hat einmal bemerkt: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern: wo Gott ist, da ist der Himmel.“

Menschen suchen Gott, fragen nach Gott. Nicht immer finden sie Gott. Menschen erfahren nicht nur den nahen, sondern auch den fernen, nicht nur den offenbaren, sondern auch den verborgenen, nicht nur den zugewandten, sondern auch den sich abwendenden, sich entziehenden Gott. Glückliche und schmerzliche Erfahrungen sind das. Schmerzlich ist es, wenn wir nur noch dunkles Schicksal spüren, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Verlust, Trauer, Leere, Aussichtslosigkeit. Gut ist es, wenn die Sehnsucht nicht stirbt. Im Schmerz nicht und auch im Glück nicht! Dann und wann, hier und da findet die Sehnsucht spürbar Erfüllung – jedenfalls im Ansatz: Momente der Stimmigkeit, des Glücks, des Einklangs, der Gemeinschaft, der Vergebung, des Trostes, des Verständnisses, der Freude. Wir spüren die Weite in unserem Leben. Raum und Zeit zum Leben. Himmel über uns. Boden, der trägt. Gott bei uns.

So oder so: Gerade der glaubende Mensch weiß: Wir können über Gott nicht verfügen. Vertrauen ist nicht Verfügen, nicht Beherrschen. Wir können Gott nicht herbeinötigen und nicht für unsere Wünsche, Vorstellungen, Ziele in Gebrauch nehmen. Vielmehr: Gott kommt auf uns zu, dann und wann, hier und da – wenn wir nicht mit Gott rechnen oder auch: wenn wir zu Gott flehen. Wir wissen es nicht, es kann aber sein, dass Gott uns ergreift, durchfährt, erschüttert oder beruhigt. Je nachdem. Christenmenschen halten sich offen für Gott, damit Gott – zu unserem Guten wirkend – uns offen vorfindet.

So macht es auch schon Salomo: Er weiht den neu gebauten Tempel Jerusalems ein. Er betet zu Gott „und breitete seine Hände aus gen Himmel“ (s.o. 1. Könige 8, 22b). Sichtbar hält sich Salomo offen für Gott. Und beschränkt Gott eben nicht auf den Tempel! Das Tempelgebäude will Gott nicht einfangen, einengen, festhalten, gewiss auch nicht festlegen: „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Könige 8, 27) – Nebenbei: Dieser Vers wird gerne bei Kircheneinweihungen zitiert!

Menschen brauchen Orte, die ihnen bei ihrer Offenheit zu Gott helfen. Wo sie ablegen können: ihre Sorgen, ihre hinderlichen Gedanken, ihre Alltagsgeschäfte. Man wird all das nicht einfach verlieren, man sollte all das auch nicht verdrängen. Aber man kann frei und offen werden für Anderes, Neues, Gutes, Wegweisendes, Entlastendes: offen für Gottes Einzug in uns.

Der Tempel war ein solcher Ort. Kirchengebäude sind es auch. Sie halten sich offen hin zum Himmel, zeigen dies in der Architektur: Turm, Gewölbe, Streben nach Höhe oft auch in der Fensterform. (Decken-)Gemälde lassen den Blick in den Himmel wandern, nach oben, zu Gott, über uns hinaus – hinein in die umfassende Wirklichkeit, deren Teil wir sind und die uns viel zu geben hat. Von der wir leben.

Kirchengebäude helfen uns also, zu Gott zu finden bzw. uns für Gott bereit zu halten. Aber es geht überall! In besonders schönen Orten der Natur – unter Gottes freiem Himmel – sicherlich besonders gut.

Als Jesus in den Himmel auffuhr, wie es die Bibel kurz und knapp erzählt (s.o.: Lukas 24, 50-53), als er sich also von seinen Jüngern verabschiedete – mit seinem Segen! – da weinten sie nicht und trauerten sie nicht, sondern: sie „beteten ihn an“ (Lukas 24, 52). So konnten sie Jesus nahe bleiben, die Verbindung halten, sich von ihm füllen lassen. Und sie wurden tatsächlich erfüllt: „mit großer Freude“ (Lukas 24, 52). Das blieb vielleicht kein durchgängiges, gewiss aber ein tragendes Gefühl. Und der Tempel war der Ort, wo sie sich zusammenfanden und in dieser Freude ‚Gott priesen‘ (Lukas 24, 53). Damit endet übrigens das Lukas-Evangelium. Das zweite Buch des Evangelisten Lukas, die Apostelgeschichte, enthält gleich im ersten Kapitel eine zweite Erzählung über Christi Himmelfahrt, ein wenig ausführlicher. Wohlgemerkt: Es ist derselbe Autor, der beide Fassungen seiner Erzählung über Christi Himmelfahrt sicherlich bewusst und gezielt so platziert: an das Ende des einen und an den Anfang des nächsten Buches, quasi als Scharnier.

Salomo, die Jünger, Christenmenschen aller Couleur: In der offenen Haltung zu Gott werden wir Erfahrungen machen mit Gott. Nichts können wir erzwingen. Aber wir müssen auch nicht ausschließlich warten. Das Gebet ist unsere Möglichkeit, unser Weg, selbst aktiv zu werden, die Offenheit zu Gott mit Leben zu erfüllen. Besondere Orte und Zeiten erleichtern uns das Gebet – keine Frage! Aber wirklich notwendig sind besondere Orte und Zeiten nicht. Jederzeit und überall können wir uns offenhalten für Gott. Gebete sind orts- und zeitunabhängig!

Schließlich: Beten heißt nicht nur Reden. Besonders wortreich muss es schon gar nicht sein. Hören, Wahrnehmen, Hinschauen, Aufnehmen ist mindestens so wichtig. Wie oft zeigt sich Gott in Worten und Gesten des Alltags: im Gespräch mit Menschen, in ihrem Verstehen und Ermutigen oder in ihrem Mahnen und Warnen, in ihrem liebevollen, oft unauffälligen Tun. In all dem kann, ohne dass es uns bewusst ist oder wird, Jesus mitten unter uns sein.

Das ist Christi Himmelfahrt: Jesus Christus ist nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. Überall und jederzeit können wir ihm begegnen. In Situationen der Freude und in Situationen des Leidens, im Glück, in der Einsamkeit … . Kein Ort, kein Tag, den Jesus meiden würde. Nicht immer entdecken wir ihn, aber es wollen, Augen und Ohren, Kopf und Herz offenhalten für ihn, das können wir – oder können es üben, trainieren. Ich bin gewiss: Jesus Christus ist uns viel näher als wir ahnen. Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Rogate (= „Betet!“) 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Johannes 16, 23b-33:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.
24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.
25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;
27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild.
30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr?
32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Liebe Gemeinde, der Mensch lebt davon, dass er sich mitteilt. Auch wenn man manches mit sich selbst ausmacht und ausmachen muss – es ist doch wichtig, sich auch mit anderen zu besprechen, von den eigenen Sorgen, dem eigenen Glück, den Ängsten und Hoffnungen anderen zu erzählen, andere daran teilhaben zu lassen.

Gerade wenn man manches mit sich selbst ausmacht, führt das Bedürfnis sich mitzuteilen, sich zu äußern, gut zum Gebet. Da kann mit dem Innersten, das man preisgibt, nichts Böses passieren. Niemand kann es weitererzählen an Menschen, die’s nix angeht, die’s nicht hören sollen. Man ist auch nicht Unverständnis, Desinteresse, Gleichgültigkeit oder – im Gegenteil – unangemessener Neugier ausgesetzt.

Ich meine, liebe Gemeinde, das Gebet tut gut, dient der eigenen Entlastung, Sortierung, Klärung, auch dann, wenn man gut und gerne mit anderen Menschen sprechen kann.

Es gibt ja Menschen, denen man gut und gerne vertrauen kann und mit denen man jedenfalls so manches (es muss ja nicht alles sein!) besprechen kann. Wer ist das bei Ihnen, bei euch? Gleichaltrige Freunde, Freundinnen? Freundinnen und Freunde, die deutlich älter oder deutlich jünger sind? Die Eltern? Die Kinder? Tanten, Onkel, Neffen, Nichten? Zu manchen von ihnen besteht ja ein gutes, freundschaftliches, vertrauensvolles, inniges Verhältnis! Auch mit vielen Ärzten, Lehrerinnen, Pfarrern, auch mit Rechtsanwältinnen kann man gut reden. Sie alle haben Schweigepflicht und bemühen sich – aus ihrer Sicht – um Verständnis, Teilnahme, Rat und Hilfe, wenn nötig, wenn möglich, wenn gewünscht!

So wie sich Menschen Vertrauenspersonen offen anvertrauen, so können und dürfen wir gewiss auch uns Gott anvertrauen, ohne Scheu und Scham, ohne die Sorge, abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden.

Nur eine Schwierigkeit lässt sich nicht übersehen: Gott ist nicht zu sehen. Und wir können zwar zu Gott reden, mit Gott offen sprechen, aber hört Gott uns? Gibt es eine Antwort? Wie nehmen wir die wahr?

Wenn wir allerdings etwas aufschreiben, das jemand anderes lesen soll – ich rede jetzt nicht von Kurznachrichten, eher von Briefen oder E-Mails – gibt’s auch keine direkte, prompte Antwort. Aber schon das Schreiben tut gut. Und wenn die Antwort kommt, können wir sie lesen – oder man trifft sich vorher und spricht dann doch direkt miteinander.

Die Kommunikation mit Gott im Gebet ist schon eine andere. Die Offenheit, die Vertrautheit kann unbegrenzt und uneingeschränkt sein – wie bei einem vertrauten Menschen – oder sogar noch offener – da muss nichts verborgen bleiben. Aber was damit geschieht, was wir Gott anvertraut haben, was Gott damit macht, das liegt im Verborgenen. – Das macht das Beten nicht überflüssig und nicht sinnlos! —

Liebe Gemeinde, die christlichen Feste im Kirchenjahr lassen sich unter dem Gesichtspunkt verstehen, dass Gott sich den Menschen begreifbar und sichtbar macht und dass Gott bei den Menschen ist und bleibt und weiterhin für sie da ist.

So heißt es in Johannes 16, 28: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Darin findet sich, was wir zu Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt feiern.

Dass Jesus die Menschen sozusagen besucht hat, lässt diese nicht unverändert. So wie ein lieber Besuch immer etwas Gutes mit einem macht und auch etwas Gutes zurücklässt, wenn er sich wieder verabschiedet und geht.

So lässt der Evangelist Johannes an anderer Stelle, im gleichen Kapitel 16, aber sogar schon vorher, vorweg, Jesus sagen (Johannes 16, 6b.7): „… ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“

Jesus hat die Menschen besucht. Gott hat menschlich mit den Menschen geredet. Von Mensch zu Mensch. Hat mit ihnen gegessen und getrunken. Vor 2000 Jahren, als Jesus auf der Erde mit den Menschen seiner Zeit sein Leben teilte. Die Menschen begriffen: Dieser Mensch, so menschlich er ist, ist ein besonderer Mensch. Sicher: Jeder Mensch ist besonders. Aber das Besondere dieses Menschen war: Durch die Art und Weise, wie er lebte, was er tat und sagte, und wie er es tat und sagte, haben die Menschen gespürt: Da ist Gott. Der ist Gott. Gott auf der Erde. Gott bei uns. Gottes Sohn. Wer Kontakt zu Jesus hatte, hatte Kontakt zu Gott. Wer mit Jesus sprach, sprach mit Gott. Zu wem Jesus sprach, zu dem sprach Gott. Mehr und mehr merkte man, dass es in diese Richtung ging. Im Menschen Jesus wurde mehr und mehr Gott selbst erkennbar und erkannt.

Umso stärker stellte sich die Frage, ob der Kontakt mit Gott denn bleibt, wenn Jesus nicht mehr da ist. Kein Mensch lebt ewig auf Erden. Auch Jesus nicht.

Aber ein Mensch, wenn er nicht mehr da ist, hinterlässt etwas. Vor allem: Er hat das Leben derjenigen, die mit ihm gelebt haben, geprägt. Und kann weiterhin wirken.

Jesus hat den Menschen Gott nahegebracht. Und das wirkte und wirkt. Jesus hat versprochen, ‚den Tröster‘ zu den Menschen zu ‚senden‘, den Heiligen Geist. Die Verbindung zu Gott und mit Gott bleibt, über seinen Weggang hinaus. Weggang ist nicht nur sein Tod. Tod, Auferstehung, Himmelfahrt – das ist ein Geschehen beim Evangelisten Johannes: der Weggang Jesu von den Menschen, der ihnen den unmittelbaren Zugang zu Gott eröffnet. Über seinen Weggang hinaus: d.h. auch für die Menschen später, nicht nur für die Menschen, die ihn damals in den wenigen Jahren im kleinen Landstrich Palästina kennenlernen durften. Auch für uns ist der Zugang zu Gott direkt möglich. Deswegen brauchen wir nicht zu Jesus zu beten. Wir können das, aber Jesus schickt unsere Gebete zu Gott.

Es ist angemessen, in Jesu Namen zu beten. Das hören wir in unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (s.o.) mehrfach. Im Gedenken an den Menschen Jesus, in der Vergegenwärtigung des Menschen Jesus, der uns Gott nahegebracht hat. Aber: Jesus ist nicht als Vermittler notwendig. Der Zugang zu Gott ist frei.

Jesus sagt den merkwürdigen Satz (Johannes 16, 26b): „Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde“. Das Beten in Jesu Namen zu Gott, dem Vater, reicht für die direkte Kommunikation mit Gott: „denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ (Johannes 16, 27) Gottes Liebe trifft uns direkt!

Jesus tröstet seine Jünger und Jüngerinnen, diejenigen also, die sich von Jesus Gott haben nahebringen lassen. Er tröstet sie und stellt ihnen in Aussicht: Gottes Liebe wirkt und gilt euch unmittelbar. Denkt ihr an mich, haltet ihr mich im Gedächtnis lebendig, betet ihr in meinem Namen, habt ihr ohne Weiteres Zugang zu Gott. – Jesus und wer ihm nachfolgt, schlagen die gleiche Richtung ein: „ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ (Johannes 16, 28b) Unser Gebet lenkt unsere Gedanken zu Gott, unserem gemeinsamen Vater.

Die Frage nach der Kommunikation mit Gott findet sich natürlich auch in den anderen Evangelien, und Matthäus und Lukas überliefern als eine Antwort darauf das wohl bekannteste Gebet: das Vaterunser.

Bei Matthäus steht es an hervorgehobener Stelle: im Zentrum der Bergpredigt. Jesus gibt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern das kurze, konzentrierte Gebet – und wendet sich gegen ein damals wie heute nicht selten praktiziertes Verständnis vom Gebet, dass man in die Formel ‚viel hilft viel‘ fassen könnte: wenn man also in immer neuen Anläufen sozusagen auf Gott einredet, Gott bestürmt. Gegen dieses angestrengte Bemühen sagt Jesus den schönen und entlastenden Satz: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Bei Lukas steht das Vaterunser – noch knapper überliefert – außerhalb der Feldrede, seinem kürzeren Pendant zur Bergpredigt bei Matthäus – nach der Geschichte von Maria und Marta und vor der Geschichte vom bittenden Freund. In dieser werden die Worte Jesu überliefert: „wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lukas 11, 10)

In unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangeliums (s.o.) klingt das ganz ähnlich (Johannes 16, 23b.24b.): „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. … Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“

Aber wird das nicht überboten und bald schon überflüssig durch den zitierten Satz in der Bergpredigt direkt vor dem Vaterunser: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)? Direkt darauf folgt das Vaterunser.

Jesus zeigt, wie die Kommunikation mit Gott geht. Er lehrt es. Es zu lernen ist nicht schwer. Übung braucht man höchstens, um es nicht zu verlernen, vor allem aber weil es eine gute, eine wohltuende Übung ist, das Vaterunser zu beten. Es dient der Sammlung der Gedanken, es konzentriert, es gibt Worte, die uns manchmal fehlen, es ersetzt Worte, die wir nicht finden.

Und es hilft uns aus der Vereinzelung, wenn wir das Vater“unser“ (Mehrzahl!) beten. Jesus richtet unsere Gedanken auf seinen Vater, den auch wir so nennen dürfen. Mit denselben Worten können wir ihn ansprechen – so unterschiedlich unsere Anliegen, Wünsche und Bitten im Einzelnen sind, so unterschiedlich auch die Situationen sind: ein Vaterunser passt immer, und es wird zu jeder Zeit und überall gebetet. Es verbindet uns mit anderen Christenmenschen in der Nähe und in der Ferne. Sie bleiben uns nicht fern. Vaterunser-Beter- und Vaterunser-Beterinnen, ob im Gottesdienst, ob vor einer Autofahrt oder vor einer Klassenarbeit, vor einer Operation oder nach einer Sitzung, ob am Krankenbett, ob am offenen Grab beim Abschied von einem lieben Menschen – sie sind nicht alleine. Jesus leiht, Jesus gibt uns Worte, mit denen wir in Kontakt mit Gott kommen – zunächst alleine oder gleich gemeinsam, einzeln und als Teil der Gemeinde, ja sogar als Teil der weltweiten Christenheit.

„Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Gewiss! Er weiß es sogar besser, sieht weiter, sieht mehr als wir. Der Zweck und das Ziel des Betens ist deshalb auch bestimmt nicht, dass einfach alles so kommen soll, wie wir’s uns denken oder sogar in eigenen Gebeten aussprechen.

Selbst die Bitten des Vaterunsers sind ja längst nicht alle und für jeden Menschen erfüllt. – Aber warum beten wir denn überhaupt?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33) Angst ist mehr als Furcht. Angst ist mehr als Furcht, weil sie weniger konkret, weniger greifbar ist. Angst ist unbestimmt. Sie kommt, bleibt, verschwindet, nicht immer mit äußerem Anlass, nicht immer rational fassbar oder begründbar. Sie bedrängt uns. Sie ist nicht leicht in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen. – „Angst“ ist aber nicht die genaue Übersetzung des griechischen Wortes im Text. Wörtlich heißt es: Bedrückung, Bedrängnis, Trübsal. Was uns einengt, zu schaffen macht, Druck bereitet und eben auch: was uns traurig macht. Aber das Unfassbare, das Ungreifbare, was uns zusetzt, das ist mit Luthers Übersetzung „Angst“ schon sehr treffend ausgedrückt!

Druck, Traurigkeit, Angst: das gibt es in jedem Menschenleben. Das gibt es gerade in diesen Wochen und Monaten zuhauf! Manchmal kann man gut damit umgehen: Es dominiert nicht, und schöne Befindlichkeiten wie Zuversicht, Leichtigkeit, Glück, Fröhlichkeit, guter Mut sind mindestens so stark oder stärker. Manchmal aber sind Druck, Traurigkeit, Angst – und was uns sonst bedrückt und bedrängt und belastet, bleischwer und aus den Gedanken nicht mehr wegzukriegen. Kaum ein Menschenleben, in dem das nicht vorkommt. Und wer ist in diesen Zeiten ganz davon verschont?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst (Bedrängnis, Trübsal, Druck, Traurigkeit); aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Der Zweck, das Ziel des Betens ist demnach: Frieden in Jesus Christus.

Im Gedenken an ihn, mit Jesus Christus in Gedanken, in seinem Namen, mit seinem Gebet sich an Gott wenden, das kann uns ruhig werden lassen, helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Der Gedankenkreis wird konzentriert, auf den Punkt gebracht. Auf den Punkt, der außerhalb von uns liegt: auf Gott. Auf den Punkt, den wir auch in uns finden: auf Gott, den uns Jesus nahegebracht hat, Gott, mit dem wir im Heiligen Geist verbunden sind.

Beten schafft unsererseits eine Annäherung an Gott, denn wir erfahren nicht nur Selbstbestätigung, sondern auch Orientierung: Korrektur und Annahme. Beides liebevoll. Damit kann es uns mit der Zeit wohl auch gelingen anzunehmen, zu akzeptieren, womit wir leben müssen. Und wir können Einsicht gewinnen in das, was wir ändern und bessern können, vielleicht sogar müssen.

Im Beten mit Gott können wir unser Leben bejahen und verändern, weil wir es offenlegen vor dem, der es uns gegeben und anvertraut hat, auch und besonders um anderen Menschen wohlzutun und Gott zu ehren.

Deswegen ist Gebet nicht nur Bitte für uns selbst. Nicht mal in der Hauptsache ist es das!

Gebet ist zuerst Dank an Gott, das Gebet preist Gott! Auch Fürbittengebete fangen mit Dank gegen Gott an, loben Gott und wenden sich dann energisch und mit Blick aufs Detail dem Leid, der Not, dem Unglück, aber auch der Freude, dem Erfolg, dem Glück der anderen zu, um dann gerne ins Vaterunser zu münden: unsere Worte fließen in die Worte Jesu, uns von ihm gegeben! Dies alles in dem Wissen und dem Vertrauen, dass andere auch für uns beten. Eben: Fürbittengebete!

So ist es ein bleibender Dienst der Christenheit (wenn nicht sogar aller religiösen Menschen!), füreinander zu beten, also die Verbindung mit Gott stets gemeinsam lebendig zu halten, aber immer auch für die Menschheit als Ganze, für unsere, für Gottes Welt, in die Gott uns gestellt hat, damit wir, wie unsere Kinder, Enkel und Urenkel und deren Nachkommen überall gut auf ihr leben können.

Dafür kann man beten und sich stärken lassen, um gerne und verantwortungsvoll in Gottes, in unserer gemeinsamen Welt zu leben. Amen.

Liedandacht zum Sonntag Kantate 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

„Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?/
Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘./
Ist doch nichts als lauter Lieben,/ das sein treues Herze regt,/
das ohn Ende hebt und trägt,/ die in seinem Dienst sich üben./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“
(EG 325: Strophe 1)

Das ist der Auftakt. Dank an Gott für Gottes Liebe. Das besingt Paul Gerhardt strophenlang. Zwölf Strophen hat das Lied eigentlich, zehn davon sind in unserem Evangelischen Gesangbuch (EG 325) abgedruckt.

Zur Zeit können wir nicht gemeinsam singen. Man kann es aber auch alleine, für sich, so wie es Paul Gerhardt hier auch tut: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Man kann für sein eigenes Leben prüfen: „Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ Und man kann in seinem eigenen Leben danach suchen: „Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘.“ Und alleine ist man dabei ja doch nicht. Auch andere werden’s tun. Und unsere Gedanken werden auf Gott gerichtet. Da treffen wir uns, auch wenn wir uns nicht sehen.

Paul Gerhardt hat den dreißigjährigen Krieg miterlebt, ziemlich genau in seinem zweiten, dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Eine jahrzehntelange, lebensprägende Katastrophe! Und doch: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ 1653, fünf Jahre nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges, besiegelt durch den Westfälischen Frieden 1648, knapp dreihundert Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dichtet er dieses Lied. Die Melodie ist etwas älter und stammt nicht von Paul Gerhardt. Nicht naiv, sondern durchdrungen von Lebens- und Leidenserfahrungen aller Schattierungen kann man das Lied singen und meditieren. ‚In allen Dingen‘ will Paul Gerhardt sehen, ‚wie gut Gott es meint‘. Tatsächlich in allen? In den hellen und dunklen Zeiten eines jeden Lebens, in Glück und Trauer, in Erfolg und Niederlage, in Demütigung und Befreiung – ja selbst in Krieg und Frieden? Offensichtlich will Paul Gerhardt, selbst lebenserfahren und leidesgesättigt, singend und lobend dazu anleiten. Folgen wir ihm auf seinem strophenlangen Weg, schauen wir, jeder/ jede für sich, wie lange und wie weit wir mitgehen können oder wollen. Man kann ja auch zwischendurch stehen bleiben, innehalten und später weitergehen!

Paul Gerhardt gibt den Singenden quasi einen Merkspruch mit, den er Strophe für Strophe, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, anwendet und erinnert: kein billiges Sprüchlein, sondern eine Einsicht, die Hoffnung schenken und vor trügerischer Sicherheit bewahren kann: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Nichts ist sicher, nichts von Dauer – außer Gottes Liebe. Was uns ängstigt, was uns freut, was wir verlieren, was wir gewinnen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Dieser Spruch lebt vom häufigen, wiederholten Singen und Meditieren. Wie eine Litanei will er sich eingraben in das Herz und das Gedächtnis der Sängerinnen und Sänger und jedes Menschen, der das Lied liest, nachempfindet und bedenkt. Was Paul Gerhardt erlebt und besingt in den nun noch folgenden neun Strophen, Glaubenserfahrungen, Lebenserfahrungen – es läuft alles und immer wieder darauf hinaus. „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Die Zeit kann man nutzen oder durchstehen, ausfüllen oder aushalten – je nachdem! – sie mündet in Gottes Ewigkeit. Sie ist geprägt von Gottes Liebe – „Lieb“: gesungen auf den höchsten Ton der Melodie dieses Liedes!

Vielleicht fällt Ihnen in diesem Zusammenhang auch der bekannte Abschnitt aus dem Prediger Salomo ein, das dritte Kapitel beginnt mit den Worten „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, gefolgt von 28 gegensätzlichen Polen, jeweils gegenübergestellt in 14 Paaren. Da geht es gleich zu Beginn um die existentiellen Ränder des Lebens („Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“), weiter um elementare Gefühlsäußerungen („weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit“), öfters auch um ganz Alltägliches („suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit“), schließlich wieder um die großen Beziehungsäußerungen und -gegebenheiten im Leben („schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit“). Von Gott sagt der Prediger: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3, 11)

Paul Gerhardt geht noch wesentlich weiter als der Prediger Salomo, auch wenn es bei diesem schon angelegt ist. Paul Gerhardt sieht über der zeitlich begrenzten Dauer und Qualität aller Dinge, Begebenheiten, Gegebenheiten des Lebens die ewige Liebe Gottes und fasst dies ausdrücklich in seinen Merkspruch: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Man kann diese einprägsame Formulierung als eine leicht zu behaltende, Kurzfassung des bekannten Ausspruchs des Apostels Paulus aus dem Römerbrief (Römer 8, 38.39) lesen: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Ja, Paul Gerhardt meint, wenn er von Gott singt und schließlich zu Gott singt, den dreieinigen Gott: die Liebe Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Setzen wir uns dem Leben vertrauensvoll aus: unserem zeitlichen Leben, getragen von der ewigen Liebe des dreieinigen Gottes! Folgen wir Paul Gerhardts Erfahrungen und Einsichten, gehen wir dabei an den einzelnen Strophen entlang. – Die Strophen zwei bis vier besingen den dreieinigen Gott:

2. „Wie ein Adler sein Gefieder/ über seine Jungen streckt,/
also hat auch hin und wieder/ mich des Höchsten Arm bedeckt,/
alsobald im Mutterleibe,/ da er mir mein Wesen gab/
und das Leben, das ich hab/ und noch diese Stunde treibe./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

3. „Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer,/ nein, er gibt ihn für mich hin,/
dass er mich vom ewgen Feuer/ durch sein teures Blut gewinn./
O du unergründ’ter Brunnen,/ wie will doch mein schwacher Geist,/
ob er sich gleich hoch befleißt,/ deine Tief ergründen können?/
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

4. „Seinen Geist, den edlen Führer,/ gibt er mir in seinem Wort,/
dass er werde mein Regierer/ durch die Welt zur Himmelspfort;/
dass er mir mein Herz erfülle/ mit dem hellen Glaubenslicht,/
das des Todes Macht zerbricht/ und die Hölle selbst macht stille./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Die Strophen zwei bis vier besingen nacheinander Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist. Sie sind ein kurzes Glaubensbekenntnis. Das Wesen des christlichen Glaubens wird kurz, bilderreich, eindringlich und persönlich bekannt – wie im Glaubensbekenntnis mit seinen drei Artikeln.
Besungen wird Gott, der Schöpfer, der uns ins Leben ruft und uns schützt und bewahrt.
Besungen wird Gott, der Sohn, der uns solidarisch zur Seite tritt, die Menschen in ihrer Schuld nicht verwirft. Gott der Sohn, der die Tiefe Gottes den Menschen nahebringt, die Unergründlichkeit seines Wesens, die unfassbare Liebe. Keine Tiefe des menschlichen Lebens ist zu tief, als dass Gott nicht dorthin kommen könnte: seien es Einsamkeit, Schmerzen, Krankheit, Angst, Gewissensqualen, der Scherbenhaufen der Lebensbilanz.
Besungen wird schließlich Gott, der Geist: Gott in dem Menschen, Gott, der uns erfüllen und prägen will und in unserem Leben in allen Tiefen stärkt. Hier nennt Paul Gerhardt sogar die Todesmacht und die Hölle. Das ist durchaus nicht nur jenseitig zu verstehen: Todesmacht und Hölle auf Erden waren im dreißigjährigen Krieg real, präsent, sichtbar, greifbar. Sie waren und sind es seitdem immer wieder, z.B. im Zweiten Weltkrieg, der vor 75 Jahren sein Ende fand, und heute im Bürgerkrieg in Syrien. Vielerorts!

Nach jedem der drei Teile des gesungenen Glaubensbekenntnisses über Gottes Schöpferliebe, seiner Solidarität mit den Menschen, seiner Einwohnung bei und in den Menschen, folgt wieder der Merkvers, der alles ins rechte Glaubenslicht setzt und von Gott tragen und aufheben lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – So lauten die Strophen fünf bis sieben:

5. „Meiner Seele Wohlergehen/ hat er ja recht wohlbedacht;/
will dem Leibe Not entstehen, /nimmt er’s gleichfalls wohl in acht./
Wenn mein Können, mein Vermögen/ nichts vermag, nichts helfen kann,/
kommt mein Gott und hebt mir an/ sein Vermögen beizulegen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

6. „Himmel, Erd und ihre Heere/ hat er mir zum Dienst bestellt;/
wo ich nur mein Aug hinkehre,/ find ich, was mich nährt und hält:/
Tier und Kräuter und Getreide;/ in den Gründen, in der Höh,/
in den Büschen, in der See,/ überall ist meine Weide./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

7. „Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen/ und ermuntert mein Gemüt,/
dass ich alle liebe Morgen/ schaue neue Lieb und Güt./
Wäre mein Gott nicht gewesen,/ hätte mich sein Angesicht/
nicht geleitet, wär ich nicht/ aus so mancher Angst genesen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Diese Strophen fünf bis sieben sind das das freundliche und gut zuredende Herzstück des Liedes. Der Grundton ist hell, der Hintergrund das vorher gesungene Glaubensbekenntnis. Aus ihm folgt ganz offensichtlich und unüberhörbar: Alles ist gut oder wird gut.

Strophe fünf führt schon dahin. Die Stimmung ist aufgehellt: der „Seele Wohlergehen“ ist Gottes Anliegen, die Gefährdung des menschlichen Körpers – durch Krankheit etwa oder Unfall oder Verwundung – wird Gott anvertraut. Die Erfahrung, dass Gott auch in Einschränkungen ungeahnte, unvermutete Kräfte schenken, dazugeben kann, wird besungen. Die Erfahrung, dass es aufwärts gehen kann, man kann sogar sagen: die Erfahrung der Auferstehung im Leben, die Erfahrung der Gnade.

Strophe sechs ist nur licht und schön. Alles ist gut. Die Lebensgrundlagen und Lebensmöglichkeiten des Menschen werden wunderschön beschrieben und anschaulich vor Augen geführt. Man sieht blühende Landschaften vor sich. Überall, „wo ich nur mein Aug hinkehre“. Das Paradies auf Erden? Gottes Schöpferwille ungestört, Gottes Schöpfung unzerstört? Dass der Mensch wesensbedingt zur Grenzüberschreitung und Ausbeutung neigt, ist hier nicht im Blick. Genauso wenig andererseits die prophetische Vision des messianischen Friedensreiches mit Kühen und Bären, die friedlich nebeneinander weiden, mit Löwen, die Stroh fressen – wie die Rinder (Jesaja 11, 6-9). Aber es ist doch ein Augenblick der Vollkommenheit in dieser Strophe festgehalten – der sich gleichwohl nicht festhalten lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Der erste Teil des Merkspruchs korrigiert jede Naivität, sein zweiter Teil lässt Menschen immer wieder neu anfangen – trotz Sorge und Angst – Tag für Tag.

Anrührend ist das in der siebten Strophe besungen: Der Schlaf, der uns manches vergessen lässt und manches verarbeiten und zurechtrücken hilft – das ist Gottes Sorge für uns. Die neue Zuversicht, die andere Sicht der belastenden Dinge am nächsten Morgen – das ist ein Blick in Gottes freundliches Angesicht! Deswegen ist es so gut, vor schweren und weitreichenden Entscheidungen eine Nacht zu schlafen, die Dinge also zu überschlafen. Und deswegen stimmt es auch immer wieder, wenn man anderen oder sich selbst Mut macht und sagt: „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“ Freilich, wir wissen und erfahren: Immer neu bekommen wir Kräfte, aber immer wieder gehen sie uns auch aus, um uns dann wieder neu zuzuwachsen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – Die Strophen acht bis zehn bemühen sich um eine umfassende Deutung des Lebens von und vor und mit Gott:

8. „Seine Strafen, seine Schläge,/ ob sie mir gleich bitter seind,/
dennoch, wenn ich’s recht erwäge,/ sind es Zeichen, dass mein Freund,/
der mich liebet, mein gedenke/ und mich von der schnöden Welt,/
die uns hart gefangen hält,/ durch das Kreuze zu ihm lenke./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

9. „Das weiß ich fürwahr und lasse/ mir’s nicht aus dem Sinne gehn:/
Christenkreuz hat seine Maße/ und muss endlich stillestehn./
Wenn der Winter ausgeschneiet,/ tritt der schöne Sommer ein;/
also wird auch nach der Pein,/ wer’s erwarten kann, erfreuet./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

10. „Weil denn weder Ziel noch Ende/ sich in Gottes Liebe find’t,/
ei so heb ich meine Hände/ zu dir, Vater, als dein Kind,/
bitte, wollst mir Gnade geben,/ dich aus aller meiner Macht/
zu umfangen Tag und Nacht/ hier in meinem ganzen Leben,/
bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Wovon die achte Strophe so unvermittelt singt, von ‚Strafen‘, ‚Schlägen‘, entstammt einem Gottesbild, das uns sicherlich fremd ist. Leidenserfahrungen als Erziehungsmaßnahme Gottes zu verstehen, halte ich für problematisch, mindestens dann jedenfalls, wenn es generell, pauschal geschieht, sich auf das Leid anderer bezieht und andere Menschen auf diese Deutung festgelegt werden. Damit bemächtigt man sich der anderen Menschen, stellt sich als vermeintlich wissender und urteilsfähiger und -berechtigter Mensch über den anderen oder die andere und verschlimmert deren Leid. Aber auch sich selbst sollte man mit dieser Sicht nicht quälen und niedermachen. Gottes Wille ist uns – wie die Zumutungen unseres Lebens – nie voll einsehbar. Die Auffassung, Leiden, Krankheit, Infektionen als Strafe Gottes zu sehen, ist allerdings immer noch vorhanden. Sie gab und gibt es z.B. in Bezug auf HIV und jetzt auf Corona. Umgekehrt kann und mag es manchmal entlasten, erleichtern, sich angesichts der Anonymität und Sinnlosigkeit der Bedrohung direkt an Gott zu wenden und Gott die Bedrohung ausdrücklich zu klagen, ja Gottes Solidarität, Hilfe, Beistand einzuklagen. Viele Psalmen sind dazu eine gute Sprach- und Gebetshilfe. Immerhin nennt die gleiche Strophe acht Gott ausdrücklich „mein Freund“. ‚Meinem Freund‘, „der mich liebet“, kann und darf ich doch ungefiltert und ungeschminkt alles anvertrauen, was mir auf der Seele liegt! Und mit ihm, bei ihm, vor ihm auch überlegen und bedenken, was ich aus Leiden, Bedrohung, Krise mitnehmen muss, kann, darf, wie ich mit anderen und als Teil der Gesellschaft, der Menschheit, der Kirche, der Gemeinde in der derzeitigen Krise und, wann immer, nach der Krise leben möchte.

Auch wenn Glaube und Jesusnachfolge gewiss Leidensbereitschaft einschließen, ist die Leidensfähigkeit doch nicht unbegrenzt. Es gibt Grenzen des Ertragbaren. In der neunten Strophe wirft Paul Gerhardt einen Blick über unsere Lebensgrenze hinaus. Nicht nur alles „Ding währt seine Zeit“, auch das menschliche Leben. Der Mensch ist zeitlich, Gott ist ewig. Der Mensch findet sein Ziel bei Gott. Die menschliche Zeit fließt und mündet in Gottes Ewigkeit. Da ist dann sogar der erste Teil des Merkspruchs nicht mehr aktuell. Zum Schluss der neunten Strophe heißt es das letzte Mal in diesem Lied „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Bleibt die zehnte und letzte Strophe mit ihrem anbetenden Blick zu Gott. Gott wird hier nun erstmalig direkt angeredet. Nach neun Strophen Betrachtung und dankbarem Bekenntnis folgt nun das innige Gebet. Der Dichter ist Beter. Sein Blick richtet sich auf Gottes Ewigkeit. Alle Grenzen und Beschränkungen werden aufgehoben, alles Werden und Vergehen wird zum Ziel finden: die Ewigkeit Gottes. Menschliche Liebe wird sich in Gottes Liebe vollendet finden. Der zweite Teil des Merkspruchs verliert seine Gültigkeit nie und nimmer: „Gottes Lieb in Ewigkeit.“ In sie einzugehen und vorher das begrenzte und geschenkte Leben dankbar wahrzunehmen, Tag für Tag, ist Ausdruck und Ziel christlicher Hoffnung, denn wir haben die schöne Aussicht: „bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Heute, am 3. Mai 2020, ist der dritte Sonntag nach Ostern – mit dem Namen „Jubilate“ (= „Jubelt“). Er liegt mitten in der österlichen Freudenzeit. Osterfreude kommt natürlich besonders in den Osterliedern zum Ausdruck, zum Klingen. Viele von ihnen sind im beschwingten Dreiertakt komponiert. Viele haben eine aufsteigende Melodieführung, die uns sozusagen mitnimmt in die himmlischen Sphären. Einige aber klingen auch eher herb, für unser heutiges Empfinden jedenfalls – trotz Dreiertakt und trotz aufsteigender Melodieführung. Dies kann dem Umstand geschuldet sein, dass die Osterfreude noch nicht ungebrochen, ungetrübt sein kann. Sie will hervorbrechen aus Tod, Traurigkeit und Trauer, aus Erstarrung, Stillstand, Lähmung und Sorge. Aber sie muss eben auch hervorbrechen, sich manchmal mühsam ihren Weg bahnen. In diesem Jahr 2020 ganz besonders. Keines der Osterlieder haben wir gemeinsam, von der Orgel inspiriert, singen können in unseren Kirchen. Wir konnten dort ja gar nicht Ostern feiern. Dennoch und erst recht: „Jubilate“, jubelt, lobt, preist Gott, lasst der Osterfreude Raum, so gut es eben geht, am besten noch ein bisschen besser.

Nehmen wir dazu eines der beiden Wochenlieder für die Woche ab dem Sonntag „Jubilate“: Ich möchte Ihren Blick, Ihr Ohr, Ihr Herz, am liebsten auch Ihre Stimme, auf das Lied 110 im Evangelischen Gesangbuch (EG) richten. Es zählt nicht zu den bekannten Osterliedern. Mit vielen Osterliedern hat es gemeinsam den Dreiertakt, die schnell aufsteigende Melodie, wenngleich die Höhe nicht gehalten wird und die Melodie die Singenden wieder von der erreichten Höhe in die Niederungen des Lebens führt. Auch in diesem eher herben Osterlied bricht sich der Jubel Bahn. Es ist nicht schwer zu singen und vor allem auch nicht schwer zu verstehen. Ich mag es sehr, finde es wunderschön: kurz und schlicht, leicht und eingängig. Und es hat eine Besonderheit gegenüber allen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches, ein Alleinstellungsmerkmal, etwas Unverwechselbares!

Es entstand im Jahre 1623 und stammt von dem bedeutenden katholischen Lieddichter Friedrich Spee. Er ist einer der wenigen katholischen Dichter, dessen Texte sich in bekannten Liedern in unserem Evangelischen Gesangbuch finden, so stammt das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (EG 7) größtenteils aus seiner Feder und komplett das Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ (EG 32), schließlich auch die erste Strophe der Passionsliedes „O Traurigkeit, o Herzeleid!“ (EG 80). Friedrich Spee stellte sich mutig gegen Hexenverfolgungen und Hexenprozesse, die es in jener Zeit durchaus noch gab. Das war sein Kampf für das Leben gegen den Tod. – Nun also zu seinem Osterlied, das seinen anderen Liedern in unserem Gesangbuch – wie auch vielen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches – gegenüber an Bekanntheit zurücksteht. Die besondere Wertschätzung als Wochenlied des Sonntages „Jubilate“ erfährt es übrigens erst seit Neustem.

„Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ (=Auferstehung) fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“ (Str. 1 und 6) Alle sechs Strophen bestehen aus diesem Wechsel von Text- und Halleluja-Zeilen. Man kann sich eine Prozession zum Auferstehungswunder vorstellen: Der Vorsänger oder die Vorsängerin singt die Textzeile, das Volk, die Gemeinde, eine große oder eine kleine Ansammlung von Menschen antwortet mit den doppelten Halleluja-Rufen.

Die Rahmenstrophen besingen den unendlichen Klangraum des Osterjubels: die ganze Welt. Auferstehungshoffnung, Osterfreude erfüllen die Schöpfung. Nicht alle können zu jeder Zeit mitsingen und mitjubeln. Dieses Jahr ist es sicherlich für viel mehr Menschen als sonst schwierig. Osterfreude kann auch stellvertretend zum Klingen gebracht werden: von denen, die es gerade (noch oder wieder) können, für diejenigen, die es (zurzeit) nicht können. Die Welt freut sich nämlich nicht über die Auferstehung, sondern – feiner Unterschied! – in ihr. Was mit Ostern geschehen ist, ist präsent und wirkt, umfasst und durchdringt das Leben – auch angesichts von Sterben, Tod und Trauer und alldem, was uns einzwängt und niederhält. Dies singend zuversichtlich zu bekennen, ist Gebet („in deiner Urständ“).

Christi Auferstehung lenkt unseren Blick, besser: unser Ohr, nach oben. „Das himmlisch Heer im Himmel singt“; „die Christenheit auf Erden klingt.“ (Str. 2) Ihren Höhepunkt erreicht die Melodie im „Himmel“, bevor sie wieder an Höhe verliert und „auf Erden“ ankommt. Auferstehungsglaube und Osterjubel führen uns über uns selbst hinaus. Die Musik nimmt uns mit in Sphären, die uns ohne sie unzugänglich blieben. Die Welt voll Gesang, voll Musik: Der himmlische Gesang klingt und hallt wider im Gesang, in der Musik der Menschen, der christlichen Gemeinde.

Auf der Erde angekommen, zeigt das Lied hier nun Bilder für die Auferstehung – anrührend schlicht. Das Wiedererwachen der Natur ist Gleichnis für die Auferstehung. Als einziges Osterlied unseres Gesangbuches wagt das Lied 110 diese Anschauung. Ohne jede Erklärung. Inmitten des Osterjubels besingt es einfach den Frühling – und die Frühlingsmusik der Kreatur. „Jetzt grünet, was nur grünen kann“; „die Bäum zu blühen fangen an.“ – „Es singen jetzt die Vögel all“; „jetzt singt und klingt die Nachtigall.“ (Str. 3 und 4) Vor einigen Jahr konnte man an verschneiten Ostertagen die Vögel über den schneebedeckten Wiesen singen hören. Aus dem Schnee ragten grüne Halme. Osterbilder, Ostermusik vor der Haustür! In diesen Tagen des Jahres 2020 singen die Vögel – oder kommt es mir nur so vor? – besonders laut. Ich freue mich daran und frage mich so manches Mal, staunend, nicht ohne die Antwort ja doch zu wissen: Die Vögel singen so laut, so schön, so anhaltend – wissen die denn gar nicht, was die Menschen auf der ganzen Welt derzeit so quält und niederdrückt? Aber die Vögel singen – wieder und weiter, vielleicht extra besonders schön in diesem Jahr!? Auch in diesem Jahr 2020 war Ostern, ist Ostern, bleibt Ostern wirksam und gibt es die österliche Freudenzeit.

Hier eine kleine Nebenbemerkung: Im Vorgängergesangbuch zu unserem jetzigen fand sich dieses Lied in der Rubrik „Jahreszeiten“, es wurde dort offensichtlich als reines Frühlingslied verstanden. Zwar wurden immer wieder Ostern und das Aufblühen der Natur miteinander in Verbindung gebracht. Aber die allermeisten unserer Osterlieder haben eine Scheu davor. Schien ihnen diese Form der Osteranschauung doch zu schlicht, dass sie sich nicht trauten, sie in Worte zu fassen? Und ist es umgekehrt nicht eine Überhöhung der Naturschönheit, wenn man sie mit dem Auferstehungsgeschehen in Verbindung bringt? Und tatsächlich: Unser Lied spricht ja auch nur unauffällig, quasi nebenbei, aber eben doch unüberhörbar und an herausgehobener Stelle, von der Auferstehung: Nur in den Rahmenstrophen – diese aber umschließen das ganze Lied: setzen schon am Anfang den entscheidenden Akzent und bestätigen diesen abschließend noch einmal – am Anfang und am Ende des Liedes also kommt das Wort nun doch ausdrücklich vor (in seiner altertümlichen Fassung: „Urständ“). Nur: Ist Ostern ein weltumfassendes Geschehen, betrifft Ostern die ganze Schöpfung: Himmel und Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen, dann ist es ja gut und schön, passend und angemessen, legitim und sachgerecht, dies auch konkret – wie in diesem Lied eben – zu besingen: Osterfreude und Frühlingsfreude passen zusammen und fallen in diesem Lied zusammen. Der Frühling steht für erwachendes Leben, er lässt den Winter, der für Erstarrung, ja Lebensbedrohung steht, hinter sich. Wenn es Schnee gab, wird ihn irgendwann unweigerlich die Sonne zum Schmelzen und Verschwinden bringen. Die Naturphänomene werden ganz selbstverständlich und selbsterklärend, ohne jeden begrifflichen Aufwand, auf Ostern hin gedeutet.

So besingt das Osterlied das österliche Licht. „Der Sonnenschein jetzt kommt herein“; „und gibt der Welt ein‘ neuen Schein.“ (Str. 5) Das klingt ja kaum anders als wie im bekannten Weihnachtslied „Gelobet seist du Jesu Christ“ (EG 23), dessen Text größtenteils vom Reformator Martin Luther stammt. Die vierte Strophe dort beginnt ganz ähnlich: „Das ewig Licht geht da herein,/ gibt der Welt ein‘ neuen Schein“. Der Sonnenschein des Frühlings weist in unserem Osterlied – in unausgesprochener ökumenischer Einigkeit – symbolisch hin auf Jesus Christus, das „ewig Licht“ (Weihnachtslied), der von sich sagt (Johannes 8, 12): „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Ein Satz, der unser Leben hell macht und zugleich über unser irdisches Leben hinausweist und aus Gottes Ewigkeit leuchtet.

Christen mögen auch in der Frühlingssonne Gottes Lebenswillen erkennen. Sie bescheint die erwachende Natur. Die grünende Pflanze streckt sich nach ihrem Licht. Ostern geschah „am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ (Markus 16, 2) Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Leben in der Auferstehungshoffnung, erfüllt von Osterfreude, richtet sich jubelnd, singend und betend auf Gott: „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Ostern 2020

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Predigttext für den zum Ersten Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) 2020: Jesaja 40, 26-31:
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;
31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde, ‚Lass den Kopf nicht hängen‘ oder ‚Kopf hoch!‘ sagen wir uns gerne, um uns gegenseitig Mut zu machen. Wieviel schöner noch klingt es hier: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ Um den Mut nicht zu verlieren oder um neuen Mut zu schöpfen, wird empfohlen und ermutigt zu schauen. Wenn man sich umsieht, nimmt man schon mehr wahr, als sich momentan im eigenen Kopf abspielt. Das Kreisen der Gedanken wird unterbrochen. Hier lesen wir die Empfehlung, hoch zu schauen, „in die Höhe“, und Klarheit zu gewinnen über die Frage, deren Antwort ja gleich mitschwingt: „Wer hat all dies geschaffen?“

Nun, was gibt’s denn zu sehen ‚in der Höhe‘? Probieren Sie’s einfach aus von Ihrem Fenster, Balkon, Garten.

Ich sehe bewaldete Berghänge, ergrünende Laubbäume, die Fichten sind ja immergrün (wenn sie die letzten beiden Sommer überlebt haben), ich sehe auch etliche blühende Bäume in herrlichem weiß. Ich sehe Vögel: Amseln, Tauben, Meisen, auch Enten, wie sie flattern, fliegen, gleiten. Ich sehe Wolken, weiße und graue, und blaue Stellen am Himmel, gelegentlich scheint die Sonne durch. Das ist der Blick, den ich heute, am Samstagnachmittag, von zuhause aus sehen und genießen kann. Spät abends konnte man an den letzten Tagen bei klarer Sicht auch einen herrlichen Sternenhimmel sehen. Dies alles im Blick relativiert sich die eigene Befindlichkeit doch!

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen?“ Der Blick in die Höhe lehrt uns, lehrt jeden einzelnen Menschen, sich als Teil des Ganzen zu sehen. Nicht weniger, nicht mehr. Dies kann trösten und stärken oder aber beunruhigen. Kann man denn in diesem Ganzen seinen Platz behaupten oder droht man unterzugehen?

Man kann ja auch unter sich schauen. Z.B. beim Spaziergang durch den Wald. Da sieht man zahllose Ameisen krabbeln und derzeit auch unüberschaubar viele ganz kleine Blümchen mit weißen Blüten. Es ist praktisch unmöglich, auf dem Weg um die Ameisen und Blumen herum zu gehen.

Wird man überhaupt wahrgenommen, ernstgenommen, beschützt als Teil des Ganzen im Ganzen? Das können sich einzelne Menschen, Familien, Gruppen in der Gesellschaft, ja sogar ganze Völker fragen, die sich verloren vorkommen, übersehen, überrannt, benachteiligt, der Möglichkeiten beraubt, in Recht und Würde leben zu können. Ihr klagender, verzweifelter Hilferuf kann lauten wie damals zur Zeit des Propheten: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«. Werden sie wahrgenommen in ihrem Leid und Elend?

– Das können Menschen in Pflegeheimen sein, die nach bestem Wissen und Gewissen und Können und in aller gebotenen Vorsicht und Umsicht versorgt und geschützt, begleitet und ermutigt werden, die aber unter der Einsamkeit leiden, da derzeit niemand von den Angehörigen zu Besuch kommen darf.
– Das können Kinder sein, die derzeit schon seit Wochen vorwiegend zuhause sind, nicht im Freien mit Freundinnen und Freunden spielen und toben können, sondern vielleicht sogar in engen Wohnverhältnissen ausharren müssen, vielleicht auch gestresste Eltern erleben, denen die Enge auch Probleme macht und die in ihr auch noch im Homeoffice arbeiten müssen und sich Sorgen um die Zukunft machen. Etliche Kinder erleiden zudem derzeit auch Aggressionen, Gewalt, Missbrauch. Sie brauchen dringend Hilfe von außen.
– Das können Menschen mit seltenen Krankheiten sein, für die eine Entwicklung von Medikamenten aus Sicht der Pharmaindustrie ökonomisch nicht rentabel erscheint.
– Das können geflohene Menschen sein, die in Booten auf dem Meer umhertreiben und in ihre Heimatländer zurückgeschickt oder in Europa nur widerwillig und nach unwürdigem Ringen an Land gelassen und vielleicht nach langer Zeit irgendwann auf einzelne Länder in Europa verteilt werden – oder auch nicht. Die dann wie so viele ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen in Lagern festsitzen, deren hygienische Bedingungen und allgemeine Gegebenheiten jeder Menschlichkeit und speziell auch jeder derzeit gebotenen Vorsicht spotten.
– Das können indigene Völker sein, in Brasilien etwa oder in Australien, deren Rechte permanent bedroht sind und für die sich einzusetzen allgemein offensichtlich nicht lohnend erscheint.
– Das können Menschen sein, die schwere Krankheitsverläufe aufgrund des neuen Virus erleiden, deren Angehörige wie sie selbst in Sorgen und Ängsten sich verzehren, ohne dass sie sich gegenseitig sehen können, genauso wie die Ärztinnen und Pfleger, die tagtäglich ihr bestes geben und nicht wissen, was noch alles auf sie zukommt an Arbeit, Verantwortung oder sogar eigener Erkrankung.

Ihr aller Hilferuf und der Hilferuf vieler mehr ist in unserem prophetischen Text in Worte gefasst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«. Der Prophet zitiert ihn als den Verzweiflungsruf Israels im Exil, das dort verbannt und festgesetzt, seiner Heimat beraubt ist und in seiner Identität gefährdet.

Der Prophet nimmt die Verzweiflung wahr und setzt ihr entgegen: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“

Ist das schon eine Hilfe, ein wirksamer Trost, eine tragfähige Ermutigung? Jedenfalls erinnert der Prophet die Menschen damals wie heute daran und macht es ihnen, uns neu bewusst: Als Teil des Ganzen überblicken wir nicht alles. Können es nicht und brauchen es nicht. Der Schöpfer des Ganzen steht dahinter, für uns nicht vollständig zu verstehen, zu begreifen, zu durchschauen, zu überblicken, zu erfassen, zu erforschen, zu durchdringen, zu entschlüsseln. Der Schöpfer des Ganzen steht dahinter: kraftvoll! Das ist wichtig, darauf kommt es an: dass wir Lebenskraft bekommen. Von Gott, der selbst „nicht müde noch matt“ wird.

Denn das Empfinden, verlorenzugehen, übersehen, nicht gewürdigt, nicht geachtet, übergangen und ausgeschlossen zu werden, nicht zu seinem Recht zu kommen und keine Perspektiven, keinen Weg vor sich zu sehen, dieses Befinden nimmt die Lebenskraft und den Lebensmut weg. Es führt zu Müdigkeit, Erschlaffung, Resignation, Depression. Auch Menschen, denen ihr Glaube wichtig ist und die sich von ihm tragen lassen, kennen das. Gegen solche Müdigkeit ist nicht immer leicht anzugehen. Sie kann bleischwer sein und nach unten ziehen. Dann ist auch alles schwer. Man muss sich dann zu allem aufraffen. Und auch das ist schwer.

Gott verurteilt die Müdigkeit nicht. Im Psalm 127 heißt es so schön (V.2): „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“ Eine Ermutigung zur Gelassenheit, eine Würdigung der Müdigkeit, der nachgegeben werden darf durch erholsamen Schlaf.

„Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Müdigkeit darf sein, muss bald sein, damit sich Neues aufbauen kann, damit wir offen werden, um neue Kraft zu empfangen.

Das Wunder der Schöpfung Gottes, von der kleinen weißen Blume oder der Ameise auf dem Wege bis hin zu den fernen Sternen und Galaxien, das Wunder jeden Lebens, des Lebens von Pflanzen, von Tieren, von Menschen, das Wunder der Schöpfung Gottes ist, dass sie durchdrungen ist von Gottes Lebenskraft, von göttlichem Atem, vom Heiligen Geist. Das ist unsere Kraftquelle. Das sind Wunder des Schöpfergottes, wenn Menschen aus ihrer Müdigkeit, Resignation, Depression, Verzweiflung, Mutlosigkeit heraus wieder neue Kraft bekommen und Lebensmut spüren.

„Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen“ – gerade Menschen, die als Sinnbild für Kraft, Unverwüstlichkeit, Unverwundbarkeit stehen, sind gemeint und angesprochen. Menschen im Vollbesitz ihrer Kräfte, das können Frauen wie Männer sein, Menschen, die im Vollbesitz ihrer Kräfte viel leisen und leisten müssen, Verantwortung übernommen haben und deswegen ohnehin – und viel mehr noch in unsicheren Zeiten bei unsicheren Aussichten – erheblich unter Druck stehen. Sie sind stark und können schwach werden, können verletzt und krank werden, finanziell, wirtschaftlich ins Schlingern geraten, und sie wissen es und sehen es bei anderen und befürchten es für sich selbst. Was soll werden?

Es folgt die wunderschöne, beschwingende Aussicht, die von solchen oder vergleichbaren Sorgen, Befürchtungen, Ängsten ausgeht und sich von diesen bewusst abhebt – als Gegenaussicht, deshalb beginnt sie auch mit dem Wort „aber“: „aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Kraft und Schwung, Glaube und Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht können wir nicht herbeizaubern.

Das Wunder der Schöpferkraft Gottes spüren wir in uns, wenn wir neue Kraft in uns wahrnehmen, die uns beschwingt. Offenheit statt Verschlossenheit, Geduld statt Aufgabe, Ausharren statt Erzwingen – das kann man dafür aufbringen, um solchen Zugewinn von Kraft und Lebensenergie geschehen zu lassen – und auch wahrzunehmen und schließlich zu nutzen.

Der Blick in die Höhe kann sicherlich helfen, weil er die Gedanken zurechtrückt und uns die Erinnerung an Gottes Schöpferkraft stärken kann. Wir dürfen uns als Teil der ganzen Schöpfung Gottes verstehen und gleichzeitig als ein ganzes Schöpfungswerk Gottes von vielen, unzähligen: von Gott wahrgenommen, gewürdigt, gesegnet und geliebt: „Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.“ Auf diesem einen Schöpfungswerk Gottes, auf Dir und auf mir, wie auf allen, wirklich jedem einzelnen Schöpfungswerk, ruht Gottes Segen, diesem einen wie allen gilt Gottes ganze Liebe. Mit solcher Glaubenshaltung und Lebenseinstellung können wir, kann jeder Mensch offen und empfänglich werden und bleiben, um von Gott „neue Kraft“ zu bekommen, neuen Schwung – und neu beflügelt zu werden.

Der Flug des Adlers ist schwungvoll, erhaben, edel. Seit alters her ist der Adler Symbol für die Auferstehung, Gottes Lebenskraft, die aus Tod und Erstarrung, aus Trauer und Aussichtslosigkeit erwachsen und erblühen kann.

Wir brauchen Gottes Lebenskraft, jetzt, da viele Menschen bis zur völligen Erschöpfung arbeiten müssen und viele andere sich zu weitgehendem Stillstand genötigt sehen und dabei feststellen, dass auch dies Kraft kostet und erfordert. Jede Hilfe, die geleistet werden kann, lohnt, da sie andere Menschen stärkt.

So lässt sich dieser prophetische Ausspruch durchaus auch für Christenmenschen heutzutage als in Bildsprache gefasster und auf solche Weise anschaulich ausgedrückter Osterglaube lesen: „aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Mögen wir dies, wenn nicht schon jetzt, dann aber doch in absehbarer Zeit erneut am eigenen Leibe, im eigenen Leben erfahren. Amen.

Gedanken zu Ostern 2020

Gedanken zu Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Das Osterevangelium nach dem Evangelisten Matthäus (Kapitel 28, nach Lutherbibel 2017)):
1 „Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“

Hätten wir auch in diesem Jahr die Möglichkeit, in unseren Kirchen miteinander Ostergottesdienste zu feiern, so hätten wir uns wieder begrüßt mit den Worten: ‚Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.‘ Und hätten damit unseren Glauben und unsere Hoffnung bekannt: Das Leben ist stärker als der Tod. Gott hat den Tod besiegt. Gott besiegt den Tod.

Dies ist und bleibt, wie uns nicht erst in diesem Jahr deutlich ist, Glaube und Hoffnung wider den Augenschein. Dieses Bekenntnis widerspricht dem, was Menschen sehen, erfahren, erleiden.

Dagegen bekennt der Glaube: Die Osterbotschaft ist die Wahrheit unseres Lebens.

Freilich ist sie eine geheimnisvolle Wahrheit.

Wissenschaft, menschliche Vernunft, menschlicher Verstand können dieses Geheimnis nicht lüften. Nicht beweisen, nicht widerlegen.

Österlicher Glaube bleibt nicht im Innerweltlichen verhaftet, sondern er nimmt – erneut, wie schon zu Weihnachten! – den Einbruch des Göttlichen in unsere Welt wahr.

„Jesus lebt“ – das ist nicht nur die Botschaft von Weihnachten, wo wir den Beginn des göttlich-menschlichen Lebens feiern.

„Jesus lebt“ – das ist vor allem die Osterbotschaft. Gott, der Mensch geworden war (Weihnachten), der wie jeder Mensch sterben musste und wie viele Menschen durch Unrecht und Gewalt sterben musste (Karfreitag), Gott hat sich erneut zu diesem göttlichen menschlichen Leben bekannt, zu Jesus, der sein Leben so völlig und vorbehaltlos – voller Liebe und Vertrauen – Gott und den Menschen gewidmet hatte, dass sich dieses menschliche Leben eben schon in seinem Leben und Leiden, seiner Hingabe und seinem Sterben als göttlich erwiesen hatte.

Österlicher Glaube trägt die Verheißung in sich, dass er eine Verbindung zu dem Auferstandenen schafft und erhält.

Aber auch der Glaube kann dieses Geheimnis nicht lüften, nicht beweisen, nicht widerlegen! Das letztere will er gewiss auch nicht, das erste und das zweite sollte der Glaube auch nicht wollen! Das ist nicht sein Werk und nicht sein Wesen.

Der Glaube kann teilhaben an dem Geheimnis der österlichen Wahrheit unseres Lebens. Sich hineinversenken. Spuren, Lebensspuren im menschlichen Leben, in der Welt suchen, entdecken, setzen: in unserer heutigen Welt, in der wir Tag für Tag von der Wirklichkeit des Todes umgeben, bedrängt, erschreckt, verängstigt werden!

Österlicher Glaube rechnet mit mehr, hofft auf mehr als die Wirklichkeit uns täglich vor Augen führt: Furcht und Schrecken, Not und Tod, Tränen und Trauer.

Österlicher Glaube sieht weiter, sieht dahinter eine andere Wahrheit, die stärker ist und all das, was Menschen in ihrem Leben aushalten müssen, überhaupt tragen lässt.

Österlicher Glaube bleibt nicht stehen vor dem Leid der Welt, er kapituliert nicht vor dem Tod, weil er eine Lebenskraft in sich trägt, die unbesiegbar ist.

Österlicher Glaube weicht dem Tod nicht aus, kennt Trauer und Entsetzen, spürt und erleidet die lebensfeindliche Macht des Todes und vertraut auf Stärkeres, auf das Leben, auf Gott.

Österlicher Glaube erklärt nicht, sichert sich nicht ab, sondern lässt Gottes Kraft mit sich geschehen, in sich wirken.

Österlicher Glaube kann auch die Fragen, die Zweifel, die Verzweiflung Gott anvertrauen und Gott mehr zutrauen als dem eigenen Verstehen und der eigenen Vernunft. –

So haben’s auch die Frauen erlebt. Oder anders und besser: So haben’s auch die Frauen mit sich geschehen lassen.

Vom Osterglauben ist in der Ostererzählung nach Matthäus (s.o.) gar nicht ausdrücklich die Rede.

Wir können an dieser Erzählung aber wunderschön sehen, wie der Osterglaube geschieht, zu wirken beginnt, Zuversicht gibt, Freude weckt, auf den Weg setzt.

Den toten Jesus wollen die Frauen besuchen, nach seinem Grab schauen, an den Ort gehen, wo sie ihm nahe sein und der Trauer und den Schmerzen Raum geben können.

Oft suchen Menschen die Gräber ihrer Lieben auf, um ihnen nahe zu sein, obwohl diese doch nicht mehr da sind. Der Schmerz wird am Grab nicht unbedingt kleiner. Er kann zur Reinigung führen, so wie Tränen die Trauer im guten Sinne befördern, die Versteinerung lösen können.

Matthäus erzählt jetzt – als einziger der vier Evangelisten – von einem Erdbeben, wie übrigens auch schon unmittelbar nach dem Tod Jesu.

Tod und Trauer können erschütternd sein und alles ins Wanken bringen. Tod und Trauer können so stark und übermächtig sein, dass sie das eigene Leben in seinen Grundfesten erschüttern oder gar zum Einsturz bringen können.

Ein Erdbeben hat zerstörerische Macht und lässt nicht allein Häuser einstürzen. Ohnmächtig ist der Mensch, auch heute der hochtechnisierte Mensch den Naturgewalten ausgesetzt. Sie sind stärker, unermesslich viel stärker als alle Menschenmacht und Menschenkraft.

Tod und Trauer können erschüttern. Die welterschütternde Kraft des Erdbebens steht auch hierfür, v.a. aber dafür, dass jetzt eine stärkere, eine unermesslich stärkere Kraft wirkt.

Das Erdbeben kündigt göttliches Handeln, göttliche Erscheinung an – wie auch der Engel, der Gottesbote, die göttliche Lichtgestalt – blendend weiß.

Menschenmacht ist am Ende. Was jetzt geschieht, ist nicht menschengemacht. Menschen können kein Erdbeben auslösen. Menschen können nicht einen Toten zum Leben erwecken.

Gottes Macht ist jetzt am Werk. Sie kann es mit dem Tod aufnehmen. Harmlos ist das nicht.

Der Tod ist stark. Gott ist stärker.

Die Wächter des Todes erschrecken sich fast zu Tode.

Aber nicht nur die Wächter fürchten sich. Auch die Frauen.

Von alleine können sie da nicht heraus. Die Furcht können sie sich nicht selbst nehmen, die Furcht, die jetzt noch zu Schmerz und Trauer hinzugekommen ist.

Das ist jetzt noch nicht der Zeitpunkt für Osterfreude. Nichts erklärt sich hier von selbst!

Deswegen redet der Gottesbote, der Engel jetzt. Er sagt, er übermittelt den Frauen die Osterbotschaft, den göttlichen Sieg des Lebens über den Tod – Schritt für Schritt:

„Fürchtet euch nicht!“ Als erstes erkennt er die Furcht der Frauen – und nimmt sie ihnen. Er schafft Vertrauen. Denn die Furcht ist dem Glauben im Wege.

Der Engel weiß, was die Frauen bewegt und umtreibt, und zeigt und sagt ihnen das:

„Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.“ Der Engel nennt die Härte des Todes Jesu: wie dieser erniedrigt, entwürdigt wurde – der Kreuzigungstod ist der Tod für Verbrecher, für Unfreie: Mit einer Demütigung sollte Jesus gestorben sein. Das wird die Trauer der Frauen riesengroß gemacht haben. Es war eben kein friedlicher, kein tröstlicher Tod, jedenfalls war ein solcher Tod von Jesu Peinigern so nicht beabsichtigt.

Mit wenigen Worten erweist sich der Engel als jemand, der die Frauen in ihrem Leid versteht. Er steht ihnen bei – nicht mit langen Reden, nicht mit Beschwichtigungen, sondern indem er genau da ist, wo die Frauen sind, und genau das sagt, was ihnen guttut und sie auch weiterführt.

Er weitet ihren Blick. Er führt sie von Furcht zur Freude, zu großer Freude sogar – weiterhin Schritt für Schritt: „Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.“

„Er ist nicht hier“ – ohne die Fortsetzung wäre das eine Steigerung des Leides. Mit der Fortsetzung „er ist auferstanden“ wird alles neu und anders für die Frauen. Dabei knüpft der Engel ja sogar an Jesus selbst an: „wie er (Jesus) gesagt hat“. Die Frauen müssen sich nur erinnern.

Und doch – jetzt ist Glauben angesagt: Glaube an Gottes Treue und Verlässlichkeit, Glaube an Gottes Lebenswillen und Lebensmacht.

Die Rede des Engels ist glaubwürdig: Er besiegelt seine Worte feierlich: „Siehe, ich habe es euch gesagt.“ Es ist ja eine Rede Gottes selbst, die er als Gottes Bote glaubwürdig übermittelt hat: eine einfühlsame Rede gegen die Furcht, mit der er die Frauen aus ihrer Welt des Todes und der Trauer herausführt, ihnen neue Ausblicke zeigt und sie auf einen neuen Weg setzt.

Dem Ausblick zu trauen, den Weg zu gehen, das allerdings erfordert tatsächlich Glauben, Vertrauen.

Es gibt keine Absicherung!

Die Frauen sollen den Jüngern die Auferstehung Jesu verkündigen, von der sie selbst gehört haben. Die Frauen sollen ohne Absicherung tätig werden. Das Wort des Engels ist glaubwürdig. Das reicht! Mehr braucht es nicht.

Die Frauen können zuerst verkündigen, weitersagen, was sie gehört haben, bevor sie Jesus selbst zu sehen bekommen werden, dessen Auferstehung sie verkündigen. Der Engel führt die Frauen zu österlichem Glauben – frei von jeder Absicherung, die den Glauben als Glauben ja nur schwächen könnte, nicht stärken, nicht bewähren. Gott ist der glaubwürdige Gott!

So verstehen’s die Frauen. Die Furcht ist nicht weg, sie kann zum Glauben gehören – wie auch die mit der Furcht verwandte Ehrfurcht, der Respekt vor der Erhabenheit und Größe Gottes.

Aber es bleibt jetzt nicht bei der Furcht allein. Ihr gesellt sich jetzt die Freude zu, und die überwiegt: „große Freude“, aber nur: „Furcht“.

Furcht lähmt, Freude setzt in Bewegung.

Der Ort der Frauen ist nun nicht mehr am Grab, dem Ort der Trauer, der Furcht, der Erschütterung.

Es drängt sie, es den Jüngern zu verkündigen – ohne dass sie sich sehend hatten überzeugen können. Die Frauen waren bereit, den Jüngern die Auferstehung Jesu zu verkündigen. Die göttliche Engelrede hatte sie dazu bereitgemacht. Das hatte gereicht. Nach mehr, nach sichtbarer Beglaubigung hatten sie nicht verlangt.

Was ihnen nicht notwendig war, durften die Frauen jetzt erleben, jetzt wirklich sehen: Jesus selbst.

Er, der Auferstandene, begegnete ihnen und grüßte sie.

Matthäus erzählt, wie das die Frauen bewegt: „Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.“ Gesten des Vertrauens, der Zuneigung, der Ehrfurcht. Gesten nicht nur des Respekts, sondern auch der Liebe!

Ihre bis jetzt gebliebene, mitlaufende Furcht erkennt Jesus. Er nimmt sie ihnen. Ein zweites Mal hören die Frauen: „Fürchtet euch nicht!“

Und nun erhalten die Frauen von Jesus selbst den Auftrag, es den Jüngern zu verkündigen. „Brüder“ nennt er diese.

Der Engel hatte den Glauben der Frauen geweckt. Ihre Erstarrung hatte sich gelöst, sie hatten sich in Bewegung gesetzt – und sind Jesus selbst begegnet.

Mit wenigen Worten zeichnet Matthäus eine innige, liebevolle Begegnung nach.

Das Ostergeschehen hat Glauben freigesetzt. Niemand muss dem folgen. Es ist nicht zwingend. Glaube und Vertrauen können das nicht sein. Aber sie sind heilsam, lebensfördernd!

Und wenn Menschen von ihnen ergriffen sind, können sie Glauben und Vertrauen einerseits als verletzliches Gut erleben, andererseits aber durchaus sogar als bezwingende Macht, die nicht weicht.

Glauben kann die Furcht vor dem Tod und die Furcht vor dem Leben mindern und letztlich überwinden. Unzählige Menschen haben das erfahren und erfahren das in den teils gewaltigen Schwierigkeiten und Bedrohungen in ihrem Leben. Sie spüren, wie das Leben doch trägt. Und wenn sie’s nicht spüren, vertrauen sie darauf.

Und selbst wenn der Tod sich meldet, unübersehbar, unüberhörbar, erinnern sie sich an die Osterbotschaft. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Das Leben ist stärker und wird siegen. Gott ist glaubwürdig und hat seinen Sohn aus dem Tod befreit.

Gott lässt sich aus der Welt und dem Leben nicht verdrängen. Wir dürfen uns an ihn halten. In unserer Furcht und in unserer Freude. Die schenkt uns Gott immer wieder. Und die Freude steht schließlich – ungetrübt, ohne Furcht, mit Gott – für uns bereit.

Wo stehen wir heute, Ostern 2020, in der Erzählung des Matthäus? Wohl hauptsächlich doch noch oder wieder im Status der ‚Furcht‘, sicherlich auch der Trauer, wenn nicht um Menschen, die wir persönlich kennen, dann aber bestimmt um die vielen Menschen, die in diesen Tagen und Wochen gestorben sind und sterben. Weniger aber sind die meisten derzeit wohl im Status der ‚großen Freude‘.

Auch die Frauen mussten’s mehrmals hören: „Fürchtet euch nicht!“ Selbst noch, als sie schon von „großer Freude“ ergriffen waren. Auferstanden aber war Jesus da schon.

Wir werden’s in unserem Leben wohl immer wieder uns sagen lassen müssen – und dürfen: „Fürchtet euch nicht!“ Wohl auch dann noch, wenn die derzeitige weltweite Bedrohung sich gelegt haben sollte, zumal wir, die Menschheit, die Welt, die Schöpfung Gottes ja nicht nur unter einer, sondern unter vielfachen und vielfältigen Bedrohungen leidet. Dazu gehören auch menschengemachte Bedrohungen, die jetzt da sind und sich nicht mehr so schnell und schmerzlos entfernen lassen.

Umso wichtiger ist es, Ostern zu feiern, Jahr für Jahr sich an Ostern zu erinnern, Ostern zu vergegenwärtigen und in unser Leben und Handeln, unser Denken und Fühlen, unser Glauben und Hoffen, unser Lieben und Vergeben, unser Weinen und Trauern, unser Lachen und unseren Ernst einziehen zu lassen.

Ostern möge uns nicht unverändert lassen, sondern neu beflügeln in der Hoffnung und dem Vertrauen, dass wir zu gegebener Zeit wieder aufatmen können und neu zum Leben und zur Welt, zueinander, zu uns selbst und zu Gott finden werden.

In diesem Sinne: Schöne und frohe und gesegnete Ostern 2020!

Gedanken zum Karsamstag 2020

Gedanken zum Karsamstag 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte aus dem 22. Psalm hat Jesus, so erzählen es die Evangelisten Markus und Matthäus, am Kreuz gerufen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Frage steht auch über dem Karsamstag, dem Tag der Grabesruhe Jesu. In diesem Jahr mögen manche sie besonders drängend empfinden – nicht erst heute am Karsamstag. Vielleicht konzentriert sich das Gefühl der Gottverlassenheit heute aber besonders.

Der Karsamstag ist ein stiller, ein ruhevoller Tag. Ein Tag, an dem man sich der Leere, der Verlassenheit, der Einsamkeit aussetzen kann und darf, ja vielleicht sogar sollte. In diesem Jahr allerdings haben viele darin schon Übung.

Diese unfreiwillige Übung über nun schon mehrere Wochen, dieser Tage im bewussten Mitgehen des Weges vom Gründonnerstag bis zu Ostern, heute am Karsamstag womöglich besonders konzentriert und intensiv empfunden, kann uns öffnen für die Erfahrung, dass wir all dies nun eben doch nicht sind: Wir sind nicht leer, nicht einsam, nicht verlassen. Letztlich nicht, auch wenn wir’s derzeit, im Moment, anders empfinden.

Neu dürfen wir die Nähe und die Fülle Gottes empfangen. Dazu ist es gut und heilsam, sich bewusst dafür bereit zu halten.

Ganz verlassen war Jesus am Kreuz nicht: „Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lukas 23,49).

Der Evangelist Lukas erzählt immer wieder von Frauen, von den Jüngerinnen, den Freundinnen Jesu – und von seiner Mutter Maria.

Frauen waren auch bei Jesu Grablegung zugegen, so erzählt es auch der Evangelist Lukas (23, 55.56): „Es folgten aber die Frauen nach, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, und sahen das Grab und wie sein Leib hineingelegt wurde. Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.“

Sie wollten Jesus ihr letztes Liebeswerk erweisen, seinen Leichnam mit wohlriechenden Ölen und Salben versehen.

Man mag auch an die Frau denken, von der Lukas weiter vorne in seinem Evangelium erzählt (gemeinhin die große Sünderin genannt – Kapitel 7), die Jesus die Füße küsste und mit Salböl salbte: Zeichen der hingebungsvollen, verschwenderischen Liebe. Umgekehrt hatte Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen und ihnen das Gebot der Liebe mitgegeben, wie der Evangelist Johannes erzählt (Kapitel 13).

Diese Öle und Salben also hatten die Frauen vorbereitet, um dann auch zur Ruhe zu kommen, um sich unterbrechen zu lassen, selbst im Dienst der Liebe.

Sie heiligten so den Sabbat, den Ruhetag Gottes, nicht nach seiner Schöpfung, sondern als Abschluss seiner Schöpfung – dieser geschenkt.

Segen liegt über diesem Ruhetag: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2, 3)

Der Tag der Grabesruhe Jesu war der Sabbattag, der gesegnete Ruhetag. Als ob Gott neu Atem holte. Als ob sein Heiliger Geist die Ruhe durchweht und belebt.

„Siehe, ich mache alles neu!“ So heißt es in der Offenbarung des Johannes (21, 5) nach der Verheißung Gottes, die der Seher gehört hatte: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21, 4)

Der Ruhetag kann verstanden und begangen werden als Tag der Vorbereitung der Neuschöpfung Gottes: Leben wird neu erblühen, die Freude des Neubeginns keimt auf.

Wir spüren den Neuanfang Gottes oft gar nicht so recht. Und die Frauen? „Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.“ (Lk. 24, 1)

Die Frauen machten weiter, wo sie aufgehört hatten, sie taten den nächsten Schritt – hin zum Grab – und waren doch längst Teil des umwälzenden Neuanfangs Gottes, des Ostergeschehens.

Die orthodoxen Kirchen nennen den Karsamstag den „Großen Sabbat“, den „heiligen Sabbat“. In ihm reift Ostern.

Uns kann der Karsamstag bereit machen für Ostern, für die Auferstehung, für neues Leben.

Wir wissen nicht, wann wir in unser gewohntes Leben zurückkehren können und dürfen. Ich frage mich allerdings auch, inwieweit es überhaupt das gewohnte Leben sein kann.

Neues Leben ist uns verheißen!

Ob das auch eine Abkehr von Schritten und Wegen sein kann, die der Menschheit, ja Gottes Schöpfung als Ganzer erkennbar nicht gutgetan haben, nicht guttun? Und was bedeuten und wohin führen andere, neue Wege für uns vor Ort, die wir in weltweite Zusammenhänge unlösbar eingebunden sind und doch auch unser Leben in unserem überschaubaren Nahbereich verbringen und gestalten?

Stille ist nicht Stillstand. Die Ruhe dient der Rekreation, wörtlich: der Neuschöpfung. Diese aber dürfen wir an uns geschehen und uns in sie mithineinnehmen lassen, also: uns von Gott auf den Weg des neuen Lebens setzen, uns von seinem Heiligen Geist leiten lassen.

Gott hat seinen Sohn Jesus Christus aus dem Tod auferweckt, das feiern Christen zu Ostern und im Gefolge von Ostern jeden Sonntag neu.

Sabbat und Sonntag. Ruhe, Rekreation, Auferstehungsfreude, neues Leben kommen zusammen. In der Abfolge des Karsamstags und des Ostermorgens zeigen sich unsere von Gott geschenkten Kräfte aufs äußerste verdichtet, die unser Leben halten, tragen und voranbringen können.

Auch wenn Angst und Sorge, Einsamkeit und Verlassenheit, Elend und Armut, Gewalt und Krieg, Flucht und Grenzen, Krankheit und Schmerzen, Niederlage und Verlust, Not und Tod, Tränen und Trauer vor Augen stehen – Gottes Weg führt uns weiter als unser Blick reicht. Dafür möge der Karsamstag uns offenhalten: Ostern steht wieder bevor.

Längst ist es Ostern geworden, und doch müssen wir immer wieder warten, manchmal lange, dieses Jahr bestimmt lange, auch über Ostern hinaus, aber nicht endlos lange! Halten wir den Karsamstag, die spannungsreiche Ruhe aus, halten wir uns bereit für das neue Leben!

Wie wird dieses Ostern uns verändern – hin zu Gott, zu seiner Schöpfung, zu unseren Nächsten, nah und fern? Wie werden wir uns selbst vorfinden – und neu finden?

Gedanken zum Gründonnerstag

Gedanken zum Gründonnerstag – von Pfarrer Andreas Strauch

Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern mit seinem letzten Mahl – vor den Stunden der Einsamkeit, der Angst und der Verlassenheit. Sein Abschied ist wohlgeordnet. Jesus konnte seinen Abschied bewusst erleben, ja sogar selbst gestalten.

Es war vorhersehbar, was dann kam, es musste ja geradezu so kommen. Bei aller Freiwilligkeit hatte der Weg Jesu etwas Zwangsläufiges: Wer sich so rückhaltlos der Liebe verschrieb, sie nicht nur lehrte, sondern auch lebte, wer auf diese Weise eine Welt der Lieblosigkeit empfindlich und nachhaltig störte, sie auch als solche entlarvte, der durfte nicht mit allgemeiner freundlicher Gegenliebe rechnen.

Die wurde ihm von einzelnen durchaus zuteil, aber nicht von der Menge, letztlich nicht einmal von allen seinen Jüngern und Anhängern, jedenfalls nicht ungebrochen: Auch Judas, der ihn verraten, übergeben sollte, auch Petrus, der ihn verleugnen und somit auch verraten sollte, saßen mit Jesus am Tisch.

Jesus zog den Hass vieler geradezu auf sich, absorbierte ihn gleichsam, nahm ihn auf sich und von anderen weg, als wollte er dem Hass den Nährboden entziehen, so dass nichts mehr davon für die Menschen untereinander übrigbleibt – nur noch Raum für die Liebe.

Jesus gestaltete seinen Abschied also bewusst, und seine Jünger durften ihn miterleben. Er schenkte ihnen noch einmal das Zusammensein mit sich.

Was er ihnen als Vermächtnis mitgab, war nicht etwa eine Lehre des Meisters. Er schenkte vielmehr sich selbst, seine Liebe, die immer für andere da war: „für euch gegeben“. Sie sollte bleiben. Brot und Kelch deutete er auf sich selber. In ihnen ist Jesus gegenwärtig. Das ist sein Vermächtnis. Leibhaftig. Zum Anfassen. Zum Schmecken.

Die Jünger sollten fortan nicht mehr mit Brot und Wein zusammenkommen können, ohne an ihn zu denken, ohne ihn unter sich zu wissen. Jesus hat sich aus der Gemeinschaft der Menschen nicht herausdrängen lassen. Dafür hat er gesorgt mit dem, was er seinen Jüngern zum Abschied schenkte: sich selbst: im Brot, im gefüllten Kelch.
Mochte er auch sterben müssen am nächsten Tag – das blieb. Das bleibt.
Mochte sich auch – trotz seiner Auferstehung – die Hoffnung auf seine baldige Wiederkehr nicht erfüllen, bis heute nicht – das blieb.
Jesus bleibt und ist da. Er ist dabei, wenn Menschen das Abendmahl feiern.

Die Erinnerung an ihn will weitergegeben werden. Deswegen sagt der Apostel Paulus, bevor er den Korinthern Jesu Einsetzungsworte in Erinnerung ruft, dass er, Paulus, selber in einer Kette der Erinnerung, des Empfangens und Weitergebens steht: „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe“ (1. Kor. 11, 23).

Auch Christenmenschen heute stehen in dieser Erinnerungs-, Empfangs- und Weitergabekette, wenn sie als Gemeinde das Abendmahl feiern und sich zum Abendmahl einladen lassen.

Die Gastgemeinschaft, die wir so genießen können, ist auf Jesus selbst, den Gastgeber ausgerichtet. Deswegen ist es möglich, dass so viele, so unterschiedliche Leute nebeneinander in Gemeinschaft stehen und verbunden sind, unabhängig davon, ob sie sich sonst gut kennen oder nicht, ob sie sich mögen oder nicht. Wie die einzelnen Gäste sonst zueinanderstehen, ist bei der Feier des Abendmahls unerheblich, braucht nicht zu interessieren und auch nicht zu belasten.

Jedem, jeder einzelnen und somit allen hat sich Jesus geschenkt. Das hält eine Gemeinde, die Kirchen, die Christenheit zusammen – und braucht auch darüber hinaus keine Grenzen zu errichten. Dieses Wissen des Glaubens mag übrigens auch helfen, wenn Menschen, wie derzeit, nicht zusammenkommen können, auch wenn sie es gerne würden.

In der Feier des Abendmahls wird schon etwas vorweggenommen, worauf wir, wie alle christlichen Kirchen und Gemeinden, hoffen und warten: der wirklich umfassende Frieden der Menschen untereinander und miteinander.

Der Karfreitag ist der Tag, an dem uns der Unfrieden, die maroden Lebensbedingungen, die zerstörerischen Verhältnisse und zerstörten Beziehungen, in denen Menschen miteinander und mit Gott, dem Schöpfer ihres Lebens und ihrer Lebensgrundlagen, leben, besonders schmerzlich bewusst wird.

Im Abendmahl wird für eine kurze Weile, über die kurze Dauer des Festes, das Wirklichkeit, was eben noch nicht die generelle, umfassende, andauernde Wirklichkeit unseres Lebens ist: Friede unter den Menschen und mit Gott. Echte, verlässliche, vertrauenswürdige Gemeinschaft.

Menschen lassen einander gelten, fühlen sich nicht bedroht, fürchten nicht ihre Verschiedenheit, erfreuen sich sogar daran, sorgen sich umeinander, lassen niemanden arm werden oder bleiben, lassen ihr Leben in der Liebe aufgehen und erfahren von daher Erfüllung, Gelingen, Segen. Wenn das Leben auf dieser Erde doch so wäre!

Im Vollzug der Feier des Abendmahls werden wir auf unsere menschliche Bestimmung hin verwandelt und finden uns wieder als Vollbürger des Reiches Gottes, als ob wir schon in ihm lebten. Die Feier des Abendmahls zielt in ihrem Moment schon auf die Überwindung des Unvollkommenen, Fragmentarischen, das unser Leben noch bestimmt: hin zur ganzen, ungetrübten Fülle des Lebens von Gott und mit Gott. Das glänzende Licht der Ewigkeit Gottes leuchtet auf; die liturgische Farbe des Gründonnerstages – ein Tag vor dem Tod Jesu – ist weiß! Das Abendmahl ist ein Hoffnungsmahl.

Es kann und will uns tiefen Frieden geben, mit Gott, mit unseren Mitmenschen, mit uns selbst: Ruhe, Reinigung, Neuanfang. Gleichzeitig wird es uns aber auch in heilsame Unruhe versetzen. Denn es lässt den Stachel der Unvollkommenheit, der Lieblosigkeit, des Egoismus, der Undankbarkeit, der Behäbigkeit unseres Lebens schmerzlich spüren.

Es müssen eben nicht alle Unterschiede, gerade auch nicht die sozialen Unterschiede, die Unterschiede von arm und reich einfach als gegeben und letztlich unveränderbar angesehen und hingenommen werden. Das ist es, was Paulus den Korinthern, den Bewohnern der Hafenstadt mit erheblichen sozialen Spannungen, kritisch ins Bewusstsein ruft: Die Übersättigten, Saturierten, sollten den Armen, Hungrigen und Bedürftigen kein Ärgernis sein, indem sie ihre Überlegenheit herausstellten und so die Unterschiede kränkend unterstrichen. – Das gibt es auch heute noch, es kann sich sogar im Umgang europäischer Länder mit anderen ärmeren, hilfsbedürftigen europäischen Ländern ereignen, vielleicht nicht bewusst und nicht willentlich, aber es kann doch so aufgenommen werden.

Warum schenkt sich Jesus denn gerade bei einem Mahl mit Essbarem, Trinkbarem, sichtbar, fühlbar und zu schmecken in Brot und Wein? Es ist das und steht dafür, was unbedingt im Leben notwendig ist. Solange Menschen dies nicht selbstverständlich zukommt, wird das Geschenk des Abendmahls uns auch beunruhigen müssen.

Wenn sich Jesus selbst schenkt, sich „für euch“ gibt, dann ist das ja der Jesus, der die Liebe lebte, die Liebe selbst war und ist, der sich treu blieb, aber nicht bei sich selbst blieb, der da war für andere, sich für sie verzehrte, aufopferte, sich ihnen ganz hingab.

Wenn wir sein Geschenk, ihn selbst empfangen, stehen auch wir in der Kette von Empfangen und Weitergeben.

Nach den Einsetzungsworten schreibt Paulus: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1. Kor. 11, 26)

Aus Empfangenden werden Gebende, Verkündigen kann man in Worten und in Taten. Eingeladen sind alle, ob eher bedürftig oder zu geben in der Lage. Die meisten Menschen sind ja beides. Das Geheimnis des Abendmahls ist, dass es uns öffnen kann: für die Liebe Christi, die wir empfangen und mit offenen Augen, Ohren und Händen weitergeben können.

In diesem Jahr leben wir von der Erinnerung an das Abendmahl. Hoffen wir, dass wir es bald wieder in leibhaftiger Gemeinschaft feiern dürfen.

Eine zweite Andacht in der besonderen Passionszeit 2020

Eine zweite Andacht in der besonderen Passionszeit 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Eine weitere Woche liegt bald hinter uns, in der alles so anders ist, in der man sich an vieles gewöhnen muss, an das man sich schwer gewöhnen möchte oder kann.

Der Wochenspruch für die fünfte Woche der Passionszeit (ab dem Sonntag Judika), die jetzt ausklingt, lautet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern das er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung als Lösegeld für viele.“ (Mt. 20, 28)

Der Wochenspruch verdeutlicht einmal mehr den Zuspruch des Evangeliums. Der Zuspruch läuft jedem Anspruch voraus.

Bevor Christenmenschen überlegen, abwägen und entscheiden, was sie als solche tun können, ist für uns etwas getan worden: Gutes, Lösendes. Wir dürfen Erlösung erfahren von Spannungen und Verkrampfungen, von Enge und Angst, von Druck und Nötigung, von Gewissensqualen und Schuld. Jesu Leben und Sterben lässt sich als Dienst verstehen, der Menschen von dem befreit, was sie niederdrückt und gefangen nimmt. Jesu Leben und Sterben ist Dienst, um Menschen zum Leben zu verhelfen.

Gehören christlicher Glaube und Dienen zusammen, zeigt sich gelebter Glaube auch an Dienstbereitschaft und praktischer Dienstausübung?

Vorsicht: Dienen kann problematisch sein. Wenn es nämlich den anderen nicht wirklich guttut. Mit Dienen kann man auch unguten Einfluss auf andere ausüben, sich ihrer bemächtigen, sie abhängig oder gefügig machen. Dienen kann verkapptes Herrschen sein oder werden.

Dennoch möchte ich das Gute und Lebensförderliche des Dienens nicht so schnell aus dem Blick verlieren. Ich meine schon, dass es dem Miteinander von Menschen, sei es im Familien- oder Freundeskreis, im Dorf, im Stadtteil oder auch im gesamtgesellschaftlichen Rahmen, guttut, wenn der Dienst-Gedanke eine maßgebliche Rolle spielt.

In unserer Alltagssprache ist er unauffällig präsent in Wörtern wie Dienstplan, Dienstkleidung, Dienstbesprechung, auch: Dienstauftrag, ja sogar: Dienstaufsicht. Immer schwingt noch mit, dass Arbeit bzw. Berufsausübung auch dienenden Charakter, dienende Funktion hat. Menschliche Arbeit kommt somit anderen zu gute. Inzwischen hat sich die Bezeichnung Dienstleistungsberuf durchgesetzt; der Dienstleistungssektor spielt in unserem Wirtschaftsleben eine immer bedeutendere Rolle. Vieles hat sich da stetig zum Guten hin verändert: Auf guten Service (= Dienst) legen Kunden wie Bürger Wert, und Firmen wie Geschäfte können damit punkten, genauso wie Ämter und Behörden. Entsprechend empfindlich reagieren wir, wenn wir den Service vernachlässigt sehen.

Wir alle leben vom Dienst anderer. Niemand kann ganz darauf verzichten. Das merken wir derzeit ganz besonders.

Es kommt sogar vor, dass wir davon leben, dass andere ihr Leben für uns einsetzen. Oft sind das Katastrophenhelfer, Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei. Jedenfalls gehen sie in bestimmten Gefahrensituationen ein nicht unerhebliches Risiko für sich selbst ein, um anderen zu helfen, sie zu retten oder zu schützen, eben: ihnen zu dienen.

Derzeit haben wir eine ganz besondere, für uns neuartige und außergewöhnliche Gefahrensituation, die uns bedroht, einengt, ängstigt, verstört, aber auch zur Besinnung kommen lässt, Kreativität freisetzt, neue Wege aufzeigt und unserem Glauben, unserer Hoffnung wie unserer Liebe Gelegenheiten gibt, sich zu bewähren und nicht unterkriegen zu lassen.

Es liegen jetzt zwei Wochen weitgehenden Kontaktverbotes hinter uns und drei Wochen, in denen Schulen und Kindergärten ihren regulären Betrieb nicht fortführen konnte.

Viele Menschen geben sich in anstrengendem Dienst und bewundernswertem Einsatz für andere hin, um für sie da zu sein, ihnen zu helfen, für ihr Leben zu kämpfen, zu heilen, zu pflegen und auch um vorzusorgen, damit dies auch weiterhin möglich bleibt. Ich nenne hier noch einmal viele dieser Menschen, die uns zumeist ja gar nicht persönlich bekannt sind, wie ich es schon in meiner Andacht in der letzten Woche getan habe, und erweitere die Aufzählung dabei noch ein wenig, ohne auch jetzt Vollständigkeit erreichen zu können:

Denken wir also wieder und erneut dankbar an die Menschen, die in den Krankenhäusern und Altenpflegeheimen Dienst tun für die ihnen anvertrauten Menschen, die bis zum Limit und bis zur völligen Erschöpfung arbeiten und doch wissen und sich, so gut wie irgend möglich, darauf vorbereiten, dass es noch mehr und noch härter werden kann und vielfach auch werden wird: z.B. in New York ganz besonders, aber auch sonst vielerorts, ja im Grunde überall auf der Welt, nach wie vor z.B. auch in Italien, Spanien und Frankreich. Es sind Menschen, die mit dem Tod leben! Denken wir ebenso an die Menschen, die unsere tägliche Versorgung aufrecht halten, unter erheblichem Einsatz, unter enormen Mühen und Anstrengungen, z.B. in den Supermärkten an den Kassen oder Ladenregalen, z.B. in den LKWs auf den Autobahnen und Landstraßen. Denken wir ebenso an die Menschen, die organisatorisch tätig sind: in den Behörden und Bildungseinrichtungen unseres Landes, dabei auch an die Menschen, die in Schulen und Kindergärten auch für die Notbetreuung sich zur Verfügung stellen, auch an Wochenenden und den bevorstehenden Feiertagen, um Kinder zu betreuen, deren Eltern sich eben in unverzichtbarer Weise dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft lebens- und handlungsfähig bleibt. Denken wir auch an die Menschen, die forschen und beraten: in den einschlägigen Instituten und an den Universitäten und Kliniken. An die Menschen, die Entscheidungen treffen und vertreten, erklären und verantworten müssen: die Menschen in der Politik: auf Kommunal-, Kreis- und Landesebene, im Miteinander der Bundesländer, im Bund, im Miteinander der europäischen Staaten. An die Menschen in den seriösen Medien, die uns zuverlässig und umfassend, ausgewogen und kritisch informieren.

Sie alle und viele mehr geben sich mit aller Kraft für andere hin. Wir leben von ihrem Dienst und ihren Diensten, von ihrem Engagement, ihrem außergewöhnlichen, nicht selbstverständlichen Einsatz, den wir in anderen Zeiten leicht übersehen oder nicht angemessen zu würdigen wissen.

Etliche Menschen haben jetzt mehr Zeit frei als vorher und deswegen spontan umgesattelt, um zu helfen, wo sie jetzt gebracht werden: eine Frisörin räumt jetzt Regale im Supermarkt ein, Studierende fahren warmes Essen an alte Menschen aus.

Es gibt aber auch viele Menschen, Unternehmer, Selbständige, Betreiber von Restaurants oder Cafés etc., die von existentiellen Sorgen erdrückt werden, die – trotz staatlicher Hilfen – nicht wissen, wie es mittel- oder langfristig weitergehen kann, weil Einnahmen wegbrechen und Kosten bleiben. Ihr Dienst ist eingestellt, ihre Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie für ihre Familien und für sich selbst aber bleibt.

Erinnern möchte ich auch an die „Ärzte ohne Grenzen“, die so gut oder so recht und schlecht, wie es eben unter den schlimmen Bedingungen geht, den Menschen in den Flüchtlingslagern auf den Inseln in der östlichen Ägäis helfen, die fast vergessen scheinen und weiterer Hilfe dringend bedürfen, um aus ihrer Lage befreit zu werden.

Und wer hilft derzeit den Menschen in Indien, die auf der Flucht aus den Städten in ihre Heimatdörfer sind und vielfach schon gar nicht mehr aus der Stadt herauskommen? Wer kann ihnen helfen?

Vergessen wir sie alle jedenfalls nicht in unseren Gebeten, gerade diejenigen nicht, die der Gefahr so hilflos ausgeliefert sind! Denken wir auch an die vielen Kranken und Schwerkranken in unseren Gebeten, an diejenigen, die wir persönlich kennen und denen wir in Sorge und in Liebe verbunden sind, und auch an die vielen, die meisten anderen, die wir nicht persönlich kennen.

Unsere Gebete sind ein Dienst, den wir alle leisten können und dem wir auch etwas zutrauen dürfen!

Wie gesagt: Es ist jetzt die Zeit, die unserem Glauben, unserer Hoffnung wie unserer Liebe Gelegenheiten gibt, sich zu bewähren und nicht unterkriegen zu lassen. Gebete sind genuine Praxis des christlichen Glaubens. Stiller Dienst für andere! Unsere Gebete lassen uns sicherlich auch auf weitere Ideen kommen, wie und wo und wem wir helfen, dienen können.

Mögen wieder Zeiten kommen, die uns nicht so belastend vorkommen (oft liegt dies allerdings nur daran, dass wir die Belastungen der Zeit und der Welt nicht so stark wahrnehmen oder an uns heranlassen, weil sie weiter von uns weg sind oder scheinen und weil wir uns besser von ihnen fernhalten oder abschotten können).

Auch wenn es nicht immer so extrem kommen mag und wieder besser für uns und für viele werden wird, wenn hoffentlich wieder so etwas wie normaler Alltag kommen wird – die Einsicht bleibt doch: Indem andere für uns arbeiten, uns dienen, setzten sie etwas ein von sich. Zeit, Kraft, Geld. Eltern für ihre Kinder. Kinder für ihre alten Eltern. Und auch die Berufsarbeit ist oft faktisch Einsatz für andere, Dienst eben. Ich finde es wichtig und hilfreich, dies sich bewusst zu machen und es auch zu bejahen: Dienst aus innerer Stärke und aus freiem Willen heraus zu tun. Und aus Dankbarkeit für alle Dienste anderer, von denen wir leben.

Vor allen Erwartungen an unsere Dienstleistungen steht der große Dienst, der für uns getan wurde. Jesu Dienst an und für uns. Der Einsatz seines Lebens – aus reiner Liebe. Damit wir doch letztlich unbeschwert, unbelastet, erlöst leben können – der beste Grund und Antrieb, sich für andere einzusetzen, wie, wo und wann wir gebraucht werden und wir’s können.