Psalm 119 II ist zum Mitsingen und Meditieren online

Im Psalm folgen die Strophen den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die erste Strophe preist mit ALEF – dem unaussprechlichen Konsonant, dem Ton vor dem Ton – den Menschen selig, der sich auf den Weg der Tora begibt. Die zweite Strophe eröffnet mit BET – dem „Haus“ – den Raum des Segens (BERACHA), ein Zuhause für die, die sich daran erinnern, wer das Haus gebaut hat.  

  Verlasst euch nicht auf Wunder, sondern rezitiert Psalmen. (Chassidische Weisheit)

Lesepredigt zum Ersten Sonntag nach Trinitatis 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Evangelium zum Esten Sonntag nach Trinitatis: Lukas 16, 19-31:
Vom reichen Mann und armen Lazarus
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren
21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.
26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Liebe Gemeinde, eine harte Geschichte ist das. Harte, schroffe, wie es scheint, unüberwindliche Gegensätze sehen wir.
Hier der Reiche, da der Arme.
In unmittelbarer Nähe.
Zwei Parallelwelten, die nichts miteinander zu tun haben.
Oder doch?

Natürlich haben Reich und Arm etwas miteinander zu tun.
Das kritisiert die Geschichte ja: die Blindheit von Menschen, denen es gut oder sehr gut geht, gegenüber Menschen, denen es schlecht oder sehr schlecht geht.
Die Geschichte lehrt: Hinsehen und Hinhören.

Der reiche Mann hat interessanterweise keinen Namen – jedenfalls erfahren wir ihn nicht. Er scheint typisch zu stehen für Menschen, denen es überdurchschnittlich, über die Maßen gut geht. Purpur und kostbare Leinen sind teure Stoffe – für Könige.

Für ‚normale‘ Menschen ist ein Fest eine Unterbrechung des Alltags: herausgehoben aus diesem. Da kleidet man sich schön und isst gut und reichlich. Anders, mehr und besser als sonst. Aber das Fest ist kein Fest, wenn es sich vom Alltag nicht unterscheidet. Das Leben ist kein Fest. Das Leben ist keine Dauerparty.

Der Reiche scheint es aber so halten zu können. Er „lebte alle Tage herrlich und in Freuden.“ (s.o.: Lukas 16, 19) Das klingt nicht nach stiller Bescheidenheit. Keine Niederungen trüben sein Leben.
Es wird übrigens nicht gesagt, dass er Leute ausbeutet, betrügt, bestiehlt.
Andererseits wird auch nicht gesagt oder gefragt, wo der übermäßige Reichtum eigentlich herkommt.

Das wird manchmal nicht so genau gefragt und betrachtet.
Wenige Prozent der Menschheit haben einen hohen Prozentsatz des Gesamtvermögens in ihrer Hand. Das ist schon bei uns in Deutschland so. In etlichen Ländern, z.B. in Lateinamerika, ist die Diskrepanz noch viel extremer. Den viel kleineren Rest teilen sich die vielen, die meisten anderen Menschen.

Damals, als diese Geschichte erzählt wurde, hat eine Oberschicht ihren Reichtum stetig vermehren können: Man gab den Armen Kredite, die sie nicht abbezahlen konnten, und nahm ihnen dann ihr Land ab. Soziale Sicherungssysteme gab es nicht.

Doch, eine Niederung hätte die Freuden des Reichen trüben können: der Arme vor seiner Tür.
Armut ist konkret. Armut hat einen Namen. Hier heißt der arme Mann: Lazarus, übersetzt: ‚Gott hilft‘.

Sonst hilft ihm keiner. Völlig unten, heruntergekommen war er: mit Geschwüren bedeckt, unansehnlich also – wer schaut da gerne hin? Aber Wegschauen geht ja auch nicht. Oder doch? Lazarus scheint gelähmt zu sein und vor des Reichen Tür zu wohnen: liegend, wehrlos den streunenden Hunden ausgeliefert, die obendrein als unrein galten. Die Essensreste, von denen er sich nähren wollte, waren – das geht aus dem griechischen Urtext hervor – Brotreste, mit denen sich die Gastteilnehmer (die Partygäste) in des Reichen Haus die Hände reinigten, um sie dann auf den Boden zu werfen. Nicht mal die erlangte der arme Lazarus.

Ich stelle mir die Situation vor, wenn der Reiche sein Haus verließ, und frage mich, wie oder ob überhaupt er den Armen wahrgenommen hat. Und wie war es, wenn er zurückkehrte? Hat der Reiche – beim Gehen, beim Kommen – den Armen gegrüßt? Hat er ihm jedenfalls zugenickt, ihn eines Blickes gewürdigt? Man kann sich’s nicht recht vorstellen. Ein Gruß, ein Nicken, ein Blickkontakt hätte ja Emotionen in dem Reichen, ja sogar in beiden, auch in dem Armen, auslösen müssen. Und hätten die nicht doch auf Dauer auch Folgen haben müssen, jedenfalls können? Hätte nicht dem Grüßen, Zunicken, Anschauen mit der Zeit mehr folgen müssen, jedenfalls können: Worte, Gaben, Hilfen?

Die Lage ist insgesamt so beschrieben, dass es sich nicht um ein einmaliges Ereignis, sondern um eine Art Dauerzustand gehandelt hat. Der Reiche hat ja offensichtlich keinen Änderungsbedarf – kein Interesse an irgendeinem Ausgleich, selbst wenn der ihm noch lange nicht wehtun müsste. Und der arme Lazarus hat nicht die Kraft und nicht die Mittel dazu. So ist der Zustand zementiert.

Arme Menschen, arme Länder, arme Regionen brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, damit sie unabhängig werden und bleiben und für sich selbst sorgen und einstehen können. Die Brotkrümel können das nicht bewirken, aber immerhin: ein bisschen satt für den Moment wäre der arme Lazarus geworden. Ein Anfang wäre das gewesen, ein bescheidener, aber immerhin!

Spätestens in der Fortsetzung merken wir, dass diese Begebenheit, so real sie klingt und hundert-, tausend-, vielmillionenfach vorkommt, jetzt nicht real weitererzählt wird.
Wer ist eigentlich der Erzähler?

Jesus konfrontiert die Pharisäer mit den Folgen des Wegsehens und Weghörens. Kurz zuvor spricht Lukas so von den Pharisäern und ihren Umgang mit Jesus: „die Pharisäer, die am Geld hingen, und sie spotteten über ihn.“ (Lukas, 16, 14)

Jesus führt die Pharisäer – und die Lesenden und Hörenden heute, also auch uns – nun in eine Szene, die wunderhaft-märchenhaft ausgemalt ist und deren Dialog wahrhaftig zu denken gibt. Weiterhin gilt: Die Geschichte ist hart, sie soll aufrütteln. Sie lehrt Hinsehen und Hinhören, wo Menschen in der der Gefahr stehen, wegzuschauen und wegzuhören.

Beide, der Reiche und der arme Lazarus, sterben – aber wie unterschiedlich wird von ihnen erzählt: Der Arme wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Interessanterweise wird sein Name hier nicht mehr erwähnt. Steht nun auch er, steht, was ihm jetzt offenbar widerfährt – Seligkeit, Geborgenheit bei Gott – typisch für arme Menschen? Wie dem auch sei: Er ist – das klingt an – bei Gott im Paradies. Dort wird er gewiss nicht mehr darben müssen. Vom Reichen wird erzählt, dass er „begraben“ wird – der Arme scheint direkt bei Gott zu sein – der Reiche leidet Höllenqualen, von Hitze („Flamme“) und Durst („Pein“) ist die Rede (s.o. Lukas 16, 24).

Ein merkwürdiges Bild! Seine Hölle ermöglicht dem Reichen das Sehen. Den Armen, den er seinerzeit augenscheinlich ignoriert und übersehen hatte – jetzt, wo dieser bei Gott ist, nimmt er ihn wahr. Jetzt erst!

Aber der Arme ist dem Reichen nur Mittel zum Zweck. Das Gefälle bleibt. Mit Abraham spricht er, der Reiche. Der Arme – immerhin dessen Namen Lazarus nennt der Reiche! – soll ihm dienen: Lazarus‘ Fingerspitze mit Wasser zur Kühlung an seine, des Reichen, Zunge! – Zu beider Lebzeiten waren die Essensreste im Haus des Reichen geblieben!

Abraham reagiert kühl, unmissverständlich, hart: „Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.“ (s.o. Lukas 16, 25.26)

Die Kluft, die den Reichen und den Armen stets getrennt hat, bleibt bestehen.
Der Reiche hatte sie zu Lebzeiten nicht überwunden – nur er hätte es gekonnt, der arme Lazarus nicht! – jetzt ist sie unüberbrückbar geworden.
Der Reiche hatte dem Armen nicht helfen wollen.
Der Arme kann, soll, darf dem Reichen jetzt auch nicht helfen!?
Ist das Ausgleichende Gerechtigkeit?
Ist das Vertröstung für Arme auf dieser Erde, in diesem Leben, auf eine bessere Zukunft, die sie aber nicht mehr auf der Erde erleben werden?
Oft ist dem Christentum, der Religion überhaupt, dies vorgeworfen worden: sie vertröste nur und helfe nicht den Menschen aus Armut, Elend und Not!?

Und für den Reichen – gibt es keinen Ausweg!

Das Mahnende und Unerbittliche an der Geschichte ist:
Sie erinnert uns daran: Unsere Taten und unsere Unterlassungen haben Folgen! Nicht alles lässt sich zurücknehmen und nachholen.
Jedes Leben kann nur einmal gelebt werden. Jeder Tag kann nur einmal gelebt werden.
Dies kann eine sehr bittere Erfahrung sein!

Ich persönlich möchte Gott nicht darauf festlegen. Ich traue Gott mehr Möglichkeiten zu als menschlicher Gerechtigkeitssinn im Blick haben mag. Aber dem Ernst und der Klarheit dieser Geschichte kann und will ich mich nicht entziehen!

Wir können unser Heil bestimmt nicht selbst erwirken oder herbeiführen. Aber es gibt schon hilfreiche, weiterführende, wegweisende, lebensförderliche Unterscheidungen!
Schon das eigene Gewissen gibt uns die grobe Richtung an, was gut zu tun und gut zu lassen ist.
Auch unser Herz! Der Einsatz der Fähigkeit zum Mitgefühl, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen.
Und – ganz ausdrücklich! – das prophetische Wort: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6, 8)

Erschreckend auch, dass der Reiche all dies überhaupt nicht einzurechnen scheint. Dass sein Lebenswandel, seine Einstellungen zu den Mitmenschen, hier konkret: zu dem armen Lazarus vor der Tür seines Hauses, Konsequenzen haben, scheint ihn völlig zu überraschen.

Deswegen will er seine Brüder warnen lassen. Die scheinen ähnlich zu leben wie er gelebt hat, und ihnen scheint er bessere Einsicht auch nicht zuzutrauen. Er sieht ihre Zukunft dort, wo er jetzt ist.
Nichts verstanden – nichts gefühlt!

Und wieder soll Lazarus sein Diener sein. Immer noch meint der Reiche, über den Armen herrschen zu können. Abraham möge den Armen aussenden, um die Brüder des Reichen zu warnen. – Der Reiche hatte die Warnung „Lazarus“ täglich vor seiner Tür!

Abraham verweist auf Mose und die Propheten, also auf die Heilige Schrift.
Wie mag das den Pharisäern, den Schriftgelehrten, in den Ohren klingen, denen Jesus diese Geschichte erzählt?
Er packt sie beim Schopfe: Ihr kennt euch doch aus in der Schrift. Was braucht ihr also noch für Warnungen?

In der Geschichte selbst gibt sich der Reiche immer noch nicht zufrieden. Ein Toter soll den Lebenden erscheinen. Diesem Zeichen traut der Reiche mehr zu als dem, was jeder Mensch aus der Heiligen Schrift wissen kann.

Alles vergebens! So, mit dieser Antwort Abrahams an den Reichen, endet die Geschichte: „Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (s.o. Lukas 16, 31)

Der Evangelist Lukas hat diese Geschichte überliefert. Nur er, kein anderer Evangelist. Längst war Jesus auferstanden. Aber Lukas meinte wohl, diese mahnende und warnende Geschichte überliefern zu müssen – nach wie vor hat sie ihr Recht.

Jesus verweist laut Lukas auf „Mose und die Propheten“, auf die Heilige Schrift.
So möchte ich uns – im Zusammenhang mit dieser Geschichte – ein weiteres prophetisches Wort in Erinnerung oder neu ins Bewusstsein bringen: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7)

Das ist es! Daran werden wir neu erinnert: Vor allem an das, worauf es hinausläuft: „entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Daraus folgt doch die Selbstverständlichkeit, die eben nicht immer selbstverständlich genommen wird: Der andere, dem’s schlechter geht, ist ein Mensch wie du, wie ich. Alle sind wir Geschöpfe Gottes. Mit gleicher Würde, mit gleichen Rechten. Alle müssen wir essen und trinken und uns kleiden, ein Dach über dem Kopf haben. Alle brauchen wir Besuch und Ansprache von anderen, wenn wir hilflos oder alleine sind, beispielsweise am Krankenbett oder im Gefängnis – aber nicht nur dort!

Wenn in Jesus Gott einer von uns geworden ist, ein Mensch aus Fleisch und Blut, dann hat der Satz „entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ weitreichende Konsequenzen. Dann führt er nämlich schnurstracks zu dem bekannten Jesuswort: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40b) Da sind wir bei Jesus selbst und dem, wie er uns mit ihm und für ihn zu leben lehrt, mit den Menschen und für die Menschen. Das kommt bei ihm auf dasselbe hinaus. Das reicht für ein erfülltes und erfüllendes, ein gutes und ein gesegnetes Leben.

Jesus – in Gestalt des Lazarus – hat es nach dieser Geschichte nicht erfahren dürfen, menschlich, als Mensch von Menschen gut und würdig behandelt zu werden.

Oft fragen wir uns, was wir tun können – bei so viel Elend und Ungerechtigkeit in der Welt.
Wenn jeder Mensch die Not vor der eigenen Tür sieht und hört, wenn jeder Mensch vor Ort nach seinen Möglichkeiten sich ‚dem eigenen Fleisch und Blut nicht entzieht‘ und ihm seinen Blick schenkt, sein Ohr öffnet, seine Hand reicht (wie gerne täten wir auch dies in diesen Zeiten!) und sein Herz öffnet – wenn dies alles mehr wird als es schon da ist und geschieht – die Welt sähe anders und besser aus. Da haben wir jeden Tag genug zu tun und werden selbst davon profitieren, wenn wir die Hilfe und den Gerechtigkeitssinn anderer benötigen.

Wo ist das Evangelium, die Frohbotschaft dieser Geschichte?
Ich muss da schon suchen, aber man kann fündig werden!
Es können sich wohl nicht alle in gleicher Weise freuen, der reiche Mann, der arme Lazarus, die Brüder des Reichen. Es kommt also auch darauf an, wem wir uns verbunden fühlen. Immerhin lesen wir am Anfang des Lukasevangeliums – und auch wieder nur bei Lukas! – in Marias Lobgesang (Lukas 1, 52-55):
„52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
55 wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“

„… wie er geredet hat …“ – Liebe Gemeinde, das ist die frohe Botschaft, das Evangelium. Wir haben’s doch: „Mose und die Propheten“ (s.o. Lukas 16, 31) – und: Jesus in den Evangelien – und: Paulus und die vielen anderen biblischen Zeugen. ‚Die sollen wir hören.‘ (s.o. Lukas 16, 29) Wir haben das Wort Gottes mit seinen Weisungen und Verheißungen, mit seinem Zuspruch und seinem Anspruch. Wir haben Ohren zu hören und Hände, um zu handeln. Wir leben – und andere sollen es auch. Der Evangelist Johannes überliefert als Wort Jesu: „ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (in Johannes 14, 19) Darauf zielt das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Gottes Wort ist uns gegeben, dass wir gut und heilsam leben sollen und können in der Gemeinschaft nicht nur der Christenheit, sondern in der Gemeinschaft der Menschheit überhaupt. „… entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Das Wort Gottes ist von belebender Kraft. Ein Segen für alle, die es lesen, hören, beherzigen und nutzen für ein gutes, ein besseres, ein gottgefälliges und menschendienliches Leben. Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Trinitatis 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

4. Mose 6, 22-27:
Der priesterliche Segen
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der Herr segne dich und behüte dich;
25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Gemeinde,

der Segen weist ins Leben. Deshalb ergeht der Segen am Schluss eines Gottesdienstes. Wie ein Abschiedsgruß mit guten Wünschen und einem liebevollen Nachblick ist er. Zum Mitnehmen und Behalten, soweit wir das können, um Mut und Kraft aus ihm zu schöpfen. An der Schwelle von Gottesdienst und Alltag, von Gottesdienstfeier und Lebensgottesdienst kann der Segen zu einem gelingenden Übergang verhelfen, der beides miteinander verbunden hält.

Es gibt Menschen, denen ist der Segen das Wichtigste am Gottesdienst. Sie spüren in besonderer Weise, was uns allen guttut und was wir brauchen: den Schutz, das Geleit, die Begleitung Gottes für die nächste Wegstrecke.

Dessen müssen wir uns immer neu vergewissern lassen. Zwar ist uns das alles ja von Gott längst zugesagt. Von Gott, der uns ins Leben rief und der unser Leben will. In der Taufe ist der Segen Gottes und seine Verbindung zu uns ausdrücklich besiegelt. Und doch – wir müssen es immer wieder neu hören, neu zugesprochen bekommen. Vielleicht auch, weil wir spüren, dass wir selbst uns immer wieder entfernen von Gott und aus seinem Schutzbereich.

Nicht Gott entfernt sich von uns, wie wir es manchmal denken. Jedenfalls wendet Gott sich nicht ab von uns. Sondern eher schon wir von Gott. Etwa wenn wir gar nicht mehr mit Gott rechnen, wenn wir verzagt und ängstlich sind und uns hundert und tausend Gedanken machen, was uns alles passieren könnte. Wenn uns unsere Sorgen zu zerfressen beginnen. Wenn wir meinen, alles hänge an uns und nur an uns. Dann scheint uns Gott weit weg, und wir finden den Weg zurück zu Gott nur schwer. Gott lässt sich nicht einfach herbeiholen, jedenfalls nicht nach unseren Vorstellungen und Wünschen.

Da ist es gut, wenn sich Gott selbst mit seinem Segen wieder in Erinnerung bringt. Wenn wir uns erinnern lassen: Gottes Segen liegt über uns. Seine Nähe ist uns zugesprochen.

„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ (s.o.: 4. Mose 6, 27) Das ist ein starker Satz. Im Segen verbinden sich Gott und Mensch. Nicht nur, dass Gott Menschen beauftragt, selbst zu segnen, so wie Aaron und seine Söhne diesen Auftrag zu segnen erhalten (s.o.: 4. Mose 6, 23.24). Sondern im Segen selbst, auch wenn er von anderen Menschen weitergegeben wird, verbindet sich Gott direkt mit dem oder der Gesegneten.

Gott legt seinen Namen, den Namen Gottes, auf den gesegneten Menschen ab. Der, die Gesegnete ist ein Gotteskind. Gottes Angesicht leuchtet über dem gesegneten Menschen. Der, die Gesegnete erstrahlt in Gottes Licht.

Können Sie sich erinnern, wie es ist, wenn ein Mensch strahlt? Es geht dann ein Glanz, etwas wirklich Helles und Schönes und Gutes und Freundliches von ihm aus und überträgt sich auf den Menschen, den der strahlende Blick trifft. Kinder insbesondere haben oft einen strahlenden Blick, aber nicht nur sie. Auch bei ganz alten Menschen kann man das manchmal in sehr anrührender Weise erleben, im Grund aber bei Menschen jeden Lebensalters. Dieser Blick lässt einen nicht unberührt, und unter Gottes leuchtendem Angesicht blieben wir nicht einfach, wie wir sind. Ausgestattet mit Gottes Segen, angestrahlt von Gott, können wir unserer Wege ziehen und unseren Lebensweg als Ganzen Schritt für Schritt beschreiten.

Von Gott behütet – kann uns dann nichts mehr zustoßen? Da haben unsere Lebenserfahrungen uns doch ganz anderes gezeigt und gelehrt, oder nicht? Nur: Wir merken vor allem, wenn uns etwas quer geht, wenn etwas stört, nicht so kommt, wie wir es wollten, geplant oder vorbereitet haben. Merken wir aber auch, wie oft an nur einem einzigen Tag wir wirklich bewahrt bleiben? Wir lesen und hören von Unglück, Unfällen, Schicksalsschlägen, Krankheiten, Katastrophen in der Nähe und in der Ferne, und uns selbst ist so oft wieder ein Tag geschenkt worden, an dem es uns an nichts Wesentlichem gefehlt hat und wir gut leben konnten, alles Notwendige und vieles mehr hatten und noch manches gute und liebe Wort gehört haben, das uns aufgebaut und weitergeführt hat. Wir fragen: Wo ist Gott? Und gleichzeitig nehmen wir völlig selbstverständlich Gottes täglichen Wohltaten in Empfang.

Aber: Es gibt doch Krankheit und Schmerzen, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Existenzbedrohungen, Misserfolg, Trennung, Tod und Trauer. Auch bei uns. Viele Menschen spüren gerade in solchen schwierigen Lebenslagen, dass sie immer noch – jetzt vielleicht sogar in ganz besonderer Weise – getragen werden und Kraft bekommen. Sie fühlen sich jetzt in dem Schweren bewahrt und gestärkt, vielleicht auch, weil jetzt nicht mehr alles einfach so selbstverständlich ist. Sie haben jetzt ihren Blick geschärft für all das Gute, das sie immer noch bekommen, in allen Schwierigkeiten.

Gott ist jetzt nicht weg, sondern gerade da: helfend, tröstend, stärkend, neue Wege zeigend. Oft in Gestalt von Menschen, von denen man das vorher gar nicht unbedingt erwartet hätte. Sie wirken segensreich. Sie werden zum Segen. In ihnen zeigt sich Gottes Segen überdeutlich.

Unter dem Segen Gottes hatte das Volk Israel seine lange Wüstenwanderung mit vielen Entbehrungen und Durststrecken bestanden. Alles in allem war es währenddessen immer wieder bewahrt und versorgt und gelangte schließlich ins Gelobte Land. Gottes Segen wirkte im Schweren und im Guten.

Gerade weil kein Menschenleben nur glatt und geradlinig verläuft, brauchen wir die Gewissheit des Gottessegens. Damit wir uns im Schweren und Abgründigen nicht verlieren. Auch im ‚finsteren Tal‘ (Ps. 23) dürfen wir Gott bei uns wissen. Auch wenn der Weg aus dem ‚finsteren Tal‘ uns nicht mehr an das Licht unserer Sonne führt. Gottes Segen weist über unser irdisches Leben hinaus. Gottes leuchtendes Angesicht bleibt mit seinem Segen über uns.

Und: Frieden will der Segen übermitteln und zueignen. Das haben wir immer wieder neu nötig. Die Zueignung des Gottesfriedens bedeutet auch Aufgabe und Verpflichtung für uns. Frieden will erarbeitet und erhalten werden. Wörter wie ‚Friedensbemühungen‘, ‚Friedensverhandlungen‘, ja sogar – merkwürdige Maßstäbe! – ‚Friedenstruppen‘ zeigen ja, wie viel mühseliger Arbeit es bedarf und welche umstrittenen und riskanten Mittel mitunter gewählt werden, um auf Frieden mit Aussicht auf eine gewisse Dauer hinzuwirken.

Als Gesegnete, als solche, die wir von Gott in Gottes Frieden eingewiesen werden, können und sollen auch wir selbst zum Frieden in unserer Umgebung beitragen. Unsere Umgebung: das ist z.B. die Familie mit ihren verschiedenen Generationen (Ehepartner, Kinder und Eltern, Enkel und Großeltern, die Familie des Partners, der Partnerin), dann: der Arbeitsplatz, der Kindergarten, die Schule, die Nachbarschaft, die Gemeinde, das Dorf, die Stadt. Mit den Friedensanstrengungen und Friedensangeboten in unserer Umgebung gehen wir auch schon die ersten und entscheidenden Schritte für den Frieden in unserer Gesellschaft und auf der Welt.

Der Segen spricht freundlich zu uns: Gott wendet uns sein Angesicht zu. Wir sind in Gottes Blick. Das ist ein bewahrender und gnädiger Blick: wohlwollend, sorgend, schützend, freundlich. „Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen“ heißt es in einem Segenslied, und im weiteren Verlauf: „Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden.“ (EG 170)

In Jesus Christus hat Gott den Menschen noch einmal in ganz anderer, ganz intensiver Weise sein Angesicht zugewendet. Gott war in Jesus erschienen: zum Anschauen – und zum Anfassen. Gott ließ sich sehen und begreifen: als Mensch, der die Menschen mit sich und miteinander versöhnte und die Friedensstifter seligpries, weil diese etwas von seinem Reich verwirklichen.

Vor zweieinhalb Wochen war das Fest Christi Himmelfahrt. Jesus segnete seine Jünger vor, ja noch bei seiner Himmelfahrt. So lesen wir es zum Schluss des Lukas-Evangeliums (Lukas 24, 50.51). Das ist es, was Jesus seinen Jüngern zum Abschied gibt: seinen Segen – noch bevor sie mit dem Heiligen Geist beschenkt werden.

Der Segen bleibt und gilt allen, die Jesus nachfolgten oder nachfolgen – durch die Zeiten. Unter seinem Segen geschützt und geborgen und freundlich angeschaut, dürfen wir leben: und ausgestattet mit dem Heiligen Geist bleiben wir mit ihm, mit seinem Vater, der auch unser Vater ist, und untereinander verbunden in seinem Frieden, der weiter reicht als alle menschliche Bemühungen und höher ist als alle menschliche Vernunft. Amen.

Psalmen singen

„Zwischen Pfingsten und dem Ende des Kirchenjahres sind es in diesem Jahr genau 22 Sonntage. Das bietet die Möglichkeit, jede Woche eine der 22 Strophen von Psalm 119 – entlang den 22 Buchtstaben des hebräischen Alphabets, Alef bis Taw – zu singen und zu meditieren. Der Psalm besingt immer wieder neu die Tora, die Weisung Gottes. Den Strophen von Psalm 119 stellen wir 22 Abschnitte der Weisung der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zur Seite. Über Psalm 119 sagt Martin Luther, er sei „ein geistlich göttlich Spiel, das man täglich üben soll“. Das gilt ganz bestimmt genauso für die Bergpredigt. Die Psalmen erklingen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Übersetzung der Psalmen folgt dem „Münsterschwarzacher Psalter“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Die Bergpredigt erklingt in der Übertragung von Walter Jens (Die vier Evangelien, Radius-Verlag Stuttgart 2003). Es liest Reiner Unglaub (www.reiner-unglaub.de). Das Bild zum Psalmvers „Selig, die seine Zeugnisse wahren, die ihn von ganzem Herzen suchen.“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. “ www.stillezeiten.de (Zitat aus: https://www.youtube.com/watch?v=3PNcr5OYg8c&feature=youtu.be )


Lesepredigt zu Pfingsten 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Apostelgeschichte 2, 1-21:
Das Pfingstwunder
1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?
8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen,
11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.
Die Pfingstpredigt des Petrus
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Liebe Gemeinde,

Pfingsten – das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes;
Pfingsten – das Fest des Geburtstages der Kirche;
Pfingsten – das Fest, das so schwer zu begreifen, zu verstehen, zu erklären ist;
Pfingsten – das Fest (fast) ohne Bräuche;
Pfingsten – das dritte große Fest im Kirchenjahr neben Weihnachten und Karfreitag/ Ostern;
Pfingsten – das wichtigste Fest am Ende;
Pfingsten – das Fest der Verlegenheit, der Ratlosigkeit;
Pfingsten – das Fest der Begeisterung;
Pfingsten – das Fest der Natur;
Pfingsten – das „liebliche Fest“ (Goethe);
Pfingsten – das Fest der Einheit;
Pfingsten – das Fest der Vielfalt;
Pfingsten – das Fest der versöhnten Verschiedenheit;
Pfingsten – das Fest … …;
Pfingsten – das Fest … … !?

Was ist Pfingsten für Sie, für euch?

Der Heilige Geist lässt sich nicht begreifen, nicht anfassen, nicht festlegen. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht, man kann ihn aber spüren. Oder spüren, wenn und wie er wirkt. Der Heilige Geist weht, wann und wo er will. Er kann überraschen, beleben, verändern, Neues bringen, beruhigen, trösten. Er kann gewohnte Denk- und Glaubensmuster erweitern, aufbrechen, in Frage stellen, aber auch wieder neu bestätigen.

Und wie sieht es mit Pfingsten als Geburtstagsfest der Kirche aus? Man kann schon fragen: Hat die Christenheit sich dem Wirken des Geistes in den Weg gestellt, so sehr und so hartnäckig, dass der Geist seine verbindende und einigende Kraft nicht oder nur ansatzweise und gehindert entfalten konnte und kann? Wo es doch so viele Konfessionen und Richtungen innerhalb des Christentums gibt: Orthodox, Römisch-katholisch, Anglikanisch, Evangelisch – mit allen Strömungen: z.B.: griechisch-orthodox, russisch-orthodox; oder: der völlig unterschiedlich gelebte Katholizismus etwa in Mitteleuropa oder in Südeuropa, erst recht in Lateinamerika; im Protestantismus wiederum gibt es die lutherische, die reformierte, die unierte Prägung, es gibt die diversen Freikirchen und freien Gemeinden und Versammlungen, die in sich auch wieder sehr unterschiedlich sind.

Ist diese Vielfalt ein Ärgernis, weil eine Einheit mitunter nur schwerlich zu erkennen ist? Oder ist diese Vielfalt gerade im Gegenteil ein Zeichen für das vielfältige, immer wieder neue und kreative Wirken des Heiligen Geistes?

Ist die Einheit der Kirche am Ende gerade diese Gesamtheit der unterschiedlichen Richtungen und Ausprägungen des Christentums? Ergeben gerade erst die vielen Teile ein Ganzes? Kann es nicht sein: Jedes Teil, jede Richtung, jede Konfession, jede Gemeinde verkörpert einen besonderen Gesichtspunkt des Glaubens, der einen Kirche?

Und wie steht’s mit den Bräuchen zum Pfingstfest? Bräuche und Rituale gehören schließlich zur Feier eines Festes hinzu. Bei Weihnachten und Ostern gibt es das vielfältig, und in jeder Familie und jeder Gemeinde gibt es ganz bestimmte eigene Gewohnheiten, oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Und natürlich gibt es allgemein verbreitete Festbräuche: Weihnachtsbaum, Ostereier – beide sind nicht einmal christlichen Ursprungs, aber auf die christlichen Feste bezogen und in sie integriert. Sichtbare, sinnlich erfahrbare Bräuche sind wichtig, nicht nur für Kinder, denn so wird das Gefühl angesprochen und angeregt. Ein Fest will eben ganzheitlich begangen werden, nicht lediglich vom Kopf her ‚verstanden‘, sondern auch und erst recht will das Fest erlebt, gelebt werden. Für Pfingsten ist das sicherlich schwieriger. Zwar gibt es familiäre Traditionen: Pfingstspaziergänge, heute eher: Pfingsturlaube. Es gibt auch lokale und regionale Bräuche (Pfingstbaum, Pfingstfeuer). Aber all dies ist lang nicht so verbreitet, nicht so populär und nicht so spezifisch und einprägsam wie bei Weihnachten und Ostern. Dabei sollte doch gerade Pfingsten wirklich auch die Emotionen bewegen, eben: begeisternd, beflügelnd wirken. Da gibt es unbestreitbar Defizite. Und so wird auch der Zugang zur Bedeutung und zur Festerzählung (s.o.: Apostelgeschichte 2) des dritten großen Festes neben Weihnachten und Karfreitag/ Ostern erschwert.

Im Mittelalter war das anders. Da ließ man schon mal eine Taube durch die Kirche fliegen. Die Taube verkörpert ja in der Bibel den Heiligen Geist, so bei Jesu Taufe.
Oder: In Sizilien ließ man rote Rosen von oben in die Kirche fallen. Sie symbolisierten die Zungen, die Flammen des Feuers, von denen in der Pfingsterzählung die Rede ist (s.o.: Apostelgeschichte 2,3). Dieser einfache Brauch hat einen direkten Bezug auf die biblische Geschichte, die Festerzählung zu Pfingsten.

Menschen verschiedenster Herkunft und Sprachen, in den Versen 9-11 (s.o.) detailfreudig aufgezählt, waren zusammen, wie jedes Jahr, in Jerusalem, so ist es in der biblischen Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2) dargestellt. Sie feierten – 50 Tage nach dem Passahfest – nun das Wochenfest, eben das Pfingstfest, ein jüdisches Fest zum Beginn der Ernte, ein Dank- und ein Freudenfest. Aber diesmal war es besonders: Das Fest überwältigte die Feiernden, es ergriff sie, es verwandelte sie von Grund auf. Denn es geschah etwas absolut Außergewöhnliches und Unvorhersehbares. Und noch erstaunlicher als das, was sie hörten und sahen, Brausen und gewaltigen Wind, Zungen wie Feuerflammen auf ihren Köpfen, noch erstaunlicher als das war die Wirkung. Alles wurde anders: Das Trennende war aufgehoben. Die Menschen verschiedenster Herkunft und Sprachen verstanden nun einander. Aber nicht weil sie auf einmal alle die gleiche Sprache gesprochen hätten. Sie konnten vielmehr nun auch „in andern Sprachen“ (Vers 4) sprechen – sie predigten! – und sie verstanden sich gegenseitig in ihren eigenen Sprachen: „ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ (Vers 6b) – Sozusagen eine vielfache Simultanübersetzung! Jeder Mensch konnte sich verständlich machen, jeder Mensch konnte alle und alles verstehen, als wär’s gerade für ihn, gerade für sie gesprochen: Pfingsten – das Fest der Verständigung!

Und die Menschen hatten lediglich ein Thema: sicherlich auch durch das Erntefest geprägt, aber erst recht wohl als Wirkung des Wunders an diesem besonderen Pfingstfest: ein Thema also: das Thema, das durch aller Munde in allen Sprachen in alle Ohren ging, direkt verständlich: dieses eine Thema war: „die großen Taten Gottes“ (Apostelgeschichte 2, 11).

Da mögen sie geredet – und sich zugehört – haben von der Erschaffung der Welt, von der Befreiung aus Ägypten, vom dem Gesetz und den Geboten, die Gott seinem Volk gegeben hatte, von Führung und Bewahrung in dessen wechselvoller Geschichte durch den treuen Gott, der sich immer wieder zu seinem Volk und dem Bund mit ihm bekannt hatte.

Und sie mögen gesprochen und gehört haben von den „großen Taten Gottes“ in ihrem eigenen Leben, dem kleinen gewöhnlichen Leben, das durch die großen Taten Gottes so groß und wertvoll war: das Geschenk der Gesundheit, das Geschenk der Familie, das Geschenk des Auskommens, das Geschenk der Zufriedenheit, das Geschenk des Segens Gottes, der auf ihrem Leben lag.

Ob sie auch über Jesus von Nazareth gesprochen haben, die ‚große Tat Gottes‘ schlechthin?

„Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: …“ (Apostelgeschichte 2, 14a). Jetzt folgt seine Predigt. Petrus sieht in dem Pfingstwunder die Erfüllung einer Verheißung. Der Prophet Joel hatte die Ausgießung des Gottesgeistes durch Gott selbst angesagt.

Aber dem Leser, der Leserin von Lukas‘ Apostelgeschichte ist sicherlich auch das Jesuswort vor seiner Himmelfahrt in Erinnerung, das Lukas im ersten Kapitel, Vers 8, überliefert: „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ So spricht Petrus im weiteren Verlauf seiner Predigt von Jesus, seinem Kreuzestod, seiner Auferweckung durch Gott. Petrus deutet das Pfingstwunder noch einmal neu. Er bindet Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten zusammen: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.“ (Apostelgeschichte 2, 32.33) – Jetzt ist Pfingsten auch ein christliches Fest!

Der Geist Gottes kann Christenmenschen beflügeln und ihren Willen stärken und vorantreiben, einander zu verstehen. Auch unser Thema, worüber wir uns als Christen und Christinnen austauschen und verständigen, sollte sein: „die großen Taten Gottes“.

Petrus weist seine Hörer und Hörerinnen damals und uns heute ein: Kreuz und Auferstehung – das ist ‚die große Tat Gottes‘. Petrus und die anderen wurden nach der Predigt gefragt: „was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2, 37) Petrus ruft auf zur Buße und Taufe und verheißt ihnen so den ‚Empfang der Gabe des Heiligen Geistes‘ (V. 38).

Als Geistbegabte können Christenmenschen, können wir eine Fähigkeit entdecken, entwickeln, trainieren: die Fähigkeit, einander zu verstehen, andere also in deren Sprache so zu verstehen, als sei es direkt für uns übersetzt. Dabei muss es sich nicht einmal um Fremdsprachen handeln.

Auch in Fragen des Glaubens reden wir oft aneinander vorbei, missverstehen uns, misstrauen einander manchmal sogar. Schon innerhalb einer Gemeinde kommt das vor, erst recht zwischen den verschiedenen Gemeinden, Konfessionen und Kirchen.

Dabei, wenn Christen es ernst meinen, reden sie doch alle von den „großen Taten Gottes“. Sie loben Gott und danken Gott. Sie bitten um ‚Vergebung von Schuld und Erlösung von dem Bösen‘ (Vaterunser). Sie bitten voller Vertrauen, glaubend – für sich selbst und für andere – um Vergebung der Sünden (Glaubensbekenntnis). So wollen sie zu Gott, neu zu Gott finden.

Die Sprachen klingen unterschiedlich: die Liturgien, die Gottesdienste überhaupt, die Art zu beten und Worte im Gebet zu finden, das Miteinander in den Kirchen und Gemeinden – das alles ist verschieden und vielfältig. Oft kann man in all dem spüren: den Geist der Verständigung.

Wenn man einmal in einer anderen Gemeinde zu Gast ist oder am Urlaubsort den Gottesdienst besucht in der der Kirche, die eben gerade dort steht, dann kann man einiges verstehen und wiedererkennen: das Vaterunser, vertraute Elemente des Gottesdienstes. Man kann auch den guten und schönen, den herzlichen und liebevollen Umgang der Menschen in der dortigen Gemeinde wahrnehmen und erfährt ihn vielleicht auch selbst. Man kann Verständigung erleben. Die Sprache der anderen kann verständlich werden, selbst-verständlich! Und auch wir können uns verständlich machen und die Erfahrung machen, selbst verstanden zu werden.

Rote Rosen in Sizilien! Vom Himmel (symbolisch), von der Kirchendecke (tatsächlich) fallen sie herab zu Pfingsten in Sizilien, dort jedenfalls, wo dieser alte und schöne Brauch noch geübt wird. Rote Rosen! Rote Rosen schenken Liebende einander. So mag das Symbol noch tiefer gehen. Es steht für den Heiligen Geist, der ein Geist der Liebe ist. Die Liebe übersetzt uns Worte, den Glauben der anderen und schenkt gegenseitiges Verstehen. Sie stärkt uns in unserem eigenen Glauben und lässt uns den der anderen akzeptieren.

Sprachen lassen sich nicht eins zu eins über setzten. In jeder Sprache liegt eine etwas andere, eine eigene Art des Denkens und Fühlens. Insofern ergänzen sich die verschiedenen Sprachen. Zum Verständnis ist nicht nur das wörtliche Verstehen nötig. Es kommt auch und vor allem darauf an, sich gegenseitig ineinander einzufühlen, hineinzuversetzen. Liebende, miteinander Vertraute wissen das und spüren das und tun das. Ihre Kommunikation blickt tiefer als der reine Wortlaut. Der Geist der Liebe kann Christenmenschen helfen und stärken, einander zu verstehen und verstehen zu wollen.

Der Geist der Liebe kann sogar entgrenzen und helfen, als Christenmenschen den anderen Religionen respektvoll, geschwisterlich zu begegnen – mit all ihrem uns Fremden und auch dem Gemeinsamen: Dem Gedanken der Humanität und des Friedens sind alle Weltreligionen verpflichtet. Aber keine geht darin schon auf. Der Geist der Liebe ist auch der Geist der Wahrheit. Ein kritischer Geist. Liebe heißt nicht Anpassung, nicht Einebnung, nicht Nivellierung von Unterschieden und Gegensätzen, nicht Aufgabe des Eigenen, des Selbst: sondern im Selbstbewusstsein des Eigenen, gegründet im Gottvertrauen, das Wagnis der Verständigung mit Mut und Herz einzugehen. Das gelingt uns schwer aus eigener Kraft. Dazu brauchen wir den Geist Gottes. Dazu brauchen wir Pfingsten. Sanft und beharrlich kann das gehen, wie ich dem Wochenspruch zu Pfingsten entnehme: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4, 6b)

Gottes Geist, der Heilige Geist, Pfingsten öffne uns den Blick und schenke uns das Gespür für das Verbindende und Gemeinsame der Menschen auf dieser Erde, das doch immer stärker bleibt als alle Unterschiede.

Gottes Geist, der Heilige Geist, Pfingsten schenke weltweit Verständigung und die Bereitschaft dazu, wenn es neu auszuhandeln gilt, wie die Menschheit weiterhin bzw. neu und anders miteinander gedeihlich, gerecht und im Frieden mit der Schöpfung und ihrem Schöpfer leben kann und will.

Wir leben von den „großen Taten Gottes“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: Frohe und gesegnete Pfingsten! Amen.

Singen des Wochenpsalms bei YouTube: Psalm 104

„Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “ (Text und Bild stammen von der YouTube-Seite)

Lesepredigt zum Sonntag Exaudi 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Epheser 3, 14-21 (Episteltext zum Sonntag Exaudi):
Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,
18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde, der Sonntag Exaudi ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: der Sonntag, der, wenn wir das Kirchenjahr bewusst in seiner zeitlichen Abfolge mitfeiern und mitdenken, quasi eine Leerstelle bietet:
Jesus: zum Himmel aufgefahren.
Der verheißene Geist, der uns spüren lassen will, dass Jesus bei Gott und bei uns ist – jederzeit und überall – und uns miteinander verbindet und eint und so mit Gott und mit Jesus in Verbindung hält, dieser Geist, der das bewirkt: noch nicht da, erst an Pfingsten!

Nun ist der Sinn des Kirchenjahres ja gerade, die Fülle Gottes, das Geheimnis seiner Liebe – und was das alles mit uns macht und wie es unser Leben prägt und trägt, nach und nach, Schritt für Schritt zu entfalten und nachzuvollziehen. Alles auf einmal wäre zu viel für unser Aufnahmevermögen.

Aber selbst jeder einzelne Schritt nimmt uns nicht das Geheimnis des Glaubens und der Liebe Gottes: Weihnachten/ Epiphanias – Karfreitag/ Ostern/ Himmelfahrt – Pfingsten: Alles, jedes einzelne Fest, jeder einzelne Gedenk-, Feiertag übersteigt letztlich unser volles Verstehen. Es bleibt immer ein Rest, der über alles Begreifen geht.

Gottes Friede ist ‚höher als alle Vernunft‘ (Philipper 4, 7) – so beschließen wir jede Predigt und lassen ihn als Kanzelsegen auf uns kommen, halten uns jedenfalls offen.

Der Sonntag Exaudi – diese vermeintliche Leerstelle im schrittweisen Durchschreiten des Kirchenjahres, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – macht uns in besonderer Weise aufmerksam für unseren angemessenen Zugang zu Gott, dem göttlichen Geheimnis, ebenso wie zu unserem Leben, das von Gottes Liebe, dem Geheimnis des Glaubens getragen, durchdrungen, erfüllt ist.

Dieser uns angemessene Zugang ist das Gebet.

Der oben stehende Text aus dem Epheserbrief ist in der Luther-Bibel überschrieben mit: ‚Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘.

Wir nähern uns dieser ‚Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘ am besten, wenn wir sie nicht nur als Gebet eines fernen Apostels für eine ferne Gemeinde verstehen, sondern auch und gerade als Gebet für unsere Gemeinde, in der wir leben. Für alle Menschen unserer Gemeinde und für jeden einzelnen Menschen in unserer Gemeinde.

Der Apostel nähert sich mit diesem Gebet dem an, was von Gott her längst geschehen ist und da ist – und sich immer wieder und immer neu ereignen wird. Im Gebet wird es besonders bewusst und vergegenwärtigt. Spüren wir also diesem Gebet für die Gemeinde nach. Öffnen wir uns für dieses Gebet als ein Gebet, das uns gilt, nicht nur uns, aber auch uns. Folgen wir dem Gebet des Apostels, das auch unsere Wahrheit und Wirklichkeit vor Gott ausspricht und aufnimmt und vor Augen stellt.

Das Gebet beginnt mit einer Geste, die selten geworden ist: dem Kniefall. Wir kennen sie von Trauungen und Konfirmationen. Als ich konfirmiert wurde, haben wir auch das Abendmahl im Knien empfangen.

Das Knien vor Gott symbolisiert die Bereitschaft, etwas zu empfangen: die Abendmahlsgaben, den Segen Gottes: als Jugendlicher, nachdem man einige Zeit ganz bewusst sich mit dem Dreieinigen Gott in einer Gemeinde und darin besonders in einer Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Mit-Konfis auseinandergesetzt hat und vor allem Gottes Liebe und Fürsorge in Gottesdiensten mit und in der Gemeinde gefeiert hat. Den Segen Gottes: später, wenn man mit einem Menschen das Leben teilen will und sich so gemeinsam Gott anvertraut.
Knien vor Gott ist die Haltung der Empfangsbereitschaft.
Wer kniet vor Gott, macht sich kleiner, um Großes zu empfangen.
Wer kniet vor Gott, begibt sich in eine Haltung, wo man im Moment kaum handlungsfähig scheint, und tut dies, um sich stärken zu lassen für ein aktives Leben.

Wer betet, spricht zwar, möchte aber zugleich und vor allem: empfangen. Neue Kraft.
Aus dem Sprechen zu Gott wird ein Hören auf Gott.
Die Worte, die wir im Gebet sagen, wandeln sich allmählich in Worte, die Gott uns sagt.

Das alles meint der Kniefall vor Gott. Er zeigt die Richtung unserer Haltung, die Bereitschaft, den Willen zu völliger Offenheit für Gott, tiefem Vertrauen zu Gott, kindlicher, das heißt vorbehaltloser Vertrautheit mit Gott. Die Bereitschaft und den Willen, sich von Gott stärken, beschenken, erfüllen zu lassen. Dies alles wieder aufs Neue.

Der Apostel beugt sich vor Gott, dem Vater, um anzunehmen, sich aktuell anzueignen, was Gott längst getan, gegeben hat und wieder und wieder gibt. Bei jedem Gebetsakt ist das so.

Der Apostel bittet um ‚Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit‘. Sie soll bewirken, dass der innere Mensch, der Mensch von innen heraus gestärkt werde durch Gottes Geist (nach Epheser 3, 16), und er betet darum, „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ (Epheser 3, 17a) Der Apostel stellt in dem Gebet fest und spricht der Gemeinde zu, was er, der Apostel, und sie, die Gemeinde, von Gott zugesprochen bekommt. Beten und empfangen gehen hin und her. Das also gilt der Gemeinde: „ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet“. (Epheser 3, 17b) Christus also, so betet der Apostel, möge bei uns einziehen, nicht nur in unser Haus, nicht nur in das Haus der Gemeinde, nicht nur in das Gemeindehaus schlechthin, die Kirche, sondern in unsere Herzen. Da möge er Wohnung finden, da mögen wir Christus beherbergen.

Jesu Eltern, Maria und Josef, hatten ja schon einmal „keinen Raum in der Herberge“ gefunden (Lukas 2, 7b). Von alleine öffnen sich Türen und Herzen nicht immer.

Christus im Herzen. Das beschreibt den Glauben: der Glaube sozusagen als Herzensweitung. Damit Platz für Christus bleibt. Glaube macht die Herzen weit und frei und offen, um aus dem Kreisen um sich selbst auszubrechen, um aus dem Blickwinkel der eigenen Sorgen und Wünsche, Probleme und Sehnsüchte herauszutreten, um andere genauer wahrzunehmen: ihre Sorgen und Wünsche, ihre Probleme und Sehnsüchte, um ihr Eigenes, ihr Anderes, nicht Austauschbares zu entdecken, genauso wie das Gemeinsame, Verbindende.

So stehen wir gemeinsam vor Gott, lassen uns von Gott füllen, dem Gott, der Mensch wurde und nun das Göttliche und das Menschliche in sich vereint: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30) Nicht mehr nur auf der Erde besucht uns Jesus und bringt uns Gott nahe, sondern in unserem Herzen will Christus wohnen, damit uns Gott nahe bleibt, damit wir Gott in uns tragen, jederzeit und überall. Wo wir auch sind. Wann auch immer.

Gott bleibt nicht bei sich selbst. Mit Christus im Herzen bleiben auch wir nicht bei uns selbst, sondern wenden uns anderen zu, so gut wir das können und so gut das für andere ist. So wie wir selbst von der guten Zuwendung anderer leben.

Das sind die Konsequenzen des Gebetes des Apostels für die Gemeinde. Der Apostel beschreibt, was ist, damit es neu wird. Er bittet, dass geschieht, was von Gott her längst ist.

Und so beschreibt er uns als in der Liebe eingewurzelt und gegründet. Wiederum, damit sich das auch zeigt und bewahrheitet. Dafür ist aber die Erinnerung, die Bewusstmachung, die Vergegenwärtigung im Gebet wichtig.

Der Apostel malt ein eindrückliches Bild. Wurzeln stehen für Kraft und Stärke. Mit diesem Bild beschreibt er unseren Halt und unseren Stand in der Liebe. Liebe ist eine starke Macht.
Wurzeln bieten Halt und Standfestigkeit, sie trotzen Stürmen, die von außen kommen.
Wurzeln breiten sich aus.
Wurzeln nähren. Die Liebe!
Eingewurzelt in der Liebe – ein eindrückliches Bild für die Kraft, die uns Gott geschenkt hat und immer neu schenkt.

Die Liebe ist es, der wir uns täglich verdanken: Wir sind da, wir können leben. Vielleicht gesund, vielleicht krank, vielleicht vital, vielleicht hinfällig, vielleicht froh, vielleicht unglücklich – so klar lässt sich das ohnehin nicht immer trennen und auseinanderhalten. Bestimmt aber: getragen und bewahrt, angenommen und geliebt. Von Menschen. Durch ihre Herzlichkeit, ihre guten Worte, ihr stilles Verstehen, ihre umstandslose Hilfe. Ich meine, wir sehen darin die Liebe Gottes, ihre Zeichen und Spuren.

Wir sehen und spüren die Liebe Gottes auch in der Natur, die – so sehr sie geschunden und ausgebeutet ist, so arg sie leidet und erhitzt und verdorrt – doch immer noch und immer wieder so unendlich viel Schönes bereithält und hervorbringt. Sie erfreut uns, obwohl wir sie oft und, auf‘s Ganze gesehen, nicht gut behandeln. Sie erfreut uns gerade in dieser Jahreszeit, wo ständig Neues blüht und grünt – geradezu ein Sinnbild für die verschwenderische Fülle Gottes.

Die Liebe Gottes ist das glatte Gegenteil von allem Berechnen, Einteilen, Abwägen, Ausmessen und Zumessen. Liebe ist großzügig, verschwenderisch, rechnet nicht und zählt nicht.

Wir erfahren die Liebe aber auch – das ist am Ende bald das Wichtigste – in der Fähigkeit, die wir bei uns selbst bemerken, dass wir Liebe schenken können und es auch tun: für andere Meschen da zu sein, ihnen offen zu begegnen: mit unserem Innersten, unserem Herzen, von Christus, der in ihm wohnt, geweitet.

So kann man von sich selbst absehen, sich loslassen, sich anderen zuwenden und hingeben, sich auf sie einzulassen, ihnen zuhören, mit ihnen denken und sprechen. Mit dem Herzen, dem von Christus bewohnten und geweiteten Herzen, bei anderen zu sein – so findet und gewinnt man Leben. Das ist Gottes Geheimnis der Liebe und der Hingabe. Von Jesus ist das Wort überliefert: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ (Matthäus 10, 39)

Nun wird Liebe oft genug versagt. Unser Miteinander in der Gesellschaft ist auch von Gleichgültigkeit gegenüber anderen oder Berechnung oder Egoismus oder Übervorteilung oder Überheblichkeit oder Abwertung oder Ausgrenzung geprägt. Auch in Gemeinden kommt das vor. Darunter leiden Menschen. Und an dem, worunter sie leiden, was ihnen fehlt, merken sie, wie lebensnotwendig der respektvolle, den Wert anderer hochschätzende Umgang ist. Wir leben von Liebe, die den Mitmenschen als von Gott geachtet und geliebt sieht und behandelt. Wir brauchen sie.

Das Gebet um unsere Einwurzelung und Gründung in der Liebe, auch darum, dass Christus in unseren Herzen wohnen und wohnen bleiben möge, überholt sich keineswegs! Gebet ist auf Wiederholung, auf Übung angelegt.

Das Gebet des Apostels für die Gemeinde und die Gemeinden richtet sich an Gott, der über alles Begreifen und Verstehen hinaus ist. Gott entzieht sich unseren Mitteln, etwas zu erfassen: Sprache, Vorstellungskraft, Gefühle, Logik, Mathematik, Naturwissenschaft. Auch dem Bemühen der Philosophie, ja selbst: der Theologie ist Gott wieder und wieder entzogen.

Gott wendet sich uns aber zu und kommt uns näher als wir’s zu fassen vermögen. Das Gebet, ‚dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne‘, ist ja selbst der Versuch, Gottes unbegreifliche Nähe sprachlich, bildlich, sprachbildlich zu fassen.

Gott lässt sich nicht vermessen, und doch soll das Bild von Christi Einwohnung in unseren Herzen und unserer Einwurzelung und Gründung in der Liebe uns eine Erkenntnis erlauben und ermöglichen: „damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (Epheser 3, 18+19)

Breite, Länge, Höhe, Tiefe – man spürt die Weite, die Unfassbarkeit, die Uneinholbarkeit Gottes. In keinem Koordinatensystem lässt sich Gott verorten und festschreiben. Die Erkenntnis, die der Glaube schenkt, richtet sich auf etwas, das alle Erkenntnis übertrifft: „damit ihr … die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft“ (s.o.). Unsere Gotteserkenntnis fängt, was sie erkennen will, nie ein. Die Liebe ist immer mehr als alles Begreifen, Verstehen, Erkennen. Gott auch. Christus auch. Christi Liebe auch.

So lange bleibt die Gotteserkenntnis offen, „bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (s.o.)

So lange bleiben Gebete unüberholt, notwendig, sinnvoll, hilfreich – für uns selbst und für andere. Wir können diesen Abstand nicht überwinden. Aber ‚Christus möge durch den Glauben in uns wohnen, wir sind in der Liebe eingewurzelt und gegründet.‘ Das ist mehr als genug für jeden Tag und für ein ganzes Leben.

Gott hebt den Abstand auf, Gott ergreift uns, unsere Herzen, unser Denken, unser Tun und Lassen. Gott versteht uns. Besser versteht Gott uns als wir uns selbst verstehen. Jesus hat’s seine Jüngerinnen und Jünger gelehrt, als er ihnen sein Gebet an unseren gemeinsamen Vater an die Hand gab und in den Mund legte: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Liebe Gemeinde, es ist eine leidvolle Erfahrung für viele Menschen: Viele Gebete bleiben unerhört – meinen sie, empfinden sie. Bleiben die Gebete auch ungehört? Auch das ist eine Frage des Sonntages Exaudi, der seinen lateinischen Namen aus Psalm 27, 7 bezieht (lat. exaudire = hören, erhören): „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Ich sage hier einmal paradox und überspitzt: Es werden auch Gebete erhört, die gar nicht stattgefunden haben. Oder klarer: Gott hat aus unseren Gebeten, den selbst formulierten wie auch dem Gebet mit Jesu Worten, dem Vaterunser, das gehört und das erhört, was uns gut und lebensdienlich ist. Das ist die Gotteskraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3, 20).

Suchen Sie einmal in Ihrem Leben: Was haben Sie Gutes bekommen, ohne darum gebeten oder gebetet zu haben? Welche Menschen haben Sie kennengelernt, die Ihnen gutgetan haben, mit denen Sie nie gerechnet, auf die Sie nie gehofft, nie gewartet, um die Sie nie gebetet haben? Welche Aufgaben sind Ihnen zugewachsen, die Sie sich nicht gesucht haben, für die Sie sich vielleicht auch gar nicht geeignet hielten, die Sie aber erfüllen konnten und die Sie erfüllt haben und segensreich wirken ließen?

Und forschen Sie noch weiter: Nicht allein: Was ist Ihnen Gutes widerfahren, ohne dass Sie’s gesucht oder erbeten hätten? Sondern auch: Was ist Ihnen – Gott sei Dank! – erspart geblieben, weil es anders kam, als Sie’s gewollt und erbeten haben?

Dies alles sind ja nur vage Andeutungen und Ausblicke über unseren begrenzten Horizont hinaus: hinein in das Wirken und Walten des unendlichen und unbegreiflichen Gottes. Gott ist uns ferner als es menschlichem Scharfsinn erscheinen will. Und näher als es das menschliche Herz zu fühlen vermag!

Dass Gott uns versteht, ist wichtiger als dass wir Gott verstehen.

Dass Gott uns liebt und zur Liebe befähigt, dürfen wir glauben. Gott dürfen wir vertrauen. Unsere Lieben Gott anvertrauen im Gebet, wie auch unsere Gemeinde, unsere Gesellschaft, unser Leben, unsere Welt – mit allem, was auf ihr lebt und leben will und leben wird. Vom Gebet begleitet, getragen, ermutigt unseren Glauben und unsere Liebe, beides von Gott gewirkt, zu leben – das ist viel und das ist schön. Es wird uns Kraft geben. Kraft von Gott. Gottes Fülle wird das Ihre tun und geben. Amen.

Singen des Wochenpsalms bei YouTube

Psalm 27 (7. Woche der Osterzeit – Exaudi)

Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “

Lesepredigt zu Christi Himmelfahrt 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

1. Könige 8, 22-24.26-28:
22 Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel
23 und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;
24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
… … …
26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.
27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?
28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Lukas 24, 50-53:
Jesu Himmelfahrt
50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Liebe Gemeinde, seit jeher fasziniert der Himmel die Menschen. Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. Der Blick in den Himmel lässt staunen: makelloses Blau, Wolkenformationen, Schönwetterwolken, feine Schleierwolken, dunkle Wolken, Abendrot – manchmal durch Wolken reflektiert, so dass das Rot bis nach Osten zurückstrahlt! Manchmal ist der Himmel auch grau – oder weiß. Der Himmel erscheint wie ein Bogen, der sich von Horizont zu Horizont spannt, eine Haube über uns. Der Blick in den Himmel: grenzenlose Weite. Der Sternenhimmel nachts: unendliche Fülle, erhaben. Wir erleben uns als Teil der Schöpfung. Klein oder groß!

Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. So dass dieser über sich hinausgeht. Den Menschen hat es in den Himmel gezogen. Da merkt er seine Grenzen – und seine Sehnsucht.

Gott im Himmel? Ein Theologe hat einmal bemerkt: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern: wo Gott ist, da ist der Himmel.“

Menschen suchen Gott, fragen nach Gott. Nicht immer finden sie Gott. Menschen erfahren nicht nur den nahen, sondern auch den fernen, nicht nur den offenbaren, sondern auch den verborgenen, nicht nur den zugewandten, sondern auch den sich abwendenden, sich entziehenden Gott. Glückliche und schmerzliche Erfahrungen sind das. Schmerzlich ist es, wenn wir nur noch dunkles Schicksal spüren, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Verlust, Trauer, Leere, Aussichtslosigkeit. Gut ist es, wenn die Sehnsucht nicht stirbt. Im Schmerz nicht und auch im Glück nicht! Dann und wann, hier und da findet die Sehnsucht spürbar Erfüllung – jedenfalls im Ansatz: Momente der Stimmigkeit, des Glücks, des Einklangs, der Gemeinschaft, der Vergebung, des Trostes, des Verständnisses, der Freude. Wir spüren die Weite in unserem Leben. Raum und Zeit zum Leben. Himmel über uns. Boden, der trägt. Gott bei uns.

So oder so: Gerade der glaubende Mensch weiß: Wir können über Gott nicht verfügen. Vertrauen ist nicht Verfügen, nicht Beherrschen. Wir können Gott nicht herbeinötigen und nicht für unsere Wünsche, Vorstellungen, Ziele in Gebrauch nehmen. Vielmehr: Gott kommt auf uns zu, dann und wann, hier und da – wenn wir nicht mit Gott rechnen oder auch: wenn wir zu Gott flehen. Wir wissen es nicht, es kann aber sein, dass Gott uns ergreift, durchfährt, erschüttert oder beruhigt. Je nachdem. Christenmenschen halten sich offen für Gott, damit Gott – zu unserem Guten wirkend – uns offen vorfindet.

So macht es auch schon Salomo: Er weiht den neu gebauten Tempel Jerusalems ein. Er betet zu Gott „und breitete seine Hände aus gen Himmel“ (s.o. 1. Könige 8, 22b). Sichtbar hält sich Salomo offen für Gott. Und beschränkt Gott eben nicht auf den Tempel! Das Tempelgebäude will Gott nicht einfangen, einengen, festhalten, gewiss auch nicht festlegen: „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Könige 8, 27) – Nebenbei: Dieser Vers wird gerne bei Kircheneinweihungen zitiert!

Menschen brauchen Orte, die ihnen bei ihrer Offenheit zu Gott helfen. Wo sie ablegen können: ihre Sorgen, ihre hinderlichen Gedanken, ihre Alltagsgeschäfte. Man wird all das nicht einfach verlieren, man sollte all das auch nicht verdrängen. Aber man kann frei und offen werden für Anderes, Neues, Gutes, Wegweisendes, Entlastendes: offen für Gottes Einzug in uns.

Der Tempel war ein solcher Ort. Kirchengebäude sind es auch. Sie halten sich offen hin zum Himmel, zeigen dies in der Architektur: Turm, Gewölbe, Streben nach Höhe oft auch in der Fensterform. (Decken-)Gemälde lassen den Blick in den Himmel wandern, nach oben, zu Gott, über uns hinaus – hinein in die umfassende Wirklichkeit, deren Teil wir sind und die uns viel zu geben hat. Von der wir leben.

Kirchengebäude helfen uns also, zu Gott zu finden bzw. uns für Gott bereit zu halten. Aber es geht überall! In besonders schönen Orten der Natur – unter Gottes freiem Himmel – sicherlich besonders gut.

Als Jesus in den Himmel auffuhr, wie es die Bibel kurz und knapp erzählt (s.o.: Lukas 24, 50-53), als er sich also von seinen Jüngern verabschiedete – mit seinem Segen! – da weinten sie nicht und trauerten sie nicht, sondern: sie „beteten ihn an“ (Lukas 24, 52). So konnten sie Jesus nahe bleiben, die Verbindung halten, sich von ihm füllen lassen. Und sie wurden tatsächlich erfüllt: „mit großer Freude“ (Lukas 24, 52). Das blieb vielleicht kein durchgängiges, gewiss aber ein tragendes Gefühl. Und der Tempel war der Ort, wo sie sich zusammenfanden und in dieser Freude ‚Gott priesen‘ (Lukas 24, 53). Damit endet übrigens das Lukas-Evangelium. Das zweite Buch des Evangelisten Lukas, die Apostelgeschichte, enthält gleich im ersten Kapitel eine zweite Erzählung über Christi Himmelfahrt, ein wenig ausführlicher. Wohlgemerkt: Es ist derselbe Autor, der beide Fassungen seiner Erzählung über Christi Himmelfahrt sicherlich bewusst und gezielt so platziert: an das Ende des einen und an den Anfang des nächsten Buches, quasi als Scharnier.

Salomo, die Jünger, Christenmenschen aller Couleur: In der offenen Haltung zu Gott werden wir Erfahrungen machen mit Gott. Nichts können wir erzwingen. Aber wir müssen auch nicht ausschließlich warten. Das Gebet ist unsere Möglichkeit, unser Weg, selbst aktiv zu werden, die Offenheit zu Gott mit Leben zu erfüllen. Besondere Orte und Zeiten erleichtern uns das Gebet – keine Frage! Aber wirklich notwendig sind besondere Orte und Zeiten nicht. Jederzeit und überall können wir uns offenhalten für Gott. Gebete sind orts- und zeitunabhängig!

Schließlich: Beten heißt nicht nur Reden. Besonders wortreich muss es schon gar nicht sein. Hören, Wahrnehmen, Hinschauen, Aufnehmen ist mindestens so wichtig. Wie oft zeigt sich Gott in Worten und Gesten des Alltags: im Gespräch mit Menschen, in ihrem Verstehen und Ermutigen oder in ihrem Mahnen und Warnen, in ihrem liebevollen, oft unauffälligen Tun. In all dem kann, ohne dass es uns bewusst ist oder wird, Jesus mitten unter uns sein.

Das ist Christi Himmelfahrt: Jesus Christus ist nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. Überall und jederzeit können wir ihm begegnen. In Situationen der Freude und in Situationen des Leidens, im Glück, in der Einsamkeit … . Kein Ort, kein Tag, den Jesus meiden würde. Nicht immer entdecken wir ihn, aber es wollen, Augen und Ohren, Kopf und Herz offenhalten für ihn, das können wir – oder können es üben, trainieren. Ich bin gewiss: Jesus Christus ist uns viel näher als wir ahnen. Amen.