Lesepredigt zum Sonntag Rogate (= „Betet!“) 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Johannes 16, 23b-33:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.
24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.
25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;
27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild.
30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr?
32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Liebe Gemeinde, der Mensch lebt davon, dass er sich mitteilt. Auch wenn man manches mit sich selbst ausmacht und ausmachen muss – es ist doch wichtig, sich auch mit anderen zu besprechen, von den eigenen Sorgen, dem eigenen Glück, den Ängsten und Hoffnungen anderen zu erzählen, andere daran teilhaben zu lassen.

Gerade wenn man manches mit sich selbst ausmacht, führt das Bedürfnis sich mitzuteilen, sich zu äußern, gut zum Gebet. Da kann mit dem Innersten, das man preisgibt, nichts Böses passieren. Niemand kann es weitererzählen an Menschen, die’s nix angeht, die’s nicht hören sollen. Man ist auch nicht Unverständnis, Desinteresse, Gleichgültigkeit oder – im Gegenteil – unangemessener Neugier ausgesetzt.

Ich meine, liebe Gemeinde, das Gebet tut gut, dient der eigenen Entlastung, Sortierung, Klärung, auch dann, wenn man gut und gerne mit anderen Menschen sprechen kann.

Es gibt ja Menschen, denen man gut und gerne vertrauen kann und mit denen man jedenfalls so manches (es muss ja nicht alles sein!) besprechen kann. Wer ist das bei Ihnen, bei euch? Gleichaltrige Freunde, Freundinnen? Freundinnen und Freunde, die deutlich älter oder deutlich jünger sind? Die Eltern? Die Kinder? Tanten, Onkel, Neffen, Nichten? Zu manchen von ihnen besteht ja ein gutes, freundschaftliches, vertrauensvolles, inniges Verhältnis! Auch mit vielen Ärzten, Lehrerinnen, Pfarrern, auch mit Rechtsanwältinnen kann man gut reden. Sie alle haben Schweigepflicht und bemühen sich – aus ihrer Sicht – um Verständnis, Teilnahme, Rat und Hilfe, wenn nötig, wenn möglich, wenn gewünscht!

So wie sich Menschen Vertrauenspersonen offen anvertrauen, so können und dürfen wir gewiss auch uns Gott anvertrauen, ohne Scheu und Scham, ohne die Sorge, abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden.

Nur eine Schwierigkeit lässt sich nicht übersehen: Gott ist nicht zu sehen. Und wir können zwar zu Gott reden, mit Gott offen sprechen, aber hört Gott uns? Gibt es eine Antwort? Wie nehmen wir die wahr?

Wenn wir allerdings etwas aufschreiben, das jemand anderes lesen soll – ich rede jetzt nicht von Kurznachrichten, eher von Briefen oder E-Mails – gibt’s auch keine direkte, prompte Antwort. Aber schon das Schreiben tut gut. Und wenn die Antwort kommt, können wir sie lesen – oder man trifft sich vorher und spricht dann doch direkt miteinander.

Die Kommunikation mit Gott im Gebet ist schon eine andere. Die Offenheit, die Vertrautheit kann unbegrenzt und uneingeschränkt sein – wie bei einem vertrauten Menschen – oder sogar noch offener – da muss nichts verborgen bleiben. Aber was damit geschieht, was wir Gott anvertraut haben, was Gott damit macht, das liegt im Verborgenen. – Das macht das Beten nicht überflüssig und nicht sinnlos! —

Liebe Gemeinde, die christlichen Feste im Kirchenjahr lassen sich unter dem Gesichtspunkt verstehen, dass Gott sich den Menschen begreifbar und sichtbar macht und dass Gott bei den Menschen ist und bleibt und weiterhin für sie da ist.

So heißt es in Johannes 16, 28: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Darin findet sich, was wir zu Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt feiern.

Dass Jesus die Menschen sozusagen besucht hat, lässt diese nicht unverändert. So wie ein lieber Besuch immer etwas Gutes mit einem macht und auch etwas Gutes zurücklässt, wenn er sich wieder verabschiedet und geht.

So lässt der Evangelist Johannes an anderer Stelle, im gleichen Kapitel 16, aber sogar schon vorher, vorweg, Jesus sagen (Johannes 16, 6b.7): „… ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“

Jesus hat die Menschen besucht. Gott hat menschlich mit den Menschen geredet. Von Mensch zu Mensch. Hat mit ihnen gegessen und getrunken. Vor 2000 Jahren, als Jesus auf der Erde mit den Menschen seiner Zeit sein Leben teilte. Die Menschen begriffen: Dieser Mensch, so menschlich er ist, ist ein besonderer Mensch. Sicher: Jeder Mensch ist besonders. Aber das Besondere dieses Menschen war: Durch die Art und Weise, wie er lebte, was er tat und sagte, und wie er es tat und sagte, haben die Menschen gespürt: Da ist Gott. Der ist Gott. Gott auf der Erde. Gott bei uns. Gottes Sohn. Wer Kontakt zu Jesus hatte, hatte Kontakt zu Gott. Wer mit Jesus sprach, sprach mit Gott. Zu wem Jesus sprach, zu dem sprach Gott. Mehr und mehr merkte man, dass es in diese Richtung ging. Im Menschen Jesus wurde mehr und mehr Gott selbst erkennbar und erkannt.

Umso stärker stellte sich die Frage, ob der Kontakt mit Gott denn bleibt, wenn Jesus nicht mehr da ist. Kein Mensch lebt ewig auf Erden. Auch Jesus nicht.

Aber ein Mensch, wenn er nicht mehr da ist, hinterlässt etwas. Vor allem: Er hat das Leben derjenigen, die mit ihm gelebt haben, geprägt. Und kann weiterhin wirken.

Jesus hat den Menschen Gott nahegebracht. Und das wirkte und wirkt. Jesus hat versprochen, ‚den Tröster‘ zu den Menschen zu ‚senden‘, den Heiligen Geist. Die Verbindung zu Gott und mit Gott bleibt, über seinen Weggang hinaus. Weggang ist nicht nur sein Tod. Tod, Auferstehung, Himmelfahrt – das ist ein Geschehen beim Evangelisten Johannes: der Weggang Jesu von den Menschen, der ihnen den unmittelbaren Zugang zu Gott eröffnet. Über seinen Weggang hinaus: d.h. auch für die Menschen später, nicht nur für die Menschen, die ihn damals in den wenigen Jahren im kleinen Landstrich Palästina kennenlernen durften. Auch für uns ist der Zugang zu Gott direkt möglich. Deswegen brauchen wir nicht zu Jesus zu beten. Wir können das, aber Jesus schickt unsere Gebete zu Gott.

Es ist angemessen, in Jesu Namen zu beten. Das hören wir in unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (s.o.) mehrfach. Im Gedenken an den Menschen Jesus, in der Vergegenwärtigung des Menschen Jesus, der uns Gott nahegebracht hat. Aber: Jesus ist nicht als Vermittler notwendig. Der Zugang zu Gott ist frei.

Jesus sagt den merkwürdigen Satz (Johannes 16, 26b): „Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde“. Das Beten in Jesu Namen zu Gott, dem Vater, reicht für die direkte Kommunikation mit Gott: „denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ (Johannes 16, 27) Gottes Liebe trifft uns direkt!

Jesus tröstet seine Jünger und Jüngerinnen, diejenigen also, die sich von Jesus Gott haben nahebringen lassen. Er tröstet sie und stellt ihnen in Aussicht: Gottes Liebe wirkt und gilt euch unmittelbar. Denkt ihr an mich, haltet ihr mich im Gedächtnis lebendig, betet ihr in meinem Namen, habt ihr ohne Weiteres Zugang zu Gott. – Jesus und wer ihm nachfolgt, schlagen die gleiche Richtung ein: „ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ (Johannes 16, 28b) Unser Gebet lenkt unsere Gedanken zu Gott, unserem gemeinsamen Vater.

Die Frage nach der Kommunikation mit Gott findet sich natürlich auch in den anderen Evangelien, und Matthäus und Lukas überliefern als eine Antwort darauf das wohl bekannteste Gebet: das Vaterunser.

Bei Matthäus steht es an hervorgehobener Stelle: im Zentrum der Bergpredigt. Jesus gibt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern das kurze, konzentrierte Gebet – und wendet sich gegen ein damals wie heute nicht selten praktiziertes Verständnis vom Gebet, dass man in die Formel ‚viel hilft viel‘ fassen könnte: wenn man also in immer neuen Anläufen sozusagen auf Gott einredet, Gott bestürmt. Gegen dieses angestrengte Bemühen sagt Jesus den schönen und entlastenden Satz: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Bei Lukas steht das Vaterunser – noch knapper überliefert – außerhalb der Feldrede, seinem kürzeren Pendant zur Bergpredigt bei Matthäus – nach der Geschichte von Maria und Marta und vor der Geschichte vom bittenden Freund. In dieser werden die Worte Jesu überliefert: „wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lukas 11, 10)

In unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangeliums (s.o.) klingt das ganz ähnlich (Johannes 16, 23b.24b.): „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. … Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“

Aber wird das nicht überboten und bald schon überflüssig durch den zitierten Satz in der Bergpredigt direkt vor dem Vaterunser: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)? Direkt darauf folgt das Vaterunser.

Jesus zeigt, wie die Kommunikation mit Gott geht. Er lehrt es. Es zu lernen ist nicht schwer. Übung braucht man höchstens, um es nicht zu verlernen, vor allem aber weil es eine gute, eine wohltuende Übung ist, das Vaterunser zu beten. Es dient der Sammlung der Gedanken, es konzentriert, es gibt Worte, die uns manchmal fehlen, es ersetzt Worte, die wir nicht finden.

Und es hilft uns aus der Vereinzelung, wenn wir das Vater“unser“ (Mehrzahl!) beten. Jesus richtet unsere Gedanken auf seinen Vater, den auch wir so nennen dürfen. Mit denselben Worten können wir ihn ansprechen – so unterschiedlich unsere Anliegen, Wünsche und Bitten im Einzelnen sind, so unterschiedlich auch die Situationen sind: ein Vaterunser passt immer, und es wird zu jeder Zeit und überall gebetet. Es verbindet uns mit anderen Christenmenschen in der Nähe und in der Ferne. Sie bleiben uns nicht fern. Vaterunser-Beter- und Vaterunser-Beterinnen, ob im Gottesdienst, ob vor einer Autofahrt oder vor einer Klassenarbeit, vor einer Operation oder nach einer Sitzung, ob am Krankenbett, ob am offenen Grab beim Abschied von einem lieben Menschen – sie sind nicht alleine. Jesus leiht, Jesus gibt uns Worte, mit denen wir in Kontakt mit Gott kommen – zunächst alleine oder gleich gemeinsam, einzeln und als Teil der Gemeinde, ja sogar als Teil der weltweiten Christenheit.

„Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Gewiss! Er weiß es sogar besser, sieht weiter, sieht mehr als wir. Der Zweck und das Ziel des Betens ist deshalb auch bestimmt nicht, dass einfach alles so kommen soll, wie wir’s uns denken oder sogar in eigenen Gebeten aussprechen.

Selbst die Bitten des Vaterunsers sind ja längst nicht alle und für jeden Menschen erfüllt. – Aber warum beten wir denn überhaupt?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33) Angst ist mehr als Furcht. Angst ist mehr als Furcht, weil sie weniger konkret, weniger greifbar ist. Angst ist unbestimmt. Sie kommt, bleibt, verschwindet, nicht immer mit äußerem Anlass, nicht immer rational fassbar oder begründbar. Sie bedrängt uns. Sie ist nicht leicht in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen. – „Angst“ ist aber nicht die genaue Übersetzung des griechischen Wortes im Text. Wörtlich heißt es: Bedrückung, Bedrängnis, Trübsal. Was uns einengt, zu schaffen macht, Druck bereitet und eben auch: was uns traurig macht. Aber das Unfassbare, das Ungreifbare, was uns zusetzt, das ist mit Luthers Übersetzung „Angst“ schon sehr treffend ausgedrückt!

Druck, Traurigkeit, Angst: das gibt es in jedem Menschenleben. Das gibt es gerade in diesen Wochen und Monaten zuhauf! Manchmal kann man gut damit umgehen: Es dominiert nicht, und schöne Befindlichkeiten wie Zuversicht, Leichtigkeit, Glück, Fröhlichkeit, guter Mut sind mindestens so stark oder stärker. Manchmal aber sind Druck, Traurigkeit, Angst – und was uns sonst bedrückt und bedrängt und belastet, bleischwer und aus den Gedanken nicht mehr wegzukriegen. Kaum ein Menschenleben, in dem das nicht vorkommt. Und wer ist in diesen Zeiten ganz davon verschont?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst (Bedrängnis, Trübsal, Druck, Traurigkeit); aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Der Zweck, das Ziel des Betens ist demnach: Frieden in Jesus Christus.

Im Gedenken an ihn, mit Jesus Christus in Gedanken, in seinem Namen, mit seinem Gebet sich an Gott wenden, das kann uns ruhig werden lassen, helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Der Gedankenkreis wird konzentriert, auf den Punkt gebracht. Auf den Punkt, der außerhalb von uns liegt: auf Gott. Auf den Punkt, den wir auch in uns finden: auf Gott, den uns Jesus nahegebracht hat, Gott, mit dem wir im Heiligen Geist verbunden sind.

Beten schafft unsererseits eine Annäherung an Gott, denn wir erfahren nicht nur Selbstbestätigung, sondern auch Orientierung: Korrektur und Annahme. Beides liebevoll. Damit kann es uns mit der Zeit wohl auch gelingen anzunehmen, zu akzeptieren, womit wir leben müssen. Und wir können Einsicht gewinnen in das, was wir ändern und bessern können, vielleicht sogar müssen.

Im Beten mit Gott können wir unser Leben bejahen und verändern, weil wir es offenlegen vor dem, der es uns gegeben und anvertraut hat, auch und besonders um anderen Menschen wohlzutun und Gott zu ehren.

Deswegen ist Gebet nicht nur Bitte für uns selbst. Nicht mal in der Hauptsache ist es das!

Gebet ist zuerst Dank an Gott, das Gebet preist Gott! Auch Fürbittengebete fangen mit Dank gegen Gott an, loben Gott und wenden sich dann energisch und mit Blick aufs Detail dem Leid, der Not, dem Unglück, aber auch der Freude, dem Erfolg, dem Glück der anderen zu, um dann gerne ins Vaterunser zu münden: unsere Worte fließen in die Worte Jesu, uns von ihm gegeben! Dies alles in dem Wissen und dem Vertrauen, dass andere auch für uns beten. Eben: Fürbittengebete!

So ist es ein bleibender Dienst der Christenheit (wenn nicht sogar aller religiösen Menschen!), füreinander zu beten, also die Verbindung mit Gott stets gemeinsam lebendig zu halten, aber immer auch für die Menschheit als Ganze, für unsere, für Gottes Welt, in die Gott uns gestellt hat, damit wir, wie unsere Kinder, Enkel und Urenkel und deren Nachkommen überall gut auf ihr leben können.

Dafür kann man beten und sich stärken lassen, um gerne und verantwortungsvoll in Gottes, in unserer gemeinsamen Welt zu leben. Amen.

Singen des Wochenpsalms bei YouTube: Psalm 47 (6. Woche der Osterzeit

„Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “ ( https://www.youtube.com/watch?v=vWMbMasecWY&feature=youtu.be )

Liedandacht zum Sonntag Kantate 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

„Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?/
Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘./
Ist doch nichts als lauter Lieben,/ das sein treues Herze regt,/
das ohn Ende hebt und trägt,/ die in seinem Dienst sich üben./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“
(EG 325: Strophe 1)

Das ist der Auftakt. Dank an Gott für Gottes Liebe. Das besingt Paul Gerhardt strophenlang. Zwölf Strophen hat das Lied eigentlich, zehn davon sind in unserem Evangelischen Gesangbuch (EG 325) abgedruckt.

Zur Zeit können wir nicht gemeinsam singen. Man kann es aber auch alleine, für sich, so wie es Paul Gerhardt hier auch tut: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Man kann für sein eigenes Leben prüfen: „Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ Und man kann in seinem eigenen Leben danach suchen: „Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘.“ Und alleine ist man dabei ja doch nicht. Auch andere werden’s tun. Und unsere Gedanken werden auf Gott gerichtet. Da treffen wir uns, auch wenn wir uns nicht sehen.

Paul Gerhardt hat den dreißigjährigen Krieg miterlebt, ziemlich genau in seinem zweiten, dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Eine jahrzehntelange, lebensprägende Katastrophe! Und doch: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ 1653, fünf Jahre nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges, besiegelt durch den Westfälischen Frieden 1648, knapp dreihundert Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dichtet er dieses Lied. Die Melodie ist etwas älter und stammt nicht von Paul Gerhardt. Nicht naiv, sondern durchdrungen von Lebens- und Leidenserfahrungen aller Schattierungen kann man das Lied singen und meditieren. ‚In allen Dingen‘ will Paul Gerhardt sehen, ‚wie gut Gott es meint‘. Tatsächlich in allen? In den hellen und dunklen Zeiten eines jeden Lebens, in Glück und Trauer, in Erfolg und Niederlage, in Demütigung und Befreiung – ja selbst in Krieg und Frieden? Offensichtlich will Paul Gerhardt, selbst lebenserfahren und leidesgesättigt, singend und lobend dazu anleiten. Folgen wir ihm auf seinem strophenlangen Weg, schauen wir, jeder/ jede für sich, wie lange und wie weit wir mitgehen können oder wollen. Man kann ja auch zwischendurch stehen bleiben, innehalten und später weitergehen!

Paul Gerhardt gibt den Singenden quasi einen Merkspruch mit, den er Strophe für Strophe, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, anwendet und erinnert: kein billiges Sprüchlein, sondern eine Einsicht, die Hoffnung schenken und vor trügerischer Sicherheit bewahren kann: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Nichts ist sicher, nichts von Dauer – außer Gottes Liebe. Was uns ängstigt, was uns freut, was wir verlieren, was wir gewinnen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Dieser Spruch lebt vom häufigen, wiederholten Singen und Meditieren. Wie eine Litanei will er sich eingraben in das Herz und das Gedächtnis der Sängerinnen und Sänger und jedes Menschen, der das Lied liest, nachempfindet und bedenkt. Was Paul Gerhardt erlebt und besingt in den nun noch folgenden neun Strophen, Glaubenserfahrungen, Lebenserfahrungen – es läuft alles und immer wieder darauf hinaus. „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Die Zeit kann man nutzen oder durchstehen, ausfüllen oder aushalten – je nachdem! – sie mündet in Gottes Ewigkeit. Sie ist geprägt von Gottes Liebe – „Lieb“: gesungen auf den höchsten Ton der Melodie dieses Liedes!

Vielleicht fällt Ihnen in diesem Zusammenhang auch der bekannte Abschnitt aus dem Prediger Salomo ein, das dritte Kapitel beginnt mit den Worten „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, gefolgt von 28 gegensätzlichen Polen, jeweils gegenübergestellt in 14 Paaren. Da geht es gleich zu Beginn um die existentiellen Ränder des Lebens („Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“), weiter um elementare Gefühlsäußerungen („weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit“), öfters auch um ganz Alltägliches („suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit“), schließlich wieder um die großen Beziehungsäußerungen und -gegebenheiten im Leben („schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit“). Von Gott sagt der Prediger: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3, 11)

Paul Gerhardt geht noch wesentlich weiter als der Prediger Salomo, auch wenn es bei diesem schon angelegt ist. Paul Gerhardt sieht über der zeitlich begrenzten Dauer und Qualität aller Dinge, Begebenheiten, Gegebenheiten des Lebens die ewige Liebe Gottes und fasst dies ausdrücklich in seinen Merkspruch: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Man kann diese einprägsame Formulierung als eine leicht zu behaltende, Kurzfassung des bekannten Ausspruchs des Apostels Paulus aus dem Römerbrief (Römer 8, 38.39) lesen: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Ja, Paul Gerhardt meint, wenn er von Gott singt und schließlich zu Gott singt, den dreieinigen Gott: die Liebe Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Setzen wir uns dem Leben vertrauensvoll aus: unserem zeitlichen Leben, getragen von der ewigen Liebe des dreieinigen Gottes! Folgen wir Paul Gerhardts Erfahrungen und Einsichten, gehen wir dabei an den einzelnen Strophen entlang. – Die Strophen zwei bis vier besingen den dreieinigen Gott:

2. „Wie ein Adler sein Gefieder/ über seine Jungen streckt,/
also hat auch hin und wieder/ mich des Höchsten Arm bedeckt,/
alsobald im Mutterleibe,/ da er mir mein Wesen gab/
und das Leben, das ich hab/ und noch diese Stunde treibe./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

3. „Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer,/ nein, er gibt ihn für mich hin,/
dass er mich vom ewgen Feuer/ durch sein teures Blut gewinn./
O du unergründ’ter Brunnen,/ wie will doch mein schwacher Geist,/
ob er sich gleich hoch befleißt,/ deine Tief ergründen können?/
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

4. „Seinen Geist, den edlen Führer,/ gibt er mir in seinem Wort,/
dass er werde mein Regierer/ durch die Welt zur Himmelspfort;/
dass er mir mein Herz erfülle/ mit dem hellen Glaubenslicht,/
das des Todes Macht zerbricht/ und die Hölle selbst macht stille./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Die Strophen zwei bis vier besingen nacheinander Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist. Sie sind ein kurzes Glaubensbekenntnis. Das Wesen des christlichen Glaubens wird kurz, bilderreich, eindringlich und persönlich bekannt – wie im Glaubensbekenntnis mit seinen drei Artikeln.
Besungen wird Gott, der Schöpfer, der uns ins Leben ruft und uns schützt und bewahrt.
Besungen wird Gott, der Sohn, der uns solidarisch zur Seite tritt, die Menschen in ihrer Schuld nicht verwirft. Gott der Sohn, der die Tiefe Gottes den Menschen nahebringt, die Unergründlichkeit seines Wesens, die unfassbare Liebe. Keine Tiefe des menschlichen Lebens ist zu tief, als dass Gott nicht dorthin kommen könnte: seien es Einsamkeit, Schmerzen, Krankheit, Angst, Gewissensqualen, der Scherbenhaufen der Lebensbilanz.
Besungen wird schließlich Gott, der Geist: Gott in dem Menschen, Gott, der uns erfüllen und prägen will und in unserem Leben in allen Tiefen stärkt. Hier nennt Paul Gerhardt sogar die Todesmacht und die Hölle. Das ist durchaus nicht nur jenseitig zu verstehen: Todesmacht und Hölle auf Erden waren im dreißigjährigen Krieg real, präsent, sichtbar, greifbar. Sie waren und sind es seitdem immer wieder, z.B. im Zweiten Weltkrieg, der vor 75 Jahren sein Ende fand, und heute im Bürgerkrieg in Syrien. Vielerorts!

Nach jedem der drei Teile des gesungenen Glaubensbekenntnisses über Gottes Schöpferliebe, seiner Solidarität mit den Menschen, seiner Einwohnung bei und in den Menschen, folgt wieder der Merkvers, der alles ins rechte Glaubenslicht setzt und von Gott tragen und aufheben lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – So lauten die Strophen fünf bis sieben:

5. „Meiner Seele Wohlergehen/ hat er ja recht wohlbedacht;/
will dem Leibe Not entstehen, /nimmt er’s gleichfalls wohl in acht./
Wenn mein Können, mein Vermögen/ nichts vermag, nichts helfen kann,/
kommt mein Gott und hebt mir an/ sein Vermögen beizulegen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

6. „Himmel, Erd und ihre Heere/ hat er mir zum Dienst bestellt;/
wo ich nur mein Aug hinkehre,/ find ich, was mich nährt und hält:/
Tier und Kräuter und Getreide;/ in den Gründen, in der Höh,/
in den Büschen, in der See,/ überall ist meine Weide./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

7. „Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen/ und ermuntert mein Gemüt,/
dass ich alle liebe Morgen/ schaue neue Lieb und Güt./
Wäre mein Gott nicht gewesen,/ hätte mich sein Angesicht/
nicht geleitet, wär ich nicht/ aus so mancher Angst genesen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Diese Strophen fünf bis sieben sind das das freundliche und gut zuredende Herzstück des Liedes. Der Grundton ist hell, der Hintergrund das vorher gesungene Glaubensbekenntnis. Aus ihm folgt ganz offensichtlich und unüberhörbar: Alles ist gut oder wird gut.

Strophe fünf führt schon dahin. Die Stimmung ist aufgehellt: der „Seele Wohlergehen“ ist Gottes Anliegen, die Gefährdung des menschlichen Körpers – durch Krankheit etwa oder Unfall oder Verwundung – wird Gott anvertraut. Die Erfahrung, dass Gott auch in Einschränkungen ungeahnte, unvermutete Kräfte schenken, dazugeben kann, wird besungen. Die Erfahrung, dass es aufwärts gehen kann, man kann sogar sagen: die Erfahrung der Auferstehung im Leben, die Erfahrung der Gnade.

Strophe sechs ist nur licht und schön. Alles ist gut. Die Lebensgrundlagen und Lebensmöglichkeiten des Menschen werden wunderschön beschrieben und anschaulich vor Augen geführt. Man sieht blühende Landschaften vor sich. Überall, „wo ich nur mein Aug hinkehre“. Das Paradies auf Erden? Gottes Schöpferwille ungestört, Gottes Schöpfung unzerstört? Dass der Mensch wesensbedingt zur Grenzüberschreitung und Ausbeutung neigt, ist hier nicht im Blick. Genauso wenig andererseits die prophetische Vision des messianischen Friedensreiches mit Kühen und Bären, die friedlich nebeneinander weiden, mit Löwen, die Stroh fressen – wie die Rinder (Jesaja 11, 6-9). Aber es ist doch ein Augenblick der Vollkommenheit in dieser Strophe festgehalten – der sich gleichwohl nicht festhalten lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Der erste Teil des Merkspruchs korrigiert jede Naivität, sein zweiter Teil lässt Menschen immer wieder neu anfangen – trotz Sorge und Angst – Tag für Tag.

Anrührend ist das in der siebten Strophe besungen: Der Schlaf, der uns manches vergessen lässt und manches verarbeiten und zurechtrücken hilft – das ist Gottes Sorge für uns. Die neue Zuversicht, die andere Sicht der belastenden Dinge am nächsten Morgen – das ist ein Blick in Gottes freundliches Angesicht! Deswegen ist es so gut, vor schweren und weitreichenden Entscheidungen eine Nacht zu schlafen, die Dinge also zu überschlafen. Und deswegen stimmt es auch immer wieder, wenn man anderen oder sich selbst Mut macht und sagt: „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“ Freilich, wir wissen und erfahren: Immer neu bekommen wir Kräfte, aber immer wieder gehen sie uns auch aus, um uns dann wieder neu zuzuwachsen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – Die Strophen acht bis zehn bemühen sich um eine umfassende Deutung des Lebens von und vor und mit Gott:

8. „Seine Strafen, seine Schläge,/ ob sie mir gleich bitter seind,/
dennoch, wenn ich’s recht erwäge,/ sind es Zeichen, dass mein Freund,/
der mich liebet, mein gedenke/ und mich von der schnöden Welt,/
die uns hart gefangen hält,/ durch das Kreuze zu ihm lenke./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

9. „Das weiß ich fürwahr und lasse/ mir’s nicht aus dem Sinne gehn:/
Christenkreuz hat seine Maße/ und muss endlich stillestehn./
Wenn der Winter ausgeschneiet,/ tritt der schöne Sommer ein;/
also wird auch nach der Pein,/ wer’s erwarten kann, erfreuet./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

10. „Weil denn weder Ziel noch Ende/ sich in Gottes Liebe find’t,/
ei so heb ich meine Hände/ zu dir, Vater, als dein Kind,/
bitte, wollst mir Gnade geben,/ dich aus aller meiner Macht/
zu umfangen Tag und Nacht/ hier in meinem ganzen Leben,/
bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Wovon die achte Strophe so unvermittelt singt, von ‚Strafen‘, ‚Schlägen‘, entstammt einem Gottesbild, das uns sicherlich fremd ist. Leidenserfahrungen als Erziehungsmaßnahme Gottes zu verstehen, halte ich für problematisch, mindestens dann jedenfalls, wenn es generell, pauschal geschieht, sich auf das Leid anderer bezieht und andere Menschen auf diese Deutung festgelegt werden. Damit bemächtigt man sich der anderen Menschen, stellt sich als vermeintlich wissender und urteilsfähiger und -berechtigter Mensch über den anderen oder die andere und verschlimmert deren Leid. Aber auch sich selbst sollte man mit dieser Sicht nicht quälen und niedermachen. Gottes Wille ist uns – wie die Zumutungen unseres Lebens – nie voll einsehbar. Die Auffassung, Leiden, Krankheit, Infektionen als Strafe Gottes zu sehen, ist allerdings immer noch vorhanden. Sie gab und gibt es z.B. in Bezug auf HIV und jetzt auf Corona. Umgekehrt kann und mag es manchmal entlasten, erleichtern, sich angesichts der Anonymität und Sinnlosigkeit der Bedrohung direkt an Gott zu wenden und Gott die Bedrohung ausdrücklich zu klagen, ja Gottes Solidarität, Hilfe, Beistand einzuklagen. Viele Psalmen sind dazu eine gute Sprach- und Gebetshilfe. Immerhin nennt die gleiche Strophe acht Gott ausdrücklich „mein Freund“. ‚Meinem Freund‘, „der mich liebet“, kann und darf ich doch ungefiltert und ungeschminkt alles anvertrauen, was mir auf der Seele liegt! Und mit ihm, bei ihm, vor ihm auch überlegen und bedenken, was ich aus Leiden, Bedrohung, Krise mitnehmen muss, kann, darf, wie ich mit anderen und als Teil der Gesellschaft, der Menschheit, der Kirche, der Gemeinde in der derzeitigen Krise und, wann immer, nach der Krise leben möchte.

Auch wenn Glaube und Jesusnachfolge gewiss Leidensbereitschaft einschließen, ist die Leidensfähigkeit doch nicht unbegrenzt. Es gibt Grenzen des Ertragbaren. In der neunten Strophe wirft Paul Gerhardt einen Blick über unsere Lebensgrenze hinaus. Nicht nur alles „Ding währt seine Zeit“, auch das menschliche Leben. Der Mensch ist zeitlich, Gott ist ewig. Der Mensch findet sein Ziel bei Gott. Die menschliche Zeit fließt und mündet in Gottes Ewigkeit. Da ist dann sogar der erste Teil des Merkspruchs nicht mehr aktuell. Zum Schluss der neunten Strophe heißt es das letzte Mal in diesem Lied „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Bleibt die zehnte und letzte Strophe mit ihrem anbetenden Blick zu Gott. Gott wird hier nun erstmalig direkt angeredet. Nach neun Strophen Betrachtung und dankbarem Bekenntnis folgt nun das innige Gebet. Der Dichter ist Beter. Sein Blick richtet sich auf Gottes Ewigkeit. Alle Grenzen und Beschränkungen werden aufgehoben, alles Werden und Vergehen wird zum Ziel finden: die Ewigkeit Gottes. Menschliche Liebe wird sich in Gottes Liebe vollendet finden. Der zweite Teil des Merkspruchs verliert seine Gültigkeit nie und nimmer: „Gottes Lieb in Ewigkeit.“ In sie einzugehen und vorher das begrenzte und geschenkte Leben dankbar wahrzunehmen, Tag für Tag, ist Ausdruck und Ziel christlicher Hoffnung, denn wir haben die schöne Aussicht: „bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

10. Mai: Gottesdienst am Sonntag Kantate

Link zum You-Tube-Kanal, wo der Gottesdienst am Sonntag ab 10 Uhr aufrufbar ist:

https://www.youtube.com/channel/UCQhVdcgDadwgUd8e99P6RLA

Mitwirkende: Pastor Michael Diehl (Predigt), Pfarrer Ralf Arnd Blecker (Liturgie), Axel Hofeditz (Lesung), Annika Wengenroth (Gebet), Steffen Runzheimer (Musik), Natilla Nersesyan-Hotico (Gesang), Frank Kowalik (Technik).

Der Sonntag im Kirchenjahr: „Kantate – Singt! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! … Heute steht die Musik im Mittelpunkt: Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen! … Evangelische Frömmigkeit wäre nicht denkbar ohne sie. Um Musik und Gesang drehen sich die biblischen Lesungen am Sonntag Kantate (Singt!): Der erleichterte Dank der Geretteten, das mächtige Loblied der Geschöpfe Gottes, das besänftigende Harfenspiel und der mutige Gesang, der Kerkermauern sprengt – sie alle vereinen sich zu einem vielstimmigen Lob Gottes. Dort, wo sein Name so besungen wird, dort ist Gott ganz nah. Kein Bereich des Lebens soll von diesem Lob ausgeschlossen sein, keiner ist zu gering für diese Musik. Je mehr unser Leben zum Gesang wird, desto stärker wird uns dieses Lied verändern zu liebevolleren und dankbaren Menschen.“ (https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/article.php#871/viewport2 )

Wochenspruch: „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1)

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020

Gedanken zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Heute, am 3. Mai 2020, ist der dritte Sonntag nach Ostern – mit dem Namen „Jubilate“ (= „Jubelt“). Er liegt mitten in der österlichen Freudenzeit. Osterfreude kommt natürlich besonders in den Osterliedern zum Ausdruck, zum Klingen. Viele von ihnen sind im beschwingten Dreiertakt komponiert. Viele haben eine aufsteigende Melodieführung, die uns sozusagen mitnimmt in die himmlischen Sphären. Einige aber klingen auch eher herb, für unser heutiges Empfinden jedenfalls – trotz Dreiertakt und trotz aufsteigender Melodieführung. Dies kann dem Umstand geschuldet sein, dass die Osterfreude noch nicht ungebrochen, ungetrübt sein kann. Sie will hervorbrechen aus Tod, Traurigkeit und Trauer, aus Erstarrung, Stillstand, Lähmung und Sorge. Aber sie muss eben auch hervorbrechen, sich manchmal mühsam ihren Weg bahnen. In diesem Jahr 2020 ganz besonders. Keines der Osterlieder haben wir gemeinsam, von der Orgel inspiriert, singen können in unseren Kirchen. Wir konnten dort ja gar nicht Ostern feiern. Dennoch und erst recht: „Jubilate“, jubelt, lobt, preist Gott, lasst der Osterfreude Raum, so gut es eben geht, am besten noch ein bisschen besser.

Nehmen wir dazu eines der beiden Wochenlieder für die Woche ab dem Sonntag „Jubilate“: Ich möchte Ihren Blick, Ihr Ohr, Ihr Herz, am liebsten auch Ihre Stimme, auf das Lied 110 im Evangelischen Gesangbuch (EG) richten. Es zählt nicht zu den bekannten Osterliedern. Mit vielen Osterliedern hat es gemeinsam den Dreiertakt, die schnell aufsteigende Melodie, wenngleich die Höhe nicht gehalten wird und die Melodie die Singenden wieder von der erreichten Höhe in die Niederungen des Lebens führt. Auch in diesem eher herben Osterlied bricht sich der Jubel Bahn. Es ist nicht schwer zu singen und vor allem auch nicht schwer zu verstehen. Ich mag es sehr, finde es wunderschön: kurz und schlicht, leicht und eingängig. Und es hat eine Besonderheit gegenüber allen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches, ein Alleinstellungsmerkmal, etwas Unverwechselbares!

Es entstand im Jahre 1623 und stammt von dem bedeutenden katholischen Lieddichter Friedrich Spee. Er ist einer der wenigen katholischen Dichter, dessen Texte sich in bekannten Liedern in unserem Evangelischen Gesangbuch finden, so stammt das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (EG 7) größtenteils aus seiner Feder und komplett das Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ (EG 32), schließlich auch die erste Strophe der Passionsliedes „O Traurigkeit, o Herzeleid!“ (EG 80). Friedrich Spee stellte sich mutig gegen Hexenverfolgungen und Hexenprozesse, die es in jener Zeit durchaus noch gab. Das war sein Kampf für das Leben gegen den Tod. – Nun also zu seinem Osterlied, das seinen anderen Liedern in unserem Gesangbuch – wie auch vielen anderen Osterliedern unseres Gesangbuches – gegenüber an Bekanntheit zurücksteht. Die besondere Wertschätzung als Wochenlied des Sonntages „Jubilate“ erfährt es übrigens erst seit Neustem.

„Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ (=Auferstehung) fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“ (Str. 1 und 6) Alle sechs Strophen bestehen aus diesem Wechsel von Text- und Halleluja-Zeilen. Man kann sich eine Prozession zum Auferstehungswunder vorstellen: Der Vorsänger oder die Vorsängerin singt die Textzeile, das Volk, die Gemeinde, eine große oder eine kleine Ansammlung von Menschen antwortet mit den doppelten Halleluja-Rufen.

Die Rahmenstrophen besingen den unendlichen Klangraum des Osterjubels: die ganze Welt. Auferstehungshoffnung, Osterfreude erfüllen die Schöpfung. Nicht alle können zu jeder Zeit mitsingen und mitjubeln. Dieses Jahr ist es sicherlich für viel mehr Menschen als sonst schwierig. Osterfreude kann auch stellvertretend zum Klingen gebracht werden: von denen, die es gerade (noch oder wieder) können, für diejenigen, die es (zurzeit) nicht können. Die Welt freut sich nämlich nicht über die Auferstehung, sondern – feiner Unterschied! – in ihr. Was mit Ostern geschehen ist, ist präsent und wirkt, umfasst und durchdringt das Leben – auch angesichts von Sterben, Tod und Trauer und alldem, was uns einzwängt und niederhält. Dies singend zuversichtlich zu bekennen, ist Gebet („in deiner Urständ“).

Christi Auferstehung lenkt unseren Blick, besser: unser Ohr, nach oben. „Das himmlisch Heer im Himmel singt“; „die Christenheit auf Erden klingt.“ (Str. 2) Ihren Höhepunkt erreicht die Melodie im „Himmel“, bevor sie wieder an Höhe verliert und „auf Erden“ ankommt. Auferstehungsglaube und Osterjubel führen uns über uns selbst hinaus. Die Musik nimmt uns mit in Sphären, die uns ohne sie unzugänglich blieben. Die Welt voll Gesang, voll Musik: Der himmlische Gesang klingt und hallt wider im Gesang, in der Musik der Menschen, der christlichen Gemeinde.

Auf der Erde angekommen, zeigt das Lied hier nun Bilder für die Auferstehung – anrührend schlicht. Das Wiedererwachen der Natur ist Gleichnis für die Auferstehung. Als einziges Osterlied unseres Gesangbuches wagt das Lied 110 diese Anschauung. Ohne jede Erklärung. Inmitten des Osterjubels besingt es einfach den Frühling – und die Frühlingsmusik der Kreatur. „Jetzt grünet, was nur grünen kann“; „die Bäum zu blühen fangen an.“ – „Es singen jetzt die Vögel all“; „jetzt singt und klingt die Nachtigall.“ (Str. 3 und 4) Vor einigen Jahr konnte man an verschneiten Ostertagen die Vögel über den schneebedeckten Wiesen singen hören. Aus dem Schnee ragten grüne Halme. Osterbilder, Ostermusik vor der Haustür! In diesen Tagen des Jahres 2020 singen die Vögel – oder kommt es mir nur so vor? – besonders laut. Ich freue mich daran und frage mich so manches Mal, staunend, nicht ohne die Antwort ja doch zu wissen: Die Vögel singen so laut, so schön, so anhaltend – wissen die denn gar nicht, was die Menschen auf der ganzen Welt derzeit so quält und niederdrückt? Aber die Vögel singen – wieder und weiter, vielleicht extra besonders schön in diesem Jahr!? Auch in diesem Jahr 2020 war Ostern, ist Ostern, bleibt Ostern wirksam und gibt es die österliche Freudenzeit.

Hier eine kleine Nebenbemerkung: Im Vorgängergesangbuch zu unserem jetzigen fand sich dieses Lied in der Rubrik „Jahreszeiten“, es wurde dort offensichtlich als reines Frühlingslied verstanden. Zwar wurden immer wieder Ostern und das Aufblühen der Natur miteinander in Verbindung gebracht. Aber die allermeisten unserer Osterlieder haben eine Scheu davor. Schien ihnen diese Form der Osteranschauung doch zu schlicht, dass sie sich nicht trauten, sie in Worte zu fassen? Und ist es umgekehrt nicht eine Überhöhung der Naturschönheit, wenn man sie mit dem Auferstehungsgeschehen in Verbindung bringt? Und tatsächlich: Unser Lied spricht ja auch nur unauffällig, quasi nebenbei, aber eben doch unüberhörbar und an herausgehobener Stelle, von der Auferstehung: Nur in den Rahmenstrophen – diese aber umschließen das ganze Lied: setzen schon am Anfang den entscheidenden Akzent und bestätigen diesen abschließend noch einmal – am Anfang und am Ende des Liedes also kommt das Wort nun doch ausdrücklich vor (in seiner altertümlichen Fassung: „Urständ“). Nur: Ist Ostern ein weltumfassendes Geschehen, betrifft Ostern die ganze Schöpfung: Himmel und Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen, dann ist es ja gut und schön, passend und angemessen, legitim und sachgerecht, dies auch konkret – wie in diesem Lied eben – zu besingen: Osterfreude und Frühlingsfreude passen zusammen und fallen in diesem Lied zusammen. Der Frühling steht für erwachendes Leben, er lässt den Winter, der für Erstarrung, ja Lebensbedrohung steht, hinter sich. Wenn es Schnee gab, wird ihn irgendwann unweigerlich die Sonne zum Schmelzen und Verschwinden bringen. Die Naturphänomene werden ganz selbstverständlich und selbsterklärend, ohne jeden begrifflichen Aufwand, auf Ostern hin gedeutet.

So besingt das Osterlied das österliche Licht. „Der Sonnenschein jetzt kommt herein“; „und gibt der Welt ein‘ neuen Schein.“ (Str. 5) Das klingt ja kaum anders als wie im bekannten Weihnachtslied „Gelobet seist du Jesu Christ“ (EG 23), dessen Text größtenteils vom Reformator Martin Luther stammt. Die vierte Strophe dort beginnt ganz ähnlich: „Das ewig Licht geht da herein,/ gibt der Welt ein‘ neuen Schein“. Der Sonnenschein des Frühlings weist in unserem Osterlied – in unausgesprochener ökumenischer Einigkeit – symbolisch hin auf Jesus Christus, das „ewig Licht“ (Weihnachtslied), der von sich sagt (Johannes 8, 12): „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Ein Satz, der unser Leben hell macht und zugleich über unser irdisches Leben hinausweist und aus Gottes Ewigkeit leuchtet.

Christen mögen auch in der Frühlingssonne Gottes Lebenswillen erkennen. Sie bescheint die erwachende Natur. Die grünende Pflanze streckt sich nach ihrem Licht. Ostern geschah „am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ (Markus 16, 2) Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Leben in der Auferstehungshoffnung, erfüllt von Osterfreude, richtet sich jubelnd, singend und betend auf Gott: „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,/ Halleluja, Halleluja,/ in deiner Urständ fröhlich ist. / Halleluja, Halleluja.“

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Ostern 2020

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Ostern 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Predigttext für den zum Ersten Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) 2020: Jesaja 40, 26-31:
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;
31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde, ‚Lass den Kopf nicht hängen‘ oder ‚Kopf hoch!‘ sagen wir uns gerne, um uns gegenseitig Mut zu machen. Wieviel schöner noch klingt es hier: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ Um den Mut nicht zu verlieren oder um neuen Mut zu schöpfen, wird empfohlen und ermutigt zu schauen. Wenn man sich umsieht, nimmt man schon mehr wahr, als sich momentan im eigenen Kopf abspielt. Das Kreisen der Gedanken wird unterbrochen. Hier lesen wir die Empfehlung, hoch zu schauen, „in die Höhe“, und Klarheit zu gewinnen über die Frage, deren Antwort ja gleich mitschwingt: „Wer hat all dies geschaffen?“

Nun, was gibt’s denn zu sehen ‚in der Höhe‘? Probieren Sie’s einfach aus von Ihrem Fenster, Balkon, Garten.

Ich sehe bewaldete Berghänge, ergrünende Laubbäume, die Fichten sind ja immergrün (wenn sie die letzten beiden Sommer überlebt haben), ich sehe auch etliche blühende Bäume in herrlichem weiß. Ich sehe Vögel: Amseln, Tauben, Meisen, auch Enten, wie sie flattern, fliegen, gleiten. Ich sehe Wolken, weiße und graue, und blaue Stellen am Himmel, gelegentlich scheint die Sonne durch. Das ist der Blick, den ich heute, am Samstagnachmittag, von zuhause aus sehen und genießen kann. Spät abends konnte man an den letzten Tagen bei klarer Sicht auch einen herrlichen Sternenhimmel sehen. Dies alles im Blick relativiert sich die eigene Befindlichkeit doch!

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen?“ Der Blick in die Höhe lehrt uns, lehrt jeden einzelnen Menschen, sich als Teil des Ganzen zu sehen. Nicht weniger, nicht mehr. Dies kann trösten und stärken oder aber beunruhigen. Kann man denn in diesem Ganzen seinen Platz behaupten oder droht man unterzugehen?

Man kann ja auch unter sich schauen. Z.B. beim Spaziergang durch den Wald. Da sieht man zahllose Ameisen krabbeln und derzeit auch unüberschaubar viele ganz kleine Blümchen mit weißen Blüten. Es ist praktisch unmöglich, auf dem Weg um die Ameisen und Blumen herum zu gehen.

Wird man überhaupt wahrgenommen, ernstgenommen, beschützt als Teil des Ganzen im Ganzen? Das können sich einzelne Menschen, Familien, Gruppen in der Gesellschaft, ja sogar ganze Völker fragen, die sich verloren vorkommen, übersehen, überrannt, benachteiligt, der Möglichkeiten beraubt, in Recht und Würde leben zu können. Ihr klagender, verzweifelter Hilferuf kann lauten wie damals zur Zeit des Propheten: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«. Werden sie wahrgenommen in ihrem Leid und Elend?

– Das können Menschen in Pflegeheimen sein, die nach bestem Wissen und Gewissen und Können und in aller gebotenen Vorsicht und Umsicht versorgt und geschützt, begleitet und ermutigt werden, die aber unter der Einsamkeit leiden, da derzeit niemand von den Angehörigen zu Besuch kommen darf.
– Das können Kinder sein, die derzeit schon seit Wochen vorwiegend zuhause sind, nicht im Freien mit Freundinnen und Freunden spielen und toben können, sondern vielleicht sogar in engen Wohnverhältnissen ausharren müssen, vielleicht auch gestresste Eltern erleben, denen die Enge auch Probleme macht und die in ihr auch noch im Homeoffice arbeiten müssen und sich Sorgen um die Zukunft machen. Etliche Kinder erleiden zudem derzeit auch Aggressionen, Gewalt, Missbrauch. Sie brauchen dringend Hilfe von außen.
– Das können Menschen mit seltenen Krankheiten sein, für die eine Entwicklung von Medikamenten aus Sicht der Pharmaindustrie ökonomisch nicht rentabel erscheint.
– Das können geflohene Menschen sein, die in Booten auf dem Meer umhertreiben und in ihre Heimatländer zurückgeschickt oder in Europa nur widerwillig und nach unwürdigem Ringen an Land gelassen und vielleicht nach langer Zeit irgendwann auf einzelne Länder in Europa verteilt werden – oder auch nicht. Die dann wie so viele ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen in Lagern festsitzen, deren hygienische Bedingungen und allgemeine Gegebenheiten jeder Menschlichkeit und speziell auch jeder derzeit gebotenen Vorsicht spotten.
– Das können indigene Völker sein, in Brasilien etwa oder in Australien, deren Rechte permanent bedroht sind und für die sich einzusetzen allgemein offensichtlich nicht lohnend erscheint.
– Das können Menschen sein, die schwere Krankheitsverläufe aufgrund des neuen Virus erleiden, deren Angehörige wie sie selbst in Sorgen und Ängsten sich verzehren, ohne dass sie sich gegenseitig sehen können, genauso wie die Ärztinnen und Pfleger, die tagtäglich ihr bestes geben und nicht wissen, was noch alles auf sie zukommt an Arbeit, Verantwortung oder sogar eigener Erkrankung.

Ihr aller Hilferuf und der Hilferuf vieler mehr ist in unserem prophetischen Text in Worte gefasst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«. Der Prophet zitiert ihn als den Verzweiflungsruf Israels im Exil, das dort verbannt und festgesetzt, seiner Heimat beraubt ist und in seiner Identität gefährdet.

Der Prophet nimmt die Verzweiflung wahr und setzt ihr entgegen: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“

Ist das schon eine Hilfe, ein wirksamer Trost, eine tragfähige Ermutigung? Jedenfalls erinnert der Prophet die Menschen damals wie heute daran und macht es ihnen, uns neu bewusst: Als Teil des Ganzen überblicken wir nicht alles. Können es nicht und brauchen es nicht. Der Schöpfer des Ganzen steht dahinter, für uns nicht vollständig zu verstehen, zu begreifen, zu durchschauen, zu überblicken, zu erfassen, zu erforschen, zu durchdringen, zu entschlüsseln. Der Schöpfer des Ganzen steht dahinter: kraftvoll! Das ist wichtig, darauf kommt es an: dass wir Lebenskraft bekommen. Von Gott, der selbst „nicht müde noch matt“ wird.

Denn das Empfinden, verlorenzugehen, übersehen, nicht gewürdigt, nicht geachtet, übergangen und ausgeschlossen zu werden, nicht zu seinem Recht zu kommen und keine Perspektiven, keinen Weg vor sich zu sehen, dieses Befinden nimmt die Lebenskraft und den Lebensmut weg. Es führt zu Müdigkeit, Erschlaffung, Resignation, Depression. Auch Menschen, denen ihr Glaube wichtig ist und die sich von ihm tragen lassen, kennen das. Gegen solche Müdigkeit ist nicht immer leicht anzugehen. Sie kann bleischwer sein und nach unten ziehen. Dann ist auch alles schwer. Man muss sich dann zu allem aufraffen. Und auch das ist schwer.

Gott verurteilt die Müdigkeit nicht. Im Psalm 127 heißt es so schön (V.2): „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“ Eine Ermutigung zur Gelassenheit, eine Würdigung der Müdigkeit, der nachgegeben werden darf durch erholsamen Schlaf.

„Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Müdigkeit darf sein, muss bald sein, damit sich Neues aufbauen kann, damit wir offen werden, um neue Kraft zu empfangen.

Das Wunder der Schöpfung Gottes, von der kleinen weißen Blume oder der Ameise auf dem Wege bis hin zu den fernen Sternen und Galaxien, das Wunder jeden Lebens, des Lebens von Pflanzen, von Tieren, von Menschen, das Wunder der Schöpfung Gottes ist, dass sie durchdrungen ist von Gottes Lebenskraft, von göttlichem Atem, vom Heiligen Geist. Das ist unsere Kraftquelle. Das sind Wunder des Schöpfergottes, wenn Menschen aus ihrer Müdigkeit, Resignation, Depression, Verzweiflung, Mutlosigkeit heraus wieder neue Kraft bekommen und Lebensmut spüren.

„Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen“ – gerade Menschen, die als Sinnbild für Kraft, Unverwüstlichkeit, Unverwundbarkeit stehen, sind gemeint und angesprochen. Menschen im Vollbesitz ihrer Kräfte, das können Frauen wie Männer sein, Menschen, die im Vollbesitz ihrer Kräfte viel leisen und leisten müssen, Verantwortung übernommen haben und deswegen ohnehin – und viel mehr noch in unsicheren Zeiten bei unsicheren Aussichten – erheblich unter Druck stehen. Sie sind stark und können schwach werden, können verletzt und krank werden, finanziell, wirtschaftlich ins Schlingern geraten, und sie wissen es und sehen es bei anderen und befürchten es für sich selbst. Was soll werden?

Es folgt die wunderschöne, beschwingende Aussicht, die von solchen oder vergleichbaren Sorgen, Befürchtungen, Ängsten ausgeht und sich von diesen bewusst abhebt – als Gegenaussicht, deshalb beginnt sie auch mit dem Wort „aber“: „aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Kraft und Schwung, Glaube und Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht können wir nicht herbeizaubern.

Das Wunder der Schöpferkraft Gottes spüren wir in uns, wenn wir neue Kraft in uns wahrnehmen, die uns beschwingt. Offenheit statt Verschlossenheit, Geduld statt Aufgabe, Ausharren statt Erzwingen – das kann man dafür aufbringen, um solchen Zugewinn von Kraft und Lebensenergie geschehen zu lassen – und auch wahrzunehmen und schließlich zu nutzen.

Der Blick in die Höhe kann sicherlich helfen, weil er die Gedanken zurechtrückt und uns die Erinnerung an Gottes Schöpferkraft stärken kann. Wir dürfen uns als Teil der ganzen Schöpfung Gottes verstehen und gleichzeitig als ein ganzes Schöpfungswerk Gottes von vielen, unzähligen: von Gott wahrgenommen, gewürdigt, gesegnet und geliebt: „Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.“ Auf diesem einen Schöpfungswerk Gottes, auf Dir und auf mir, wie auf allen, wirklich jedem einzelnen Schöpfungswerk, ruht Gottes Segen, diesem einen wie allen gilt Gottes ganze Liebe. Mit solcher Glaubenshaltung und Lebenseinstellung können wir, kann jeder Mensch offen und empfänglich werden und bleiben, um von Gott „neue Kraft“ zu bekommen, neuen Schwung – und neu beflügelt zu werden.

Der Flug des Adlers ist schwungvoll, erhaben, edel. Seit alters her ist der Adler Symbol für die Auferstehung, Gottes Lebenskraft, die aus Tod und Erstarrung, aus Trauer und Aussichtslosigkeit erwachsen und erblühen kann.

Wir brauchen Gottes Lebenskraft, jetzt, da viele Menschen bis zur völligen Erschöpfung arbeiten müssen und viele andere sich zu weitgehendem Stillstand genötigt sehen und dabei feststellen, dass auch dies Kraft kostet und erfordert. Jede Hilfe, die geleistet werden kann, lohnt, da sie andere Menschen stärkt.

So lässt sich dieser prophetische Ausspruch durchaus auch für Christenmenschen heutzutage als in Bildsprache gefasster und auf solche Weise anschaulich ausgedrückter Osterglaube lesen: „aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Mögen wir dies, wenn nicht schon jetzt, dann aber doch in absehbarer Zeit erneut am eigenen Leibe, im eigenen Leben erfahren. Amen.