Psalmen singen und meditieren – Psalm 119 VII (7. Woche nach Trinitatis)

Zwischen Pfingsten und dem Ende des Kirchenjahres sind es in diesem Jahr genau 22 Sonntage. Das bietet die Möglichkeit, jede Woche eine der 22 Strophen von Psalm 119 – entlang den 22 Buchtstaben des hebräischen Alphabets, Alef bis Taw – zu singen und zu meditieren. Der Psalm besingt immer wieder neu die Tora, die Weisung Gottes. Den Strophen von Psalm 119 stellen wir 22 Abschnitte der Weisung der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zur Seite. Über Psalm 119 sagt Martin Luther, er sei „ein geistlich göttlich Spiel, das man täglich üben soll“. Das gilt ganz bestimmt genauso für die Bergpredigt. Die Psalmen erklingen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Übersetzung der Psalmen folgt dem „Münsterschwarzacher Psalter“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Die Bergpredigt erklingt in der Übertragung von Walter Jens (Die vier Evangelien, Radius-Verlag Stuttgart 2003). Es liest Reiner Unglaub (www.reiner-unglaub.de). Das Bild zum Psalmvers „Ich gedachte deiner Entscheide von ehedem, o HERR, ich fand meinen Trost darin.“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. w

Psalmen singen und meditieren – Psalm 119 VI (6. Woche nach Trinitatis)

Zwischen Pfingsten und dem Ende des Kirchenjahres sind es in diesem Jahr genau 22 Sonntage. Das bietet die Möglichkeit, jede Woche eine der 22 Strophen von Psalm 119 – entlang den 22 Buchtstaben des hebräischen Alphabets, Alef bis Taw – zu singen und zu meditieren. Der Psalm besingt immer wieder neu die Tora, die Weisung Gottes. Den Strophen von Psalm 119 stellen wir 22 Abschnitte der Weisung der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zur Seite. Über Psalm 119 sagt Martin Luther, er sei „ein geistlich göttlich Spiel, das man täglich üben soll“. Das gilt ganz bestimmt genauso für die Bergpredigt. Die Psalmen erklingen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Übersetzung der Psalmen folgt dem „Münsterschwarzacher Psalter“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Die Bergpredigt erklingt in der Übertragung von Walter Jens (Die vier Evangelien, Radius-Verlag Stuttgart 2003). Es liest Reiner Unglaub (www.reiner-unglaub.de). Das Bild zum Psalmvers „HERR, es komme zu mir deine Liebe und dein Heil, nach deiner Verheißung.“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird.

Sonntag um 10.00 Uhr: Gottesdienst aus der Stadtkirche Haiger

Am kommenden Sonntag, den 19. Juli „senden“ wir ab 10.00 Uhr wieder einen Gottesdienst aus der Stadtkirche Haiger.

Im Kirchenjahr feiern wir den 6. Sonntag nach Trinitatis, an dem die Taufe des Einzelnen Thema ist. Und so geht es an diesem Sonntag in unserm Gottesdienst um eine der berühmtesten und spannendsten Tauferzählungen der Bibel.

Unter folgendem Link kann der Gottesdienst am Sonntag ab 10.00 Uhr bei YouTube aufgerufen werden (vor 10.00 Uhr funktioniert der Link noch nicht):

https://youtu.be/GjMmdBzECOo

Psalmen singen und meditieren – Psalm 119 V (5. Woche nach Trinitatis)

Zwischen Pfingsten und dem Ende des Kirchenjahres sind es in diesem Jahr genau 22 Sonntage. Das bietet die Möglichkeit, jede Woche eine der 22 Strophen von Psalm 119 – entlang den 22 Buchtstaben des hebräischen Alphabets, Alef bis Taw – zu singen und zu meditieren. Der Psalm besingt immer wieder neu die Tora, die Weisung Gottes. Den Strophen von Psalm 119 stellen wir 22 Abschnitte der Weisung der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zur Seite. Über Psalm 119 sagt Martin Luther, er sei „ein geistlich göttlich Spiel, das man täglich üben soll“. Das gilt ganz bestimmt genauso für die Bergpredigt. Die Psalmen erklingen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Übersetzung der Psalmen folgt dem „Münsterschwarzacher Psalter“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Die Bergpredigt erklingt in der Übertragung von Walter Jens (Die vier Evangelien, Radius-Verlag Stuttgart 2003). Es liest Reiner Unglaub (www.reiner-unglaub.de). Das Bild zum Psalmvers „HERR, weise mir den Weg deiner Gesetze! Ich will ihn wahren bis ans Ende.“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird.

Psalmen singen und meditieren – Psalm 119 IV (4. Woche nach Trinitatis)

Zwischen Pfingsten und dem Ende des Kirchenjahres sind es in diesem Jahr genau 22 Sonntage. Das bietet die Möglichkeit, jede Woche eine der 22 Strophen von Psalm 119 – entlang den 22 Buchtstaben des hebräischen Alphabets, Alef bis Taw – zu singen und zu meditieren. Der Psalm besingt immer wieder neu die Tora, die Weisung Gottes. Den Strophen von Psalm 119 stellen wir 22 Abschnitte der Weisung der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zur Seite. Über Psalm 119 sagt Martin Luther, er sei „ein geistlich göttlich Spiel, das man täglich üben soll“. Das gilt ganz bestimmt genauso für die Bergpredigt. Die Psalmen erklingen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Übersetzung der Psalmen folgt dem „Münsterschwarzacher Psalter“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Die Bergpredigt erklingt in der Übertragung von Walter Jens (Die vier Evangelien, Radius-Verlag Stuttgart 2003). Es liest Reiner Unglaub (www.reiner-unglaub.de). Das Bild zum Psalmvers „Am Staub klebt meine Seele. Belebe mich nach deinem Wort.“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird.

Lesepredigt zum Dritten Sonntag nach Trinitatis 2020 (28. Juni 2020)

Von Pfarrer Andreas Strauch

Hesekiel (= Ezechiel) 18, 1-4.21-24.30-32:
1 Und des Herrn Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der Herr. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Liebe Gemeinde,
Sprichwörter geben Erfahrungen weiter.
Das zitierte Sprichwort von den sauren Trauben, die die Väter essen – und die Kinder bekommen davon stumpfe Zähne – war seinerzeit bekannt und in Umlauf.
In ihm spiegelt sich eine Erfahrung wider, die zeitübergreifend ist.
Wie oft müssen Menschen die Suppe auslöffeln, die andere ihnen eingebrockt haben – so sagen wir in einer Redewendung.
Manchmal ist es uns gar nicht bewusst:
Wir sind – auch – Produkt von Verhältnissen.
Wir sind geprägt.

Das Elternhaus, in dem wir aufgewachsen sind, spielte eine wichtige, schwer zu überschätzende Rolle für unser Leben; das Elternhaus, in dem Kinder aufwachsen, spielt eine wichtige, schwer zu überschätzende Rolle für deren Leben:
für die Bildung,
für die Gesundheit (durch die Ernährung),
für das Selbstbewusstsein (durch Ermutigung, Wertschätzung, Vertrauen, Freiheit, Liebe),
für soziale Kontakte:
Mit welchen Menschen kommen wir zusammen?
Was wird gefördert, was nicht?
Welche Umgangsformen lernen Kinder und Jugendliche, welche Werte? Was haben wir Erwachsene seinerzeit davon gelernt und uns bewahrt?
Wurde/ wird offen geredet im Elternhaus – oder geschwiegen? Konnte etwa die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit mit den Eltern, die diese miterlebt haben, geführt werden – wenn ja: wie konnte sie geführt werden?
Wie wird mit Konflikten, Fehlern, Schuld umgegangen? –
Vieles bekommen wir von zu Hause mit, haben wir dort gelernt, hat Einfluss auf unser Verhalten, Empfinden und Denken.

Aber auch die politischen Verhältnisse prägen Menschen:
In welchem politischen System wächst man auf?
In einer Demokratie, in einer Diktatur? Kennt man von daher Angst oder Widerstand oder Mut oder Feigheit oder Bedrückung oder Freiheit – wie mischt sich das?

Schließlich sind wir auch in unserem Glaubensleben geprägt, auch da fragt sich:
Was haben wir mitbekommen?
Was ist uns wichtig geworden?
Erfahren wir den Glauben eher als einengend oder als befreiend?
Wer hat uns geprägt? Oft sind es Großmütter gewesen. Oder Mitarbeiter der Jugendarbeit. Manchmal auch ein Pfarrer oder eine Pfarrerin.

Also: Wir sind Produkte von Menschen und Verhältnissen – auch.
Und für vieles müssen wir geradestehen, was andere vor uns, mit uns und für uns gemacht oder nicht gemacht haben.

So können wir uns nicht einfach der Versöhnungsarbeit verweigern, nur weil wir Nachgeborene sind. Die Gräuel der NS-Zeit und auch des ersten Weltkrieges legen uns später Lebenden Verpflichtungen auf.

Und wir heute Lebenden müssen auch an unsere Nachgeborenen denken!
Mit unserem Lebenswandel, unserem Umgang mit Ressourcen, unseren Bemühungen zum Artenschutz fallen die Entscheidungen für die Zukunft. Jetzt werden die Weichen gestellt!
Nachfolgende Generationen bekommen hoffentlich keine stumpfen Zähne – wenn wir heute keine sauren Trauben essen!
Nachfolgende Generationen finden die Ergebnisse und Konsequenzen unserer Entscheidungen vor.

Wiederum: Auch kirchlich haben wir erlebt: Zwei bis drei Generationen haben ausgereicht, um einen weitgehenden Traditionsabbruch  entstehen zu lassen, der sich nur ganz langsam wieder auffüllen lässt.

Und doch – ist das alles nicht alles, es ist nur die halbe Wahrheit, weniger sogar.

Die Israeliten dachten auch so, wie es das damals gängige Sprichwort ausdrückt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ (s.o. Hes./Ez. 18, 2 b)
Sie waren im Exil.
Das waren ihre stumpfen Zähne.
Verursacht von den sauren Trauben der Väter: die ständige Abkehr von Gott.
Hesekiel (in der Luther-Bibel genannt: Ezechiel), der Prophet, der erst im Exil zum Propheten berufen wurde, teilt ihnen den anderen Teil der Wahrheit mit, den größeren: Gottes Wahrheit.
Er setzt das Sprichwort außer Kraft – in gewisser Weise jedenfalls.
Nicht weil es gar nicht stimmt.
Sondern weil man da nicht stehen bleiben soll.
Damals nicht wie heute nicht.
Es gibt nicht nur die Verantwortung der Vorfahren, es gibt auch eine eigene Verantwortung!
Um die geht es.

Jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich.
Jeder Mensch ist dabei unmittelbar zu Gott.
Man kann sich da nicht auf andere berufen oder an andere dranhängen.
Es geht darum, was wir aus unserem Leben machen, wie wir uns zu Gott stellen – heute, unabhängig von den Lasten unserer Vergangenheit, wenn auch unter ihren Bedingungen.

Ja, die Vergangenheit prägt unser Leben – immer, jeden Tag wird unsere Vergangenheit länger und kommen Erfahrungen, eben auch prägende Erfahrungen hinzu.
Aber lähmen, festlegen kann und soll die Vergangenheit uns nicht.
Nicht solange wir leben.
Sonst wären wir wirklich tot.
Wir haben immer noch selber Handlungsspielraum.

Das ist ein Gedanke, der gerade auch evangelischen Christen guttut.

Natürlich betonen wir immer wieder, wie wir von Gott, dem dreieinigen Gott, gefüllt sind, wie wir Gott im Grunde nur machen lassen müssen.
Dass es – vor allem Handeln – das wichtigste ist, sich für Gott offen zu halten: nicht den eigenen Werken das Entscheidende zuzutrauen, sondern Gottes Werken, Gottes Handeln.
Es stimmt und kann gar nicht oft genug gesagt werden.
Paulus und Luther haben es immer wieder erfahren und gesagt.
Das ist evangelische Freiheit.
Freiheit vom Zwang, es selbst richten zu müssen oder zu wollen.
Das ist Evangelium pur!

Und daraus ergibt sich, wie von selbst: Derart von Gott gefüllt, sind wir nun auch in der Lage, selbst etwas zu tun.
Aus dem Empfangen folgt Kraft, Können!
„Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“ (s.o. Hes./Ez. 18, 31 a)
Tatsächlich!
Dazu werden die Hörenden des prophetischen Wortes aufgefordert, befähigt, ermutigt, ermächtigt!
Auch wir?

Ja, die Vergangenheit muss und soll uns nicht lähmen und festnageln.
„Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben …“ (s.o. Hes./Ez. 18, 22)
Immer wieder ist Neuanfang möglich – freilich unter den Bedingungen und Prägungen der Vergangenheit.
Sie können stark sein, aber solange wir noch Kraft zum Atmen haben, solange wir noch leben, können wir jeden Tag neu entscheiden,
wie wir unser Leben gestalten,
wie wir unsere Kraft und unsere Zeit einsetzen und wem wir sie zugutekommen lassen,
wie wir mit unseren Fehlern umgehen – und denen anderer,
wie wir uns zu Gott stellen,
wie wir seine Gebote – Angebote zur Freiheit und zu einem guten, von Liebe geprägten Leben – nutzen; sie gipfeln im Gebot der Gottes-, der Nächsten-, der Selbstliebe, keines ohne das andere, alles miteinander.
Es wird uns auch etwas zugetraut und zugemutet.

Jeden Tag können und müssen wir das neu entscheiden.
Nicht einmal.
Man kann sich einmal entscheiden.
Aber jeden Tag will das umgesetzt und gelebt werden.
Daher ist auch Bekehrung nichts Einmaliges, sondern immer neue Hinwendung zu Gott.
Und Umkehr ist nicht ein ständiges Vor und Zurück, sondern eine immer neue Orientierung am Lebenswillen und Lebensangebot Gottes für uns – mit dem Blick der Liebe auch für unsere Vorfahren, die uns geprägt haben, und mit dem Blick der Liebe auch für unsere Kinder, Enkel, Urenkel und die Generationen, die wir nicht mehr persönlich erleben und kennen lernen werden.
Auch sie wollen leben.
Machen wir Heutigen es ihnen nicht zu schwer und engen sie nicht ein in ihren Möglichkeiten.
Gott will unser Leben – ganz gewiss.
Das Leben der Menschheit, der Tiere und der Pflanzen, das Leben seiner ganzen Schöpfung, seiner Welt in den Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Ergreifen wir Gottes Lebenswillen dankbar und beherzt.
Wenden wir uns erneut zu Gott hin, der Quelle unseres Lebens, der wir uns täglich verdanken. – Amen.

Lesepredigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis (28. Juni 2020)

von Pfr. Ralf Arnd Blecker.

Er hat zwei Seiten, liebe Leserin, lieber Leser!

Zunächst die eine: Er ist ein knallharter Kritiker.

Er kritisiert zum Beispiel den Immobilienmarkt:

Weil sie die Macht haben, begehren sie Äcker und nehmen sie weg, Häuser und reißen sie an sich. So treiben sie Gewalt.“

Er beklagt: die Mächtigen beuten die einfachen Leute aus:

Sie hassen das Gute und lieben das Arge; sie schinden ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen und fressen das Fleisch meines Volks.“

Und er prangert Korruption an und puren Eigennutz:

Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. … Obere und Richter fordern Geschenke.“

Die Rede ist vom Propheten Micha, einem Zeitgenossen Jesajas.

Ich habe im Präsens formuliert, aber der Prophet Micha lebte vor 2.700 Jahren im heutigen Israel.

Man vermutet, er war ein armer Bauer oder ein Landarbeiter, vielleicht aber auch ein kleiner dörflicher Grundbesitzer. Michas Worte aus einer längst vergangenen Zeit werden merkwürdigerweise auch heute verstanden.

Seine Kritik am Häuser-an-sich-reißen verstehen heutige Geringverdiener gut, wenn sie in München, Bremen, Hamburg oder in Berlin eine bezahlbare Wohnung suchen. Die Kritik an der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft – man versteht sie auch heute. Nicht nur als osteuropäischer Arbeiter in einem deutschen Schlachthof.

Und dass der eine versucht, den andern zu übervorteilen – auch das verstehen Menschen 2.700 Jahre nach Micha.

Das war nun die eine Seite des Propheten Micha, die knallharte Sozialkritik.

Gleichzeitig jedoch ist er ein großer Visionär.

Eine Vision kennen Sie bestimmt:

„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter Tausenden in Juda, aus dir soll mit der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ (Micha 5)

Diese Weissagung Michas hören die Weisen aus dem Morgenland und machen sich auf, um den Heiland der Welt als Kind armer Leute in einer Krippe im letzten Winkel der damals bekannten Welt zu finden.

Ähnlich bekannt ist Michas Vision eines göttlichen Friedens, in dem ab- und umgerüstet wird:

„Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,3-4)

Und es ist schon erstaunlich: Der Prophet Micha lieferte das Motto für die DDR-Friedensbewegung in den 70er Jahren, das dann auch von der westdeutschen Friedensbewegung   übernommen wurde: Schwerter zu Pflugscharen!

Hier haben wir die andere Seite von Micha, die visionäre. Zur visionären Seite gehört auch der Schluss des Buches Micha.

Und hierher gehört der Predigttext, den unsere Perikopenordnung für den 3. Sonntag nach Trinitatis (28. Juni 2020) vorsieht::

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“ (Micha 7,18-20)

In einer besonderen Weise stellt Gott sich hier vor. Nicht als der Mächtige, der Allmächtige – wie zum Beispiel im 2. Buch Mose:

Wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so herrlich und heilig ist, schrecklich … und wundertätig?“ (2. Mose 15,11)

Gott stellt sich auch nicht als einer, der Stärke verleiht wie zum Beispiel im Psalm:

„Wo ist ein Gott außer dem HERRn oder ein Fels außer unserm Gott? Gott rüstet mich mit Kraft.“ (Ps. 18,32)

Nein, hier am Ende des Micha-Buches, stellt Gott sich anders vor.

Barmherzig ist dieser Gott.

Und er vergibt.

Vergibt Sünde und Schuld.

Wie die Allmacht ist auch die Barmherzigkeit biblische Tradition:

„Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“ (aus Ps. 103, dem Wochenpsalm )

Und auch Mose wusste bereits von diesem vergebenden Gott:

„HERR, HERR Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.“ (2. Mose 34)

Selbst das zuletzt Genannte wäre Gnade. Und Barmherzigkeit. Und Vergebung: Wenn die Sünden unserer Generation bereits in drei oder vier Generationen wieder getilgt wären. Und die Meere wieder frei wären von Mikroplastik, die Erderwärmung gestoppt und der Ausstoß von Schadstoffen massiv gesenkt wären.

Aber wo ist solch ein Gott, der die Sünde vergibt, der die Schuld erlässt und sich erbarmt?

Wo ist dieser barmherzige, gnädige, geduldige und gütige Gott?

An diesen Gott der Gnade und Barmherzigkeit, der uns viele Jahrhunderte nach Micha in Jesus begegnet, scheint kaum jemand zu glauben.

Vielleicht, weil die Menschen am liebsten selber mächtig sind und am allerliebsten allmächtig.

Und keine Gnade walten lassen, geschweige denn Barmherzigkeit, vor allem, wenn´s um Geld geht, um den Gewinn.

Was immer geht, wird gemacht und so viel aus Mensch und Kreatur herausgepresst, wie irgend möglich.

Ein barmherziger und gnädiger Gott – der störte nur.

Er störte nicht allein die Geschäfte.

Auch die Gefühle würde er durcheinanderbringen: die Rache-Gefühle zum Beispiel, in denen man so wunderbar baden kann.

Und die Vergeltungsphantasien wie „Das zahle ich dir heim!“

„Lobe den HERRn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Barmherzigkeit.“ (Ps. 103)

Wenn ich mich – sei es betend, sei es singend – in diesen barmherzigen Glauben hineinschwinge, dann spüre ich, dass ich Gutes empfange; dass ich mir zwar meine Brötchen verdient habe, mein Leben mir aber nicht selbst verdient habe.

Ein barmherziger Gott hat mich „geschaffen … samt allen Kreaturen“, hat „mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben… Und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.“ ( Martin Luther, Der Kleine Katechismus, Das Zweite Hauptstück, EG 806.2 )

Wer so zu glauben versucht, muss über die eignen Allmachtsgelüste lächeln.

Und wird – zwangsläufig fast! – selber barmherzig und lässt die Rache- und Vergeltungsphantasien dahinfahren.

Und erkennt, wie viel Vergebung er oder sie selber nötig hat.

Wer an den Gott der Bibel glaubt, der barmherzig und gnädig ist wie der Vater in Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn, wird selber Gnade walten lassen gegenüber Mensch und Kreatur, selbst wenn es ums Geld geht.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, empfahl Jesus. (Lk 6,36)

Und: „Vergebt, so wird euch vergeben.

Das gelingt – spielend, behaupte ich, wenn ich meine Seele Gott loben lasse und so nicht vergesse, was er mir Gutes getan hat. Amen.

Gebet:

Ach Gott, Vater im Himmel, zu dir dürfen alle kommen, Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte. Ach Gott, lehre uns:die Augen aufmachen, hinsehen, wahrnehmen. Mach uns empfindsam für dich, für andere und für uns selbst. Lass uns neue Menschen werden, Glaubende, Vertrauende. Hoffende. Dies bitten wir dich in Jesu Namen. Amen.

Wochenspruch:

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukas 19, 10)


Wochenlied zum Mitsingen (2 Youtube-Links):

Ev. Gesangbuch (EG) Nr. 353: „Jesus nimmt die Sünder an