Eine zweite Andacht in der besonderen Passionszeit 2020

Eine zweite Andacht in der besonderen Passionszeit 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Eine weitere Woche liegt bald hinter uns, in der alles so anders ist, in der man sich an vieles gewöhnen muss, an das man sich schwer gewöhnen möchte oder kann.

Der Wochenspruch für die fünfte Woche der Passionszeit (ab dem Sonntag Judika), die jetzt ausklingt, lautet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern das er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung als Lösegeld für viele.“ (Mt. 20, 28)

Der Wochenspruch verdeutlicht einmal mehr den Zuspruch des Evangeliums. Der Zuspruch läuft jedem Anspruch voraus.

Bevor Christenmenschen überlegen, abwägen und entscheiden, was sie als solche tun können, ist für uns etwas getan worden: Gutes, Lösendes. Wir dürfen Erlösung erfahren von Spannungen und Verkrampfungen, von Enge und Angst, von Druck und Nötigung, von Gewissensqualen und Schuld. Jesu Leben und Sterben lässt sich als Dienst verstehen, der Menschen von dem befreit, was sie niederdrückt und gefangen nimmt. Jesu Leben und Sterben ist Dienst, um Menschen zum Leben zu verhelfen.

Gehören christlicher Glaube und Dienen zusammen, zeigt sich gelebter Glaube auch an Dienstbereitschaft und praktischer Dienstausübung?

Vorsicht: Dienen kann problematisch sein. Wenn es nämlich den anderen nicht wirklich guttut. Mit Dienen kann man auch unguten Einfluss auf andere ausüben, sich ihrer bemächtigen, sie abhängig oder gefügig machen. Dienen kann verkapptes Herrschen sein oder werden.

Dennoch möchte ich das Gute und Lebensförderliche des Dienens nicht so schnell aus dem Blick verlieren. Ich meine schon, dass es dem Miteinander von Menschen, sei es im Familien- oder Freundeskreis, im Dorf, im Stadtteil oder auch im gesamtgesellschaftlichen Rahmen, guttut, wenn der Dienst-Gedanke eine maßgebliche Rolle spielt.

In unserer Alltagssprache ist er unauffällig präsent in Wörtern wie Dienstplan, Dienstkleidung, Dienstbesprechung, auch: Dienstauftrag, ja sogar: Dienstaufsicht. Immer schwingt noch mit, dass Arbeit bzw. Berufsausübung auch dienenden Charakter, dienende Funktion hat. Menschliche Arbeit kommt somit anderen zu gute. Inzwischen hat sich die Bezeichnung Dienstleistungsberuf durchgesetzt; der Dienstleistungssektor spielt in unserem Wirtschaftsleben eine immer bedeutendere Rolle. Vieles hat sich da stetig zum Guten hin verändert: Auf guten Service (= Dienst) legen Kunden wie Bürger Wert, und Firmen wie Geschäfte können damit punkten, genauso wie Ämter und Behörden. Entsprechend empfindlich reagieren wir, wenn wir den Service vernachlässigt sehen.

Wir alle leben vom Dienst anderer. Niemand kann ganz darauf verzichten. Das merken wir derzeit ganz besonders.

Es kommt sogar vor, dass wir davon leben, dass andere ihr Leben für uns einsetzen. Oft sind das Katastrophenhelfer, Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei. Jedenfalls gehen sie in bestimmten Gefahrensituationen ein nicht unerhebliches Risiko für sich selbst ein, um anderen zu helfen, sie zu retten oder zu schützen, eben: ihnen zu dienen.

Derzeit haben wir eine ganz besondere, für uns neuartige und außergewöhnliche Gefahrensituation, die uns bedroht, einengt, ängstigt, verstört, aber auch zur Besinnung kommen lässt, Kreativität freisetzt, neue Wege aufzeigt und unserem Glauben, unserer Hoffnung wie unserer Liebe Gelegenheiten gibt, sich zu bewähren und nicht unterkriegen zu lassen.

Es liegen jetzt zwei Wochen weitgehenden Kontaktverbotes hinter uns und drei Wochen, in denen Schulen und Kindergärten ihren regulären Betrieb nicht fortführen konnte.

Viele Menschen geben sich in anstrengendem Dienst und bewundernswertem Einsatz für andere hin, um für sie da zu sein, ihnen zu helfen, für ihr Leben zu kämpfen, zu heilen, zu pflegen und auch um vorzusorgen, damit dies auch weiterhin möglich bleibt. Ich nenne hier noch einmal viele dieser Menschen, die uns zumeist ja gar nicht persönlich bekannt sind, wie ich es schon in meiner Andacht in der letzten Woche getan habe, und erweitere die Aufzählung dabei noch ein wenig, ohne auch jetzt Vollständigkeit erreichen zu können:

Denken wir also wieder und erneut dankbar an die Menschen, die in den Krankenhäusern und Altenpflegeheimen Dienst tun für die ihnen anvertrauten Menschen, die bis zum Limit und bis zur völligen Erschöpfung arbeiten und doch wissen und sich, so gut wie irgend möglich, darauf vorbereiten, dass es noch mehr und noch härter werden kann und vielfach auch werden wird: z.B. in New York ganz besonders, aber auch sonst vielerorts, ja im Grunde überall auf der Welt, nach wie vor z.B. auch in Italien, Spanien und Frankreich. Es sind Menschen, die mit dem Tod leben! Denken wir ebenso an die Menschen, die unsere tägliche Versorgung aufrecht halten, unter erheblichem Einsatz, unter enormen Mühen und Anstrengungen, z.B. in den Supermärkten an den Kassen oder Ladenregalen, z.B. in den LKWs auf den Autobahnen und Landstraßen. Denken wir ebenso an die Menschen, die organisatorisch tätig sind: in den Behörden und Bildungseinrichtungen unseres Landes, dabei auch an die Menschen, die in Schulen und Kindergärten auch für die Notbetreuung sich zur Verfügung stellen, auch an Wochenenden und den bevorstehenden Feiertagen, um Kinder zu betreuen, deren Eltern sich eben in unverzichtbarer Weise dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft lebens- und handlungsfähig bleibt. Denken wir auch an die Menschen, die forschen und beraten: in den einschlägigen Instituten und an den Universitäten und Kliniken. An die Menschen, die Entscheidungen treffen und vertreten, erklären und verantworten müssen: die Menschen in der Politik: auf Kommunal-, Kreis- und Landesebene, im Miteinander der Bundesländer, im Bund, im Miteinander der europäischen Staaten. An die Menschen in den seriösen Medien, die uns zuverlässig und umfassend, ausgewogen und kritisch informieren.

Sie alle und viele mehr geben sich mit aller Kraft für andere hin. Wir leben von ihrem Dienst und ihren Diensten, von ihrem Engagement, ihrem außergewöhnlichen, nicht selbstverständlichen Einsatz, den wir in anderen Zeiten leicht übersehen oder nicht angemessen zu würdigen wissen.

Etliche Menschen haben jetzt mehr Zeit frei als vorher und deswegen spontan umgesattelt, um zu helfen, wo sie jetzt gebracht werden: eine Frisörin räumt jetzt Regale im Supermarkt ein, Studierende fahren warmes Essen an alte Menschen aus.

Es gibt aber auch viele Menschen, Unternehmer, Selbständige, Betreiber von Restaurants oder Cafés etc., die von existentiellen Sorgen erdrückt werden, die – trotz staatlicher Hilfen – nicht wissen, wie es mittel- oder langfristig weitergehen kann, weil Einnahmen wegbrechen und Kosten bleiben. Ihr Dienst ist eingestellt, ihre Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie für ihre Familien und für sich selbst aber bleibt.

Erinnern möchte ich auch an die „Ärzte ohne Grenzen“, die so gut oder so recht und schlecht, wie es eben unter den schlimmen Bedingungen geht, den Menschen in den Flüchtlingslagern auf den Inseln in der östlichen Ägäis helfen, die fast vergessen scheinen und weiterer Hilfe dringend bedürfen, um aus ihrer Lage befreit zu werden.

Und wer hilft derzeit den Menschen in Indien, die auf der Flucht aus den Städten in ihre Heimatdörfer sind und vielfach schon gar nicht mehr aus der Stadt herauskommen? Wer kann ihnen helfen?

Vergessen wir sie alle jedenfalls nicht in unseren Gebeten, gerade diejenigen nicht, die der Gefahr so hilflos ausgeliefert sind! Denken wir auch an die vielen Kranken und Schwerkranken in unseren Gebeten, an diejenigen, die wir persönlich kennen und denen wir in Sorge und in Liebe verbunden sind, und auch an die vielen, die meisten anderen, die wir nicht persönlich kennen.

Unsere Gebete sind ein Dienst, den wir alle leisten können und dem wir auch etwas zutrauen dürfen!

Wie gesagt: Es ist jetzt die Zeit, die unserem Glauben, unserer Hoffnung wie unserer Liebe Gelegenheiten gibt, sich zu bewähren und nicht unterkriegen zu lassen. Gebete sind genuine Praxis des christlichen Glaubens. Stiller Dienst für andere! Unsere Gebete lassen uns sicherlich auch auf weitere Ideen kommen, wie und wo und wem wir helfen, dienen können.

Mögen wieder Zeiten kommen, die uns nicht so belastend vorkommen (oft liegt dies allerdings nur daran, dass wir die Belastungen der Zeit und der Welt nicht so stark wahrnehmen oder an uns heranlassen, weil sie weiter von uns weg sind oder scheinen und weil wir uns besser von ihnen fernhalten oder abschotten können).

Auch wenn es nicht immer so extrem kommen mag und wieder besser für uns und für viele werden wird, wenn hoffentlich wieder so etwas wie normaler Alltag kommen wird – die Einsicht bleibt doch: Indem andere für uns arbeiten, uns dienen, setzten sie etwas ein von sich. Zeit, Kraft, Geld. Eltern für ihre Kinder. Kinder für ihre alten Eltern. Und auch die Berufsarbeit ist oft faktisch Einsatz für andere, Dienst eben. Ich finde es wichtig und hilfreich, dies sich bewusst zu machen und es auch zu bejahen: Dienst aus innerer Stärke und aus freiem Willen heraus zu tun. Und aus Dankbarkeit für alle Dienste anderer, von denen wir leben.

Vor allen Erwartungen an unsere Dienstleistungen steht der große Dienst, der für uns getan wurde. Jesu Dienst an und für uns. Der Einsatz seines Lebens – aus reiner Liebe. Damit wir doch letztlich unbeschwert, unbelastet, erlöst leben können – der beste Grund und Antrieb, sich für andere einzusetzen, wie, wo und wann wir gebraucht werden und wir’s können.

Andacht in der besonderen Passionszeit 2020

Andacht in der besonderen Passionszeit 2020 – von Pfarrer Andreas Strauch

Die erste Woche erheblicher Einschränkungen im persönlichen Miteinander liegt weitgehend hinter uns. Jeden Tag kommen neue Nachrichten über uns, die meisten sehr beunruhigend, etliche auch tröstend und ermutigend, und gleichzeitig richten wir uns in unserem kleinen Kosmos zuhause ein – mit vielen guten Gedanken an Menschen, die wir jetzt nicht treffen, nicht sehen, nicht von Angesicht zu Angesicht erleben können – und mit bangen Gedanken an Menschen, um die wir uns sorgen. Wegen der aktuellen Bedrohung oder aus anderen Gründen. Es sind und werden ja auch sonst Menschen krank oder schwerkrank. Auch in diesen Tagen! Wir denken an Menschen und können sie nicht sehen, jedenfalls nicht persönlich. Wir können sie nicht treffen, nicht besuchen, nicht empfangen.

Es bleiben aber die anderen Möglichkeiten, die jetzt eine ganz neue Bedeutung und Wertschätzung erfahren: Telefonieren, da hört man sich jedenfalls, Video-Treffen oder Skypen, da sieht man sich sogar auch noch, und das gute alte Schreiben: nicht nur Kurznachrichten, sondern auch Längeres: per E-Mail oder per Brief. Auch beim Schreiben ist man sich nahe, weil man intensiv aneinander denkt, in einen Dialog eintritt und ihn führt, weil Raum und Zeit für die eigenen Gedanken an den anderen Menschen eröffnet werden.

Jemand sagte mir diese Woche: „Man lernt sich selbst jetzt ganz neu kennen.“ Dies kann ja durchaus eine Chance sein. Wie man sich wiederfindet im Leben, in der vorhandenen Zeit, der Zeit, die uns immer gegeben ist, die wir jetzt aber möglicherweise um einiges bewusster wahrnehmen, weil sie neu und anders, als wir es gewohnt sind, gefüllt werden will und muss, gefüllt werden darf und kann.

Diese Zeit jetzt ist Passionszeit. Zeit des Erleidens. Zeit, die nicht nur aktiv gestaltet wird, sondern in die wir gestellt sind und die etwas mit uns macht. Die etwas an uns geschehen lässt.

Die zweite Hälfte der Passionszeit hat begonnen, letzten Sonntag, am 22. März. Da war der vierte Sonntag der Passionszeit, der vierte von sechs Sonntagen: Der vierte Sonntag heißt Lätare (deutsch in etwa: Freut euch) und ist seit alters her eine Aufhellung in der Passionszeit. Gelegentlich wird er „Klein-Ostern“ genannt. Er hält eine wichtige Erinnerung wach: Die Passion ist nicht das Ende, sondern sie führt zu Ostern. Der Tod ist nicht das Ende, er führt zum Leben. Aber wo entsteht Leben aus dem Tod?

Wir leben, auch jetzt, Gott sei Dank, aber wir nehmen wahr, wie so Vieles um uns wenn auch nicht erstarrt, so aber doch zum Erliegen kommt. Und wir hören vom Tod. Immer wieder und immer mehr. Tag für Tag. Und wollen retten, was zu retten ist, Aufhalten, Verlangsamen, Durchbrechen, Aushalten. Und Hoffen. Wir wollen leben, wir wollen Leben retten.

Der Wochenspruch der nun zu Ende gehenden Woche, der Woche, die mit dem Sonntag Lätare begonnen hat, handelt vom sterbenden und Frucht bringenden Weizenkorn: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 12, 24)

Das Wochenlied zu „Klein-Osten“ nimmt dieses Bild aus dem Wochenspruch auf. In unserer hessen-nassauischen Ausgabe des Evangelischen Gesangbuches ist es als letztes der Passionslieder (Nummer 98) abgedruckt. Es markiert den Übergang. Direkt gegenüber findet sich schon das erste Osterlied.

Es ist ein schönes, eindrückliches Lied, das wir in unseren Gottesdiensten oft und gerne singen. Melodie, Sprache, Bilder gehen unmittelbar ein. Nehmen Sie sich ruhig mal das Gesangbuch zur Hand, schlagen das Lied auf, lesen, meditieren den Text, und lesen und summen Sie die Melodie. Oder Sie trauen sich, es für sich alleine zu singen.

„Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,/ Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt -“, so beginnt die erste Strophe. Aus dem sterbenden Korn erwächst der Keim. Er dringt hervor in den Morgen: Zeit des Erwachens, in der sich Leben neu regt, Zeit des Aufstehens, Zeit der Auferstehung. Am Morgen, dem Übergang von der Nacht zum Tag, liegt noch alles vor uns. Der Übergang schenkt den Neuanfang.

Was aber stirbt eigentlich gerade in uns und um uns ab? Ich meine uns, die wir jetzt leben, aber anders als noch vor Kurzem. Das normale alltäglich soziale Leben, es stirbt nicht ab, aber so mag es uns bisweilen schon vorkommen: Schulen und Kindergärten weitgehend geschlossen, nun schon seit die zweite Woche – weitere folgen-, dazu viele Büros, Dienststellen, Abteilungen. Die Straßen: nicht leer, aber ruhig. Auch die Innenstadt. Es fehlen selbst die Gottesdienste. Die Glocken rufen nicht mehr zum Gottesdienst in die Kirchen, lediglich zum persönlichen oder gemeinsamen, verbindenden Gebet in den Häusern.

Was kann und darf in uns absterben, von uns abfallen, jetzt da so vieles anders geworden ist: Das mag man prüfen und bedenken: So beginnt nämlich die dritte Strophe: „Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,/ unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn – …“

Worin sind wir gefangen, wovon also könnten wir befreit werden? Sind es vielleicht die unsichtbaren Scheuklappen, mit denen wir zeit- und streckenweise durchs Leben laufen, rennen, hetzen? Ist es vielleicht das Kreisen um sich selbst und die kleine eigene Welt, das eigene Wohl und Vorankommen? Die eigene Geschäftigkeit und Routine, die uns immer nach vorne, aber manchmal kaum links und rechts neben uns blicken lässt, auf andere Menschen, die auch da sind, die uns brauchen, die uns auch helfen können und weiterblicken lassen, den eigenen Horizont erweitern. Oder übersehen wir noch mehr? In der sonst vielfach gängigen eigenen Geschäftigkeit und Routine geraten am Ende nicht nur andere Menschen aus dem Blickfeld, sondern wir übersehen und verlieren womöglich auch uns selbst. Laufen weg vor uns und von uns selbst.

Das geht jetzt nicht mehr so leicht. Wie gesagt: „Man lernt sich selbst jetzt ganz neu kennen.“ Ist auf sich selbst geworfen, sich sogar ausgeliefert. Merkt, ob man mit sich selbst klarkommt oder diese Begegnung unangenehm ist. Ob man gut zu sich selbst ist und sein kann. Das ist ja überhaupt erst die Voraussetzung, um offen für andere Menschen zu sein, zu werden, zu bleiben. Da kann jetzt was entstehen, langsam, kaum merklich, eben: keimen. Man lernt sich jetzt auch gegenseitig ganz neu kennen. Die Menschen, mit denen wir zusammenleben, und auch die Menschen, an die wir denken und mit denen wir regelmäßig Kontakt pflegen oder den Kontakt jetzt bewusst suchen und pflegen. Was wir an ihnen haben, merken wir besonders deutlich jetzt, wo sie uns fehlen – oder jetzt Zeit und Offenheit gewonnen haben, wieder mehr an sie zu denken.

Neues gewinnt Raum und kann eintreten.

„Liebe lebt auf, die längst erstorben schien“, so geht es weiter in der ersten Strophe. Freunde oder Geschwister haben sich aus den Augen, aber nicht ganz aus den Gedanken verloren, aber es ist doch schon so lange her, dass die Freundschaft, das gute Miteinander mit Leben erfüllt war. Menschen wollten ihr Leben miteinander teilen und merken, dass ihr Leben länger ist als sie zusammen bleiben wollen oder können. Die Kraft, die Ausdauer, die Geduld, die Gemeinsamkeit reichen nicht aus: „Liebe, die längst erstorben schien“… Und dann finden Menschen neu zueinander, denken liebevoll aneinander und lassen es sichtbar und spürbar werden: Sie sehen sich wieder, sprechen wieder miteinander, verstehen einander, verzeihen einander: „Liebe lebt auf“.

Manchmal – nicht immer, man kann es nicht erzwingen, es bleibt Geschenk, es bleibt ein Wunder! -manchmal also finden Menschen nach langer Zeit wieder zusammen. Auch zwischen den Generationen kann das so sein: Eltern waren für ihre Kinder da, als diese klein waren und sie brauchten. Gerade jetzt! Aber auch früher. Auch Jugendliche und (junge) Erwachsene erfahren oft erhebliche Unterstützung durch ihre Eltern. Gerade jetzt! Aber auch früher. Irgendwann leben die Kinder ganz ihr eigenes Leben. Die Entfernung zu den Eltern ist groß geworden, nicht nur räumlich. Vielleicht gibt es alte, tiefsitzende Verletzungen oder Konflikte. Man hatte womöglich nicht den Mut, sie anzusprechen und zu bearbeiten, oder hielt das für aussichtslos. Dann werden die Eltern alt. Da ist die Zeit gekommen, so ist es oft, in der nun die Kinder für ihre Eltern da sind. Manchmal wird in der zu Ende gehenden Lebenszeit der Eltern noch ausgesprochen, worüber man jahrelang nicht reden konnte oder wollte. Manchmal ist das gar nicht mehr nötig, weil sich das Belastende schlicht überlebt hat oder klein und unbedeutend geworden ist. Eltern und Kinder finden neu zueinander. Der bevorstehende Tod schafft erfülltes Leben für beide, Eltern und Kinder: „Liebe lebt auf, die längst erstorben schien“.

An wen denken wir jetzt neu, sorgen uns neu um sie oder ihn? Wen können wir jetzt anders verstehen, besser und gerechter? Und lernen wir, mit anderen und uns selbst einen anderen Umgang, dort wo nötig? Fragen, die sich in diesen Tagen und Wochen dringender stellen und nach einer Antwort verlangen können.

Ich möchte auch und besonders an diejenigen denken, für die diese Passionszeit eine Zeit allerhöchster Anspannung und Aktivität ist: die Menschen, die diese Zeit auch erleiden, aber gleichzeitig kaum noch durch den Tag kommen und Grenzen ihrer Kraft und Belastbarkeit erfahren: die allermeisten von ihnen kennen wir ja gar nicht persönlich, es sind so viele: die Menschen, die in den Krankenhäusern und Altenpflegeheimen Dienst tun für die ihnen anvertrauten Menschen, die bis zum Limit und völligen Erschöpfung arbeiten und doch wissen und sich, so gut wie irgend möglich, darauf vorbereiten, dass es noch mehr und noch härter werden wird: in Italien ganz besonders, aber auch sonst überall auf der Welt. Es sind Menschen, die mit dem Tod leben! Dann denke ich an die Menschen, die unsere tägliche Versorgung aufrecht halten, unter erheblichem Einsatz, unter enormen Mühen und Anstrengungen, z.B. in den Supermärkten. Weiter denke ich an die Menschen, die organisatorisch tätig sind: in den Behörden und Bildungseinrichtungen unseres Landes. Die Menschen, die forschen und beraten: in den einschlägigen Instituten und an den Universitäten. Die Menschen, die Entscheidungen treffen und vertreten, erklären und verantworten müssen: die Menschen in der Politik: auf Kommunal-, Kreis- und Landesebene, im Miteinander der Bundesländer, im Bund, im Miteinander der europäischen Staaten. Die Menschen in den seriösen Medien, die uns zuverlässig, umfassend und ausgewogen informieren.

Alle Strophen des Liedes schließen mit dem Kehrvers: „Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ Ein schönes Bild! Farbe ermöglicht Vorstellung. Grün gilt als Farbe der Hoffnung. Hier ist es die Hoffnung, dass aus Lähmung und Erstarrung, aus Furcht und Schrecken, aus Krankheit und Elend, aus Tod und Trauer schließlich Leben erwachsen möge. Sicherlich langsam und zart, aber offen für eine gute und erfüllte Zukunft. Vor dem Kehrvers in der letzten Strophe des Passionsliedes, das vom Tod und von der Liebe singt, findet sich der schlichte und zugleich wichtigste Vers: „hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien“. Eine tröstliche Aussicht inmitten jeder Passionszeit!

Gottesdienst für die Stadt Haiger am 29. März 2020 um 10.00 Uhr

Der Gottesdienst wird am Sonntag Judica, den 29.03.2020, ab kurz vor 10 Uhr bei YouTube aufrufbar sein. Hier der Link, der direkt zu unserm Kanal bei YouTube führt:

https://m.youtube.com/channel/UCQhVdcgDadwgUd8e99P6RLA

Mitwirkende:

Frank Kowalik und Jannik Lehr: Technik

Tabea Jochem: Klavier

Jonas Hain: Gesang

Sebastian Pulfrich: Lesung, Fürbittengebet und Vaterunser

Pastor Matthias Ackermann: Liturgie / Moderation

Pfarrer Ralf Arnd Blecker: Predigt

Gottesdienste

Liebe Gemeinde,

wir haben heute den Gottesdienst für morgen zusammen mit der freien ev. Gemeinde (Hickenweg), der ev. freikirchlichen Gemeinde (Schillerstraße) aufgenommen.

Der Gottesdienst wird morgen ab 10 Uhr bei Youtube unter folgendem Link zu sehen sein.

Gemeinsamer Gottesdienst für die Stadt Haiger https://www.youtube.com/channel/UCQhVdcgDadwgUd8e99P6RLA

Für alle die, die keine Möglichkeit haben auf YouTube zuzugreifen, bieten wir die Möglichkeit, sich einen USB Stick mit dem Gottesdienst als MP3 (nur Ton) oder als MP4 (Video mit Ton) bei uns abzuholen, bei Bedarf auch gerne mit einem Abspielgerät. Gerne können wir auch einen Link zum Download bereitstellen.

Bei Interesse oder Fragen melden sie sich bitte an:

Pfr. Blecker:
Mail: pfarrer.blecker@gmx.de
Telefon: 745453
Sascha Schwunk
sas@schwunk-it.de
Telefon: 0170-794 54 86

Bleibt gesund!

Viele Grüße
Sascha Schwunk

Stadt-Gottesdienst Haiger bei Youtube, erstmals am Sonntag, den 22.03.2020 um 10.00 Uhr

Ihr Lieben,

ver-rückte und schwere Zeiten sind es, in die wir da recht plötzlich hinein geworfen wurden. Wer hätte das vor zwei Monaten gedacht, dass wir solch eine Krise erleben.

Lasst uns einander beistehen im Gebet und nicht vergessen, dass unser lieber Herr und Gott uns trägt, hält und uns nicht verlässt!

Kirche lebt von Gemeinschaft: Ob in Gruppen und Kreisen, bei Gemeindefeiern, Andachten und besonders im Gottesdienst.

Momentan können wir uns nicht persönlich treffen. Dadurch, dass wir auf Nähe verzichten und uns nicht mehr treffen, können wir Menschenleben retten und die Infektionskette verlangsamen.  Schenke es Gott, dass uns das gelingt!

Wir, das sind Christenmenschen aus Haiger, insbesondere aus der freien ev. Gemeinde (Hickenweg), der ev. freikirchlichen Gemeinde (Schillerstraße) und der Kirchengemeinde planen gemeinsame Gottesdienste: jeden Sonntag um 10.00 Uhr wird ein Gottesdienst aus unseren Räumen bei youtube eingestellt und kann von Ihnen und euch zu Hause auf dem Smartphone oder auf dem PC angesehen und mitgefeiert werden. 

Am Sonntag Laetare, den 22.03.2020, geht es um 10.00 Uhr los:
D
er Gottesdienst wird im Internet bei „Youtube“ abrufbar sein und aus der Stadtkirche Haiger übertragen werden, wo fünf Personen den Gottesdienst aufnehmen: Pastor Michael Diehl (feG Haiger), Steffen Runzheimer (efG Haiger), Sebastian Pulfrich (röm.-kath. Pfarrgemeinde), Sascha Schwunk (Ev. Kirchengemeinde Haiger) und Pfr. Ralf Arnd Blecker (Ev. Kirchengemeinde Haiger).

An dieser Stelle werden wir rechtzeitig einen Link veröffentlichen, der Sie am Sonntag um 10.00 Uhr direkt zum Stadt-Gottesdienst führt.

Herzlichst, Ihr und euer

Ralf Arnd Blecker.